Das Duett «Je tʼaime … moi non plus» mit Serge Gainsbourg machte Jane Birkin in den sechziger Jahren weltberühmt. Doch ihre Tagebücher von damals erzählen von den Ängsten einer unsicheren Frau. Ein Gespräch mit der Stilikone über Schönheitswahn, Selbstzweifel und ihren langen Weg zur Selbstbestimmung.

Madame Birkin, im September erscheint die deutsche Fassung Ihrer Tagebücher «Munkey Diaries». Wollten Sie den Mythos «Jane Birkin» mit der Veröffentlichung dieser intimen Gedanken nun selbst bestimmen? 
Wenn Sie so wollen, ja. Ich habe lange mit mir gehadert, aber dann dachte ich: Es wurden so viele Geschichten über mich und meine Familie von anderen erzählt, nun darf auch ich mal meine Version abgeben.

In Ihrer Version geht es fast nie um Ihre Arbeit, nie um all die Filme, in denen Sie mitgespielt haben. War Ihnen das nicht wichtig? 
Mir war das, was um die Filme herum passierte, die Abendessen mit Serge und den Kindern, die Feste, die Begegnungen, immer wichtiger. Die Filme existieren ja, was soll ich da noch gross dazu sagen? Kürzlich fragte man mich nach meiner Erinnerung an den Dreh von «Swimmingpool»; und ganz ehrlich: Ich erinnere mich einfach nicht.

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Ich glaube, ich habe das mit der Schauspielerei nie besonders ernst genommen. Warum auch? Ich war ja auch nie wirklich gut.

Sie spielen darin neben Romy Schneider und Alain Delon eine wichtige Rolle…
Stimmt, das war mir damals aber überhaupt nicht klar. Ich glaube, ich habe das mit der Schauspielerei einfach nie besonders ernst genommen. Warum auch? Ich war ja auch nie wirklich gut. Besonders am Anfang. Dieser Akzent! Kaum auszuhalten. Ich wirkte so dümmlich! 

Gibt es Filme, in denen Sie sich mögen? 
In jenen von Jacques Doillon, dem Vater meiner Tochter Lou, finde ich mich ganz gut. Oder in dem von Agnès Varda. Aber das war ja viel später. Was ich richtig mochte, waren die Komödien von Claude Zidi, etwa «Die lange Blonde mit den roten Haaren». Das waren in Frankreich richtige Kassenschlager, plötzlich galt ich als witzig.

Als was galten Sie denn davor?   
Als «Serge’s girlfriend» natürlich.

Und als Stimme des Welthits «Je t’aime … moi non plus». Das Lied löste damals einen Skandal aus – die BBC spielte es nicht, der Papst protestierte. In Ihrem Tagebuch erzählen Sie, dass Sie ihn nur gesungen haben, damit Gainsbourg ihn nicht mit einer anderen singt.
Ich wollte einfach nicht, dass er stundenlang mit Mireille Darc in einer kleinen Aufnahmekabine sitzt, also habe ich es gemacht. Dass es so einschlägt, das hätte ich nie gedacht.

Sie schreiben, er habe «Jane Birkin» als sein Werk angesehen. Haben Sie das auch geglaubt? 
Meine Tochter Lou würde sich jetzt aufregen, aber ja, ich habe das auch geglaubt.

Sind Ihre Töchter emanzipierter? 
Sie sind auf jeden Fall alles andere als Puppen. Während meiner Ehe mit John Barry lag auf meinem Nachttisch ein Kajalstift. Ich hatte immer Angst, ihm nicht zu gefallen. Das war auch das Diktat der Mode. Wir Mädchen mussten alle Augen wie Margeriten haben und lange Haare mit Pony. Es ging überhaupt nicht um Persönlichkeit. Meine Tochter Charlotte trägt kein Make-up. Sie lässt sich nichts diktieren. Kate, meine älteste Tochter, hat schon mit 20 als Sozialarbeiterin mit Drogenabhängigen gearbeitet. Und meine jüngste Tochter, Lou, war mit 20 schon Mutter und erledigte alles allein, verlangte nichts von dem Mann. Sie ist absolut emanzipiert.

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Wir Mädchen mussten alle Augen wie Margeriten haben und lange Haare mit Pony. Es ging überhaupt nicht um Persönlichkeit.

Wie kommt es, dass eine junge Frau, die so unsicher ist, wie Sie es waren, sich trotzdem so wenig um Konventionen schert und lebt, wie es ihr beliebt? 
Das hatte damit zu tun, dass ich aus dem «Swinging London» kam. Damals waren Mode, Musik, alle Trends britisch, und John Barry, mein Exmann, war nicht irgendwer (Barry war «James-Bond»-Komponist und fünffacher Oscar-Gewinner, Anm. d. Red.). Das gab mir in Paris eine gewisse Selbstsicherheit. Ich war ziemlich frech. Ich weigerte mich zum Beispiel, in einem Restaurant zu essen, in dem sie meinen Bastkorb nicht akzeptierten. Einmal machte Serge eine Szene vor dem «Maxim’s» und brüllte: «Wenn Sie sie so nicht reinlassen, dann gehen wir.»

Fragen Sie sich manchmal, wie Ihr Leben verlaufen wäre, hätten Sie Gainsbourg nicht kennen gelernt? 
Wenn ich die Testaufnahmen für «Slogan» nicht gemacht hätte, dann hätte ich Serge nie kennen gelernt und wäre nie nach Frankreich gekommen. Und wenn das mit John Barry geklappt hätte, dann würde ich heute noch seine Schildkrötensuppe aufwärmen und sein Schaumbad einlassen. Meine Güte! Zum Glück ist er gegangen! Zum Glück wurden die Karten neu gemischt!

Wie stellten Sie sich als Mädchen Ihr Leben vor? 
Aus heutiger Sicht mag es unemanzipiert klingen, aber ich denke, ich sah mich als Ehefrau und Mutter. Vielleicht wäre ich in so einem Leben, in dem man immer jemanden an seiner Seite hat, der einen beruhigt, auch glücklicher gewesen.

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So lange ich weitersinge, singe ich auch die Songs von Serge Gainsbourg.

Glauben Sie nicht, dass Sie sich die schwierigen Männer, die komplizierten Geschichten, ganz selbstbestimmt ausgewählt haben, weil Sie das Abenteuer suchten?
Natürlich. Die verführerischen Personen waren gefährlich, aber sie waren vor allem talentiert und aufregend. Das hat mich immer gereizt. Ich dachte: Neben so genialen Menschen wirke ich weniger dumm. 

Sie waren immer sehr streng mit sich. Können Sie rückblickend verstehen, weshalb die halbe Welt von Ihnen bezaubert war?
Ja, wenn ich mir heute Fotos von damals anschaue, bin ich ganz erstaunt darüber, wie hübsch ich war. Nicht so sehr auf den frühen Bildern. Mit zwanzig war ich so geschminkt, dass ich gar nicht verstehe, wie Serge mich unter all dem Make-Up sehen konnte. Aber später, in den Filmen von Jacques Doillon, Patrice Chéreau, Agnès Varda, da bin ich ganz natürlich, da finde ich mich tatsächlich schön. 

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Ich glaube, für eine Frau passieren die wichtigen Dinge nicht mit zwanzig, auch nicht mit dreissig, sondern mit vierzig.

Hat das Alter Sie also selbstbewusster und selbstbestimmter gemacht?
Ja, absolut. Ich glaube, für eine Frau passieren die wichtigen Dinge nicht mit zwanzig, auch nicht mit dreissig, sondern mit vierzig. Da ist dieses Hübsche und Niedliche vorbei und man wird plötzlich ernster genommen. Zumindest war es bei mir so. Ab da habe auch ich begonnen, mich und das, was ich tue, ein bisschen ernster zu nehmen. 

Ihre Mutter hat in Sachen Selbstbestimmung ebenfalls sehr lange gewartet. 
Es ist verrückt, wie viel sie für meinen Vater geopfert hat: Sie war eine grosse Theaterschauspielerin, doch immer wenn sie eine Rolle annehmen wollte, erlitt mein Vater einen Herzinfarkt oder etwas Ähnliches. Es machte ihn körperlich krank, sie arbeiten zu sehen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas sagen könnte, aber: Zum Glück hat sie noch zehn Jahre ohne ihn gelebt. Mit achtzig Jahren konnte sie endlich wieder auf der Bühne stehen und singen.

Auch Sie stehen noch viel auf der Bühne und singen, vor allem die Lieder von Serge Gainsbourg. Verspüren Sie nie das Bedürfnis, sich von diesem Schatten zu befreien? 
Überhaupt nicht. Ich erlebe es auch nicht als einen Schatten. Wenn ein grosser Dichter wie Serge, ein Apollinaire des Chanson, einem fast 25 Jahre lang die besten Stücke schreibt, die er je geschrieben hat, dann ist das keine Last, es ist das grösste Geschenk: So lange ich weitersinge, singe ich auch die Songs von Serge Gainsbourg.

Jane Birkin

Birkin young
Stilikone der 60er und 70er Jahre

Jane Birkin (72) wurde als Tochter eines Majors und einer Schauspielerin in London geboren. Der Skandalsong «Je t’aime» mit Serge Gainsbourg und Filme wie «Blow Up» und «Der Swimmingpool» machten Jane Birkin weltberühmt, die «Birkin Bag» ist zum zeitlosen Accessoire geworden. Birkin hat drei Töchter von drei Männern. Die älteste, Kate Barry, beging 2013 Selbstmord. Jane Birkin lebt in der Bretagne und befindet sich derzeit auf einer Europatournee. Ihre neu veröffentlichten Tagebücher «Munkey Diaries» sind die persönlichen Aufzeichnungen der Stilikone, vom Swinging London bis ins Paris der 60er- und 70er-Jahre.

Birkin Cover Deutsch

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