Die Gen Z – geboren zwischen 1995 und 2010 – wird die Gesellschaft und die Wirtschaft verändern. Wie will diese Generation leben und arbeiten? Und welche Bedeutung hat Selbstbestimmung für sie? Ein Gespräch mit der Schweizer Jungunternehmerin Yaël Meier, die Firmen das Denken der Gen Z näherbringt und auf die Forbes-Liste «30 under 30» gewählt wurde.

Die Generation Y (1980 – 1995) hat nicht den besten Ruf: «Forbes» nennt sie die «Me Me Me Generation», «Die Zeit» fragt «Wollen die auch arbeiten?». Wie unterscheidet sich die Generation Z denn nun konkret von ihren vielgescholtenen Vorgängern?
Wir sind weder zurückhaltend noch arbeitsscheu. Klar, wir sind auch individualistisch, aber wir denken und handeln im Interesse des grossen Ganzen. Zudem sind wir die erste Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist. Für uns gilt nicht «mobile first», sondern «mobile only». Wir nutzen Smartphones nicht einfach nur aktiv, sie sind vielmehr mit uns und unserem Alltag verschmolzen.

Die Gen Z wird auch «Millennials auf Steroiden» genannt. Neben Impulsivität wird Ihrer Generation auch Abenteuerlust und der grosse Wunsch nach Entfaltung zugesprochen. Wie wichtig ist die Selbstbestimmung?
Sehr. Wir sind eine aktivistische Generation, sei es beruflich oder gesellschaftlich. Wir wollen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen und nicht tatenlos zusehen, wie die Welt vor die Hunde geht. Wir können uns nicht auf die älteren Generationen verlassen, sondern müssen es selber machen. Bester Ausdruck dafür ist die Klimabewegung «Fridays for Future» oder «Black Lifes Matter».

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Wir nutzen Smartphones nicht einfach nur aktiv, vielmehr sind sie mit uns und unserem Alltag verschmolzen.

Auch bezüglich der Arbeit existieren eigene Vorstellungen. «Die Gen Z ist die erste, die sich dagegen wehrt, dass das Arbeitsleben in die Privatwelt eindringt», sagt der deutsche Generationenforscher Christian Scholz. Warum das?
Weil es ein Leben neben dem Job gibt. Arbeitsstrukturen müssen ein Privatleben ermöglichen und uns erlauben, eigene Projekte zu verwirklichen. Wir wollen auch genug Zeit für unsere persönlichen Interessen haben, bspw. Live-Streams auf der Plattform Twitch, einen eigenen Secondhand-Shop auf Depop oder für den eigenen Tiktok-Kanal.

Sie beraten Firmen im Umgang mit der Generation Z. Für welche Unternehmen interessieren sich Ihre Alterskolleginnen und -kollegen?
Für solche, die etwas bewegen. Die durch ihre Dienstleistungen oder Produkte die Welt ein Stück weit voranbringen. Und die uns einen Weg aufzeigen, wie wir in dieser Firma Verantwortung übernehmen und etwas bewirken können.

Was sind die grössten Fehler der Unternehmen beim Employer Branding und beim Ansprechen von jungen Talenten?
Die Gen Z sind die Berufseinsteiger von heute und die Kunden von morgen. Aber die Arbeitgeber nehmen uns Jungen nicht genug ernst. Die meisten Firmen sprechen über die Jungen, aber nicht mit ihnen. Sie verstehen weder die Werte noch das Verhalten dieser Zielgruppe oder welche Trends sie bewegt. Beim Employer Branding ist es oft umgekehrt: Es wird viel darüber gesprochen, aber oft nicht sehr viel gemacht.

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Firmen, die auf Social Media nicht präsent sind, existieren für uns nicht.

Wie können Firmen die Gen Z als Konsumenten erreichen?
Firmen, die auf Social Media nicht präsent sind, existieren für uns nicht. Es ist extrem wichtig, einen eigenen Kanal mit eigenem Content zu haben. Und das heisst nicht, Produkte in die Kamera zu strecken! Junge Konsumenten folgen Menschen, nicht Unternehmen. Und wir shoppen in Onlineshops, was wir auf Social Media gesehen haben. Plattformen wie Instagram oder Tiktok entwickeln sich gerade zu grossen Warenhäusern und Content Creators werden immer wichtiger.

Auch Sie und Ihr Partner haben kürzlich für zwei LinkedIn-Posts zusammen über zwei Millionen Views bekommen. Da erblassen öffentliche Medien oder grosse Firmen neidvoll – wie gehen Sie mit dieser Machtfülle um?
Es stimmt, die Reichweite hat eine enorme Demokratisierung erfahren. Zumindest meinem Partner und mir ist bewusst, dass das auch eine Verantwortung mit sich bringt. Wir überlegen uns genau, zu welchen Themen wir etwas posten. Es zeigt aber auch auf, welche gigantischen Chancen Social Media für Unternehmer bieten. Früher musste man mit immens teuren Spots im TV präsent sein, um solche Reichweiten zu erzielen, heute kann das jeder.

Die Generation Z gilt auch als Generation «Greta». Gleichzeitig aber – so kritisiert die New York Times – passe die Klimajugend ihr Konsumverhalten nicht an. Zu Recht?
Dieser Vorwurf kommt oft, besonders in Zusammenhang mit dem Fliegen. Tatsache ist: Viele Junge leisten einen persönlichen Beitrag, sie verzichten auf Fleisch, reisen mit dem Zug, kaufen Secondhandkleider. Aber natürlich realisieren wir auch, wie schwierig es ist, sich selber einzuschränken, wenn etwas erlaubt ist. Deshalb finden Gesetze, so etwa die CO2-Abgabe für Flugreisen, durchaus Unterstützung.

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Ohne Gesetze geht es nicht. Eigenverantwortung und Anreize haben nicht genügt, um die Zerstörung der Umwelt zu verhindern.

Also lieber ein starker Staat als Eigenverantwortung und Selbstbestimmung? Die Jugendbewegung der Generation X in den 1980er-Jahren forderte noch: «Macht aus dem Staat Gurkensalat.»
Wir realisieren, dass es ohne Gesetze nicht geht. Eigenverantwortung und Anreize haben nicht genügt, um die Zerstörung der Umwelt zu verhindern. Und auch Corona lässt sich ohne Lockdown und Maskenpflicht nicht eindämmen. Wir wollen keinen autoritären Staat, aber bei gewissen Themen braucht es staatliche Regeln, wenn wir wirklich eine Veränderung wollen.

In einem NZZ-Kommentar über die Auswirkungen der Corona-Pandemie kritisierten Sie die mangelnde Solidarität mit der Jugend. Wieso?
Eingeschränkte soziale Kontakte, geschlossene Schulen und Unis, dazu noch getrübte Jobaussichten und einen riesigen Schuldenberg: Die Pandemie hat uns Jungen am härtesten getroffen, und das obwohl der Virus für uns am ungefährlichsten ist. Trotzdem haben wir den Schutz der Bevölkerung über die eigenen Interessen gestellt und uns sehr diszipliniert verhalten. Aber Solidarität ist keine Einbahnstrasse. Es braucht endlich auch mehr Solidarität der Älteren mit den Jungen. Ob beim Klimaschutz, beim gigantischen Corona-Schuldenberg oder bei der Altersvorsorge.

Wächst die Wut der Jugend? Droht gar ein Clash der Generationen?
Tatsächlich wird der Ton in den sozialen Medien zunehmend schärfer. Und in der Klimabewegung gibt es Stimmen, die zur Gewalt aufrufen, weil sonst nichts geschieht. Aber an einen Flächenbrand glaube ich nicht. Der grossen Mehrheit ist klar, dass es nur zusammen geht und alle Generationen gemeinsam tragfähige Lösungen suchen müssen.

Mein Traum ist, dass es der Gen Z gelingt, wirklich frei entscheiden zu können, wie wir leben, lieben und arbeiten. Dass wir es schaffen, möglichst selbstbestimmt zu leben.

Oberste Priorität geniessen bei der Gen Z gemäss Umfragen die Beziehungen: Freunde, Partnerschaft, Familie. Auch Sie selbst sind kürzlich mit 20 Mutter geworden. Warum?
Weil es für mich keinen Grund zu warten gab. Ich habe mein Leben so gestaltet, dass ich frei in meinen Entscheidungen bin, und diese Freiheit geniesse ich jetzt in vollen Zügen.

Wie fielen die Reaktionen auf Ihre Entscheidung aus, so jung eine Familie zu gründen?
Neben viel Zuspruch gab es natürlich auch Unverständnis – vor allem von älteren Leuten. Wir sehen das Leben nicht so linear. Ausbildung, Karriere und dann erst eine Familie – wer sagt denn, dass dies wirklich der beste und einzige Weg zum Glück ist? Zudem mussten sich die Männer historisch gesehen ja auch nie zwischen Kindern und Karriere entscheiden. Ich hoffe, das gilt künftig auch für Frauen.

Ihr Partner ist gleichzeitig auch Ihr Geschäftspartner. Wird die Gen Z zur Generation, die der Gleichberechtigung im Berufs- und im Familienleben zum Durchbruch verhilft?
Das hoffe ich natürlich. Es bewegt sich in der Geschlechterdebatte gerade sehr viel, auch bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Übrigens auch seitens der jungen Männer. Mein Traum ist, dass es unserer Generation gelingt, wirklich frei entscheiden zu können, wie wir leben, lieben und arbeiten wollen. Kurz: Dass wir es schaffen, möglichst selbstbestimmt zu leben.

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Multitalent

Yaël Meier (20) hat mit ihrem Partner Jo Dietrich die Kommunikations- und Beratungsfirma Zeam gegründet, welche Unternehmen hilft, die Generation Z zu erreichen. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» hat die beiden auf die Liste der einflussreichsten «30 under 30» im deutschsprachigen Raum gesetzt. Als Journalistin und Podcasterin berichtet sie in den sozialen Medien über die Lebenswelten ihrer Generation. Auf Tiktok folgen ihr über 200 000 Leute, auf Instagram 22 000 und von LinkedIn wurde sie als Top Voice 2020 ausgezeichnet. Davor arbeitete Yaël Meier bei Ringier und beim Schweizer Fernsehen und stand auch als Schauspielerin vor der Kamera, unter anderem bei den Filmen «Upload», «Blue my Mind» oder «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei». Sie lebt mit ihrem Partner und ihrem Sohn in Zürich.

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Generation Z

Die Generation Z (kurz Gen Z) ist zwischen 1995 und 2010 geboren und ist die Nachfolgegeneration der Generation Y (Millennials). Die Gen Z wird auch Generation «Smartphone» genannt, da sie stärker digital eingebunden ist als jede Generation zuvor und die sozialen Medien sehr aktiv und kreativ nutzt. Zudem gilt sie als sehr aktivistisch und hat politisch mit der Klimabewegung bereits ein erstes Zeichen gesetzt. Mit ihrem Eintritt in die Arbeitswelt werden ihre Werte nun auch für die Wirtschaft relevant.

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