5000 Filme hat Lili Hinstin mit ihrem Team gesichtet, die besten 128 zeigt sie in der offiziellen Auswahl am Locarno Film Festival. Zusätzlich gehören 118 weitere Filme zum Programm. Die neue künstlerische Leiterin spricht über die Retrospektive «Black Light», selbstbestimmte Künstler und ihren eigenen Weg zum Film.

Lili Hinstin, worauf freuen Sie sich besonders vor dem Start des Festivals im August?
Ich bin extrem gespannt auf die Reaktion des Publikums, vor allem bei den Vorstellungen auf der Piazza Grande. Nach den Monaten der Planung möchte ich sehen, wie unsere Auswahl ankommt.

Welche Highlights bietet das Programm?
Es freut mich sehr, dass der koreanischen Schauspieler Song Kang-Ho den diesjährigen Excellence Award erhält. Er ist ein grossartiger Künstler, der immer wieder überrascht und alle Register – Humor, Action und Drama – beherrscht. Stolz bin ich auch auf unsere Retrospektive «Black Light». Wir zeigen Filme von und über die schwarze Bevölkerung in Europa und Nord- und Südamerika, die Werke stammen aus den Jahren zwischen 1919 und 2000. Wir wollen in unserem Festival aktuelle gesellschaftliche Themen, wie in diesem Fall den Umgang mit Minderheiten, aufnehmen.

Welche Akzente wollen Sie in den nächsten Jahren setzen?
Ich will keine Richtung bestimmen, sondern mit kleinen Entscheidungen ein stimmiges Ganzes schaffen. Ich habe tausend Ideen, die ich noch umsetzen will. Wichtig ist mir, dass Spontaneität möglich ist.

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Lili Hinstin kam 1977 in Paris zur Welt. Nach dem Studium der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften in Paris und Padua gründete sie 2001 die Produktionsfirma «Les Films du Saut du Tigre». Zwischen 2005 und 2009 verantwortete Lili Hinstin die Filmaktivitäten der Französischen Akademie in Rom. Danach war sie als stellvertretende künstlerische Leiterin des Festivals Cinéma du Réel in Paris tätig und leitete das Festival «Entrevues Belfort».

In welchen Ländern sehen Sie spannende Entwicklungen?
Portugal überrascht mich immer wieder. Es entstehen nur wenige Filme, aber diese sind fast durchgehend gut. Auch hat mich ein Film aus Indonesien, den wir dieses Jahr zeigen, beeindruckt: Der Umgang mit der zeitlichen Dimension ist sehr ungewohnt. Spannend finde ich auch das Schweizer Kino – mit Basil da Cunha, Maya Kosa, Sergio da Costa und Klaudia Reynicke entsteht eine neue Generation von Filmemachern, die international Anerkennung findet.

Gibt es – trotz finanziellem Druck – noch selbstbestimmte Künstler?
Und wie, das kann man im August in Locarno live erleben. Alle Filme, die wir zeigen, sind einzigartig – diese Qualität ist nur möglich, wenn die Verantwortlichen freie Entscheidungen treffen können.

Was braucht es, um eine Karriere als Regisseur oder Regisseurin zu machen?
Je nachdem, wo man zur Welt kommt oder wie man aufwächst, kann es schwierig sein, zu diesem Beruf zu finden. Es braucht Hartnäckigkeit, oft spielt Zufall eine Rolle. Seit jeder und jede einen Film mit dem Handy drehen kann, ist der Zugang etwas demokratischer als früher. Fast alle fangen gleich an: Erst dreht man einen kleinen Film mit Freunden und dann entwickelt sich daraus etwas Grösseres.
 

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Seit 1946 präsentiert das Locarno Film Festival Filme aus aller Welt auf der Piazza Grande. Die besten Filme verschiedener Kategorien erhalten den prestigeträchtigen Pardo d'oro, den goldenen Leoparden. Swiss Life unterstützt das Festival seit 2006 als Partner des Preises «Pardi di domani» für den besten Schweizer Kurzfilm. Die 72. Ausgabe des Locarno Festival findet vom 7. bis 17. August 2019 statt.
https://www.locarnofestival.ch/

 
 

Wie kamen Sie beruflich zum Film?
Meine Leidenschaft fürs Kino entdeckte ich als 17-Jährige im Gymnasium. 1995 fand das 100-Jahr-Jubiläum des Kinos statt, deshalb gab es in Frankreich spezielle Workshops für Schulen. Meine Klassenkameraden und ich sahen uns zuerst zahlreiche Filme an, danach machten wir selber welche. Nach der Schule arbeitete ich dann erstmal bei verschiedenen Drehs mit. Bei mir und vielen anderen ist die Begeisterung geblieben, einige sind noch heute im Filmgeschäft.

Hatten Sie als Kind einen Lieblingsfilm?
Bei meinen Grosseltern schauten mein Bruder, meine Cousins und ich immer wieder diese drei Filme: «Melodie des Glücks», «Der kleine Lord» und «Spuren im Sand» von John Ford.

Was bedeutet Selbstbestimmung für Sie?
Für mich ist klar, dass ich mein Leben selbstbestimmt gestalte. Das habe ich immer getan.

Bilder: Locarno Film Festival Luca Dieguez 

Video mit Lili Hinstin (SDA/Keystone)

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