Annie Ernaux gilt als Grande Dame der französischen Literatur. In ihren Büchern schreibt sie schonungslos mit sich selbst über gesellschaftliche Unterschiede und weibliche Unabhängigkeit. Ein Gespräch über den schwierigen Kampf um Selbstbestimmung früher und heute.

In Venedig wurde gerade die Verfilmung Ihres Romans «Das Ereignis» mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Sie erzählen darin von Ihrer illegalen Abtreibung im Frankreich der Sechzigerjahre. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Ich mag diesen Film sehr. Der Regisseurin und der Hauptdarstellerin ist es extrem gut gelungen, das Gefühl der Einsamkeit rüberzubringen; dieses Damoklesschwert, dass über einem hängt. Wenn ich sehe, was gerade in Texas passiert, scheint es mir wichtig, dieses Thema noch einmal zu beleuchten. Ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis man das Recht auf Abtreibung auch bei uns wieder anficht.

Im diesem Buch schildern Sie brutal offen das Gefühl der Ohnmacht, wenn man nicht selbst über seinen Körper und seine Zukunft entscheiden kann.
Ich wollte festhalten, wie es sich als Frau ohne das Recht auf Selbstbestimmung anfühlt. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie es war, als die Abtreibung noch illegal war. Niemand half dir, weder die Ärzte noch die Freunde oder die Familie, alle schauten weg. Das war ein Gefühl von immenser Einsamkeit. Es war, als wäre eine Betonwand vor mir hochgezogen, als stünde ich vor dem Gesetz, das sagt: Hier geht es nicht weiter. Ich hatte ja auch kein Geld, um in die Schweiz zu gehen, wie es betuchtere Mädchen damals taten.

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Der Selbstbestimmung, der soziale Aufstieg ist nach wie vor sehr schwer – aber er ist auch heute möglich.

Sie wuchsen in einer Arbeiterfamilie in der Normandie auf und beschreiben diesen Moment, als würde Ihr Körper Sie in Ihr Milieu zurückwerfen. Wie ist das zu verstehen?
Wenn man versucht, seiner ursprünglichen Klasse zu entkommen, so wie ich das damals mit meinem Studium versuchte, dann fragt man sich oft: Worüber werde ich stolpern? Was wird mich am Ende doch daran hindern? Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, schien es mir plötzlich ganz klar: Es würde mein Körper sein, er würde mich ausbremsen. Damals war eine unverheiratete Schwangere der Inbegriff für Armut. Es war die Garantie dafür, dass man es nie rausschaffen würde, dass hier Schluss war.

Diesen gesellschaftlichen Determinismus haben Sie allerdings nicht akzeptiert. Sie wollten selbst über Ihr Leben entscheiden und nahmen dafür sogar in Kauf, dass Sie dabei sterben könnten. Nach der Behandlung durch eine Engelmacherin landeten Sie in der Notaufnahme.
Oh Gott, ja, es war furchtbar. Es klingt sicher verrückt, aber in solchen Situationen denkt man nicht daran, dass man sterben könnte. Man weiss es, aber man blendet es vollkommen aus. Ich bin meinen Weg weitergegangen und habe mich von diesem Verbot des Staates nicht aufhalten lassen. Darauf war ich damals stolz.

Woher stammt Ihr enormer Drang zur Selbstbestimmung?
Von meiner Mutter. Ohne sie wäre ich ganz sicher nicht dort, wo ich heute bin. Der soziale Aufstieg ist ein Exil. Man verlässt eine Welt, trennt sich in gewisser Weise von den Seinen, das ist schwer. Dafür braucht man jemand, der einen dazu animiert, der sagt: Los! Geh! Jemand, der einen nicht zurückhält, auch wenn er weiss, dass man sich zwangsläufig entfernen wird.

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Ich bin meinen Weg weitergegangen und habe mich von diesem Verbot des Staates nicht aufhalten lassen.

Wie hat Sie Ihre Mutter unterstützt?
In unserem Dorf hatte ich viele Freundinnen, deren Mütter oft sagten «Das ist nichts für uns», die sich selbst klein machten. So etwas hat meine Mutter nie getan. Sie hat immer gesagt: «Du bist es wert.» Ich erinnere mich zum Beispiel an dieses eine Mal beim Dorfball, da hatte ich viel mit einem Jungen getanzt, dessen Eltern ein schickes Café in der Stadt besassen. Auf dem Rückweg sagte eine der anderen Mütter: «Dieser Junge ist doch viel zu hoch für uns.» Da ist meine Mutter richtig wütend geworden. Sie sagte: «Entschuldigen Sie mal, meine Tochter macht Abitur! Mit all den Diplomen, die sie noch machen wird, ist sie diesen Typen allemal wert!»

Bildung wurde Ihr Ticket zum sozialen Aufstieg. Was brachte Sie schliesslich zum Schreiben?
Zwei Bücher. Das eine war «Das zweite Geschlecht» von Simone de Beauvoir. Es war eine Erleuchtung. Plötzlich verstand ich: Feminismus ist ein Muss. Und das zweite war «Die feinen Unterschiede» des Soziologen Pierre Bourdieu. Es geht darin um die kulturellen Unterschiede zwischen Menschen, die in eine Klasse geboren wurden, und jenen, die aufgestiegen sind. Als ich es las, wurde mir bewusst, welcher Graben mittlerweile zwischen mir und meinem ursprünglichen Milieu lag, aber auch, dass ich nie ganz zu diesem neuen gehören würde. Ab da wusste ich, dass ich darüber schreiben musste.

In Ihren autobiografischen Büchern, die als literarische Soziologie bezeichnet werden, beschreiben Sie auch die Scham, die Sie als junges Mädchen für Ihre Herkunft empfanden. Woher stammt diese?
Der Blick der anderen verursacht die Scham. Und dieser Blick ist mächtig. Man wird immer betrachtet. Und man wird immer beurteilt. In den Augen der anderen Menschen gilt man entweder als gleichwertig. Oder als überlegen. Oder als minderwertig. All unsere sozialen Beziehungen ordnen uns einem Oben oder Unten zu.

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Der soziale Aufstieg ist ein Exil. Man trennt sich in gewisser Weise von den Seinen, das ist schwer.

Gilt das noch heute? Oder empfinden Sie die Gesellschaft sozial durchlässiger als in Ihrer Jugend?
Die gesellschaftlichen Unterschiede existieren in Frankreich damals wie heute. Viele Menschen aus der Arbeiter- und der Mittelschicht können eigentlich auf nichts anderes hoffen, als das Leben ihrer Eltern fortzuführen. Die Selbstbestimmung, der soziale Aufstieg ist nach wie vor sehr schwer - aber er ist auch heute möglich.

Ihnen gelang sogar der Schritt nach ganz oben in die intellektuelle Elite. Sie gelten heute als wichtigste Schriftstellerin Ihrer Generation. Trotzdem leben Sie seit Jahrzehnten in einem Vorort von Paris. Sie scheinen sich abseits zu halten und nicht ganz integrieren zu wollen.
Ich fühle mich einfach bis heute in gewissen Kreisen nicht besonders wohl. Nicht an meinem Platz könnte man sagen. Wenn ich durch Paris laufe, zum Beispiel durch Saint-Germain-des-Prés, an den ganzen Luxusboutiquen vorbei, dann ist das einfach nicht meine Welt. Ich mag die Natur, die Stille. Ich kenne auch keine Faszination für diese mondäne Welt, sie interessiert mich einfach nicht.

Hat Sie der Erfolg in Ihrem Leben freier oder unfreier gemacht?
Weder noch. Der Erfolg bedeutet mir wenig. Er hat kaum Einfluss auf das, was ich tue oder wie ich mich sehe. Ich lebe schreibend, ich schreibe die meiste Zeit hier in meinem Haus. Manchmal frage ich mich schon, ob ich etwas verpasst habe, weil ich dem Schreiben alles untergeordnet habe. Aber wenn ich dann die vielen Briefe lese, in denen mir die Menschen erzählen, wie wichtig meine Bücher für sie sind und dass sie ihr Leben verändert haben, dann denke ich mir: Das war es wert. Vielleicht war ich genau dafür da.

Pictures: © KEYSTONE /MediI Chebil; © Olivier Rolle/Suhrkamp

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Annie Ernaux

Annie Ernaux (81) ist die berühmteste lebende Schriftstellerin Frankreichs. Sie hat zahlreiche Preise gewonnen und gehört seit Jahren zu den meistgenannten Namen für den Literaturnobelpreis. Ernaux wuchs als Tochter einer Arbeiterfamilie in der Normandie auf, liess dann das elterliche Milieu hinter sich und lebte als Lehrerin und Mutter ein bürgerliches Leben. Seit 1974 hat sie über ein Dutzend Bücher publiziert, analytische Werke, in denen sie ihre biografischen Erfahrungen, ihren sozialen Aufstieg, aber auch das Leben der einfachen Leute in Frankreich thematisiert. In den vergangenen Jahren wurden ihre Bücher auch ins Deutsche übersetzt. Zuletzt erschien «Das Ereignis» (Bibliothek Suhrkamp, 2021).

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