14 WM-Titel, 35 paralympische Medaillen, 122 Marathonsiege: Heinz Frei ist ein Pionier des Rollstuhlsports und ein Mutmacher für die Selbstbestimmung von behinderten Menschen. Ein Gespräch über dunkle Stunden, Schneeschaufeln und die Kunst, im Jetzt zu leben.

Vor einem Jahr haben Sie das scheinbar Unmögliche möglich gemacht und mit 63 Jahren eine weitere Silbermedaille bei den Paralympics gewonnen. Danach haben Sie Ihren Rücktritt erklärt. Sind Sie in das berühmte Loch gefallen?
Nein, dazu fehlt mir wohl die Zeit (lacht). Meine Tage sind komplett ausgefüllt. Neben meinem 50-Prozent-Job bei der Paraplegiker-Stiftung trainiere ich auf ähnlichem Niveau wie vorher: Mindestens eine Stunde täglich, manchmal sind es auch vier bis fünf Stunden. Das tut mir psychisch gut und ist eine wichtige Altersprophylaxe für meinen Körper.

Sie sind mit 20 Jahren bei einem Berglauf schwer gestürzt und seitdem querschnittsgelähmt. Wie schwer war es, den Umgang mit Ihrem «neuen» Körper zu lernen?
Das war extrem hart. Als Sportler war ich es gewohnt, dass mein Körper funktioniert. Der Verlust von zwei Dritteln meiner Körpergrösse hat einfach nur geschmerzt. Ich fand mich im Tal der Tränen und war geplagt von Depressionen und Ängsten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich jemals wieder eine gewisse Selbstbestimmung zurückgewinne. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich die Veränderung einigermassen verarbeitet hatte und mich neu orientieren konnte.

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Der Verlust von zwei Dritteln meiner Körpergrösse hat einfach nur geschmerzt. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich die Veränderung einigermassen verarbeitet hatte und mich neu orientieren konnte.

Was hat dazu geführt, dass Sie wieder Mut fassen konnten?
Bevor du Perspektiven entwickeln kannst, musst du deinen neuen Körper lieben lernen. Das ist die Voraussetzung. Ein schwieriger Prozess, bei dem viel Geduld und ein gutes Umfeld gefragt sind. Ich hatte das Glück, nach fünf Monaten in der Reha-Klinik wieder in mein gewohntes Umfeld zurückkehren zu können. Mein Elternhaus war in einer Parterrewohnung, meinen Job als Vermessungszeichner konnte ich weiterhin ausüben und meine Freunde aus dem Turn- und Skiverein kümmerten sich intensiv um mich. So bekam ich die Chance, in der Gesellschaft wieder Fuss zu fassen – was in meinem Falle etwas seltsam klingt (lacht) –, und ich beschloss, mit aller Kraft in ein selbstbestimmtes Leben zurückzufinden.

Das klingt jetzt so locker. Wie ist Ihnen das gelungen?
Mir half meine positive Lebenshaltung. Die hatte ich bereits vor meinem Unfall und die ist dabei auch nicht völlig verloren gegangen. Ich hatte schon immer das Gefühl, ich könne alles aus eigener Kraft erreichen, und lebte nach der Devise: Wer stillsteht, geht rückwärts. Statt mit dem Schicksal zu hadern, begann ich mir kleine, realistische Ziele zu setzen. Und sobald ich diese erreicht hatte, setzte ich wieder die nächsten. Dabei haben mir die Erfolge im Rollstuhlsport sehr geholfen. Hier habe ich mein Selbstwertgefühl wiedergefunden und gemerkt, dass ich nach wie vor ein Mosaikstein sein kann in unserer Gesellschaft.

Nicht jeder Mensch ist mit so viel Optimismus und sportlichem Talent gesegnet. Kann man Resilienz und den Weg zurück in die Selbstbestimmung erlernen?
Ja, aber das Sichauflehnen gegen sein Schicksal und die Wiedererlangung der Selbstbestimmung bedeuten sehr harte Arbeit. Man muss sein Glück bis zu einem gewissen Grad auch erzwingen. Sich wehren gegen die Abhängigkeit, dagegen ankämpfen. Man sollte sich weder selber bemitleiden noch von anderen bemitleiden lassen. Man muss Geduld lernen und versuchen, gute Momente zu schaffen. Kleine Erfolge zu erzielen, die Mut geben für den nächsten Schritt. Und man muss bereit sein, die Extrameile zu gehen, auch wenn es viel einfacher wäre, sich helfen zu lassen.

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Das Sichauflehnen gegen sein Schicksal und die Wiedererlangung der Selbstbestimmung bedeuten sehr harte Arbeit. Man muss sein Glück bis zu einem gewissen Grad auch erzwingen.

Woran denken Sie?
Zum Beispiel ans Schneeschaufeln. Ich kann keine normale Schaufel benutzen, die wäre viel zu schwer für mich. Deshalb gleite ich dabei jeweils auf meine Knie und schaufle mit zwei kleinen Schaufeln in jeder Hand den Gehweg vor unserem Haus bis zum Briefkasten frei. Wer mich so sieht, sagt: «Heinz, lass das, ich nehme eine grosse Schaufel und erledige das schnell für dich.» Aber das will ich nicht. Ich bin aktiv und habe meinen kleinen Beitrag geleistet. Das ist mir wichtig. Auch wenn es mühsam aussieht und ewig dauert.

Was bedeutet Selbstbestimmung heute für Sie?
Das gute Gefühl, meine grösstmögliche Selbstständigkeit wiedererlangt zu haben. Zu wissen, dass ich selbst über meinen Alltag entscheiden kann und es mir gelingt, am Leben teilzuhaben. Auch im Haushalt zum Beispiel: Ich habe mit meiner Frau vereinbart, dass ich jeweils den Boden feucht aufnehme und das Staubsaugen übernehme, ich bin dem Boden ja auch näher. Ab 1,5 Meter Höhe ist meine Frau fürs Putzen zuständig. Mir wäre es nicht wohl dabei, wenn ich nur zusehen müsste. Auf den Punkt gebracht, könnte man sagen: Selbstbestimmung bedeutet für mich, der Spirale der Wertlosigkeit entkommen zu sein.

Hegen Sie die Hoffnung, jemals wieder gehen können?
In der Reha hatte ich fest gehofft, einer der ganz wenigen zu sein, die das Paraplegikerzentrum zu Fuss verlassen können. Und wie jede und jeder Betroffene hoffte ich danach lange, dass es vielleicht einen Durchbruch in der Forschung geben würde, der Rückenmarkverletzungen heilbar macht. Aber das ist Zukunftsmusik. Irgendwann sagte ich mir: Ich will nicht 50 Jahre auf ein Wunder warten und in dieser Zeit mein Leben verpassen. Da versuche ich doch besser, im Jetzt zu leben.

Sie engagieren sich nicht nur für den Rollstuhlsport, sondern auch für die Inklusion von Paraplegikern. Wie erleben Sie den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen im Rollstuhl?
In den 44 Jahren, die ich nun im Rollstuhl sitze, hat sich einiges getan. Die Öffentlichkeit ist sensibilisierter und die Barrierefreiheit hat sich verbessert. Ich kann heute spontan losfahren im Wissen, ich finde ein Restaurant mit einer rollstuhlgängigen Toilette oder ein rollstuhlgängiges Hotel. Aber die Schweiz ist noch längst nicht schwellenlos. Da sind uns gewisse nordeuropäische Länder und die USA weit voraus. Wichtig scheint mir aber auch die Imagepflege der Rollstuhlfahrinnen und -fahrer.

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Man muss bereit sein, die Extrameile zu gehen, auch wenn es viel einfacher wäre, sich helfen zu lassen.

Inwiefern?
Einige Menschen, die gehen können, betrachten uns als schicksalsgeschlagene, arme Seelen. Sie glauben, mit uns keine ausgeglichene Beziehung führen zu können und uns ein Leben lang umsorgen zu müssen. Viele Querschnittsgelähmte finden deshalb keine Partnerin, keinen Partner. Umso dankbarer bin ich, dass ich mit meiner Frau Rita zusammenleben darf, mit der ich zwei erwachsene Kinder habe.

Nächstes Jahr werden Sie 65 und damit beginnt das offizielle Pensionsalter. Sind Sie besser auf das Alter vorbereitet als Menschen ohne Behinderung, da Sie bereits gelernt haben, mit körperlichen Einschränkungen umzugehen?
Möglicherweise. Die Erkenntnis, dass ich dank viel Disziplin und Training meine Lebensqualität und meine Selbstbestimmung erhalten kann, ist mir in Fleisch und Blut übergegangen und wird mir im Alter hoffentlich helfen. Irgendwann wird wieder der Punkt kommen, an dem mein Körper gewisse Leistungen nicht mehr erbringen kann. Dann gilt es loszulassen und sich von manchen Gewohnheiten zu verabschieden. Aber dieses Mal kommen die dafür verantwortlichen Veränderungen in kleinen Schritten auf mich zu. Sie sind sachte und manchmal nicht einmal spürbar.

Träumen Sie nachts noch gelegentlich davon, dass Sie gehen können?
Oft. Ich träume vom Skifahren, vom Langlaufen oder wie ich durch den Wald jogge. Interessanterweise habe ich dabei meistens nackte Füsse und es fühlt sich kalt an. Wenn ich dann aufwache und den Rollstuhl neben meinem Bett sehe, war ich früher oft traurig. Inzwischen weiss ich, das Leben geht weiter.

Aufmacherbild: Melinda Blättler

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Heinz Frei

Heinz Frei (64) gilt als globaler Pionier des Rollstuhlsports und ist einer der erfolgreichsten Spitzensportler der Geschichte. Er gewann 14 WM-Titel, 35 paralympische Medaillen (15 Gold, 9 Silber, 11 Bronze) und siegte bei 122 Marathons. 2021 hat er seine Karriere beendet und arbeitet für die Schweizer Paraplegiker-Stiftung, wo er seit fast 20 Jahren Stiftungsrat ist. Frei hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Partnerin in Oberbipp im Kanton Bern. Seine Biografie ist 2021 im Weber Verlag erschienen.

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