Ein Zuhause für die Unabhängigkeit

  • Die Art, wie wir wohnen, hat einen starken Einfluss auf unsere Lebensqualität und Eigenständigkeit.
  • Das Streben nach einem selbstbestimmten und gesellschaftlich aktiven Leben veranlasst Menschen zur Entwicklung neuer Wohnformen.
  • Experimentelles Wohnen für ältere Menschen hat das Potenzial, Teil einer neuen Norm zu werden. 
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Beim Wohnen geht es um viel mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Für ältere Menschen, besonders jene, die in den späteren Jahren körperlich eingeschränkt sind, kann die Wahl der richtigen Wohnform entscheidend sein. Silke Gross, Mitgründerin von Amaryllis, eines Mehrgenerationen-Wohnprojekts in Deutschland, meint dazu: «Wer im Alter im dritten Stock ohne Aufzug wohnt, sitzt zu Hause fest.» Hans-Werner Wahl, Leiter der Abteilung für Psychologische Alternsforschung an der Universität Heidelberg, fügt an, dass es beim Wohnen im Hinblick auf die Wahl der individuellen Wohnform und der nachbarschaftlichen Umgebung sehr stark um die Aufrechterhaltung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gehe.

«Beim Wohnen geht es sehr stark um die Aufrechterhaltung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.»
Hans-Werner Wahl, Leiter der Abteilung für Psychologische Alternsforschung an der Universität Heidelberg
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Leben, wie man sich das vorstellt

Die zurzeit dominierenden Wohnformen stellen die Senioren mit Blick auf diese angestrebte Unabhängigkeit jedoch vor gewisse Herausforderungen. Laut einer Studie besteht das Problem darin, dass die eigenen vier Wände besonders dann zur Belastung werden, wenn mit zunehmendem Alter die körperlichen und geistigen Fähigkeiten abnehmen.1 «Ältere Menschen realisieren, dass sie womöglich viele Jahre mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung leben werden, und schauen sich deshalb nach neuen Wohnformen um», so Professor Wahl.

Bis vor kurzem waren Alters- und Pflegeheime die einzigen gangbaren Optionen. Trotzdem lebt nur ein geringer Anteil der über 65-Jährigen in solchen Einrichtungen – in Deutschland rund 5% der Bevölkerung, in Frankreich 6%.2 Es fehlt aktuell ein Mittelweg, der Selbständigkeit und Unterstützung miteinander verbindet. Neue institutionelle Lösungen wie betreutes Wohnen ermöglichen den Mietern ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden bei gleichzeitig schneller medizinischer Versorgung und weiteren Unterstützungsleistungen.

Interessant sind die immer zahlreicheren neuen Wohnformen, die Senioren selbst gründen oder mitgründen, um so leben zu können, wie sie sich das vorstellen.
 

Mehr als nur ein Haus

Ein gutes Beispiel für eine neue Form des Zusammenlebens ist das «Maison des Babayagas» in Montreuil in der Nähe von Paris. Das Wohnhaus beherbergt 21 ältere Frauen und wird, obwohl es sich rechtlich gesehen um eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen den Bewohnerinnen und den lokalen Behörden handelt, im Wesentlichen von den Frauen selbst als Genossenschaft betrieben.

Oberstes Ziel der Genossenschaft, so Iro Bardis, Vorsitzende der Bewohnervereinigung, sei es, insbesondere alleinstehenden Frauen mit geringem Einkommen eine Unterkunft zu bieten. Gemäss Iro Bardis leben Frauen tendenziell länger als Männer und können in Frankreich im Durchschnitt auf weniger Ersparnisse und Renten zurückgreifen. Dies deshalb, da sie oftmals längere Zeit nicht arbeitstätig waren, weil sie sich beispielsweise um die Familie kümmerten.

Die Bewohnerinnen nutzen die vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch das Zusammenleben unter einem Dach ergeben. Iro Bardis betont, dass die Frauen das Klischee «alt sein heisst nichts tun» ablehnen. Der Zweck ihrer Wohngemeinschaft bestehe darin, eigenständig zu bleiben, aktiv am Sozialleben teilzunehmen, sich am demokratischen Entscheidungsfindungsprozess zu beteiligen und mit neuen Ideen zu befassen. «Wir alle sollten Selbstbestimmung und ein gesundes Leben anstreben. Wir glauben, dass unser Engagement für Unabhängigkeit der ganzen Gesellschaft zugutekommt.»

«Wir alle sollten Selbstbestimmung und ein gesundes Leben anstreben. Wir glauben, dass unser Engagement für Unabhängigkeit der ganzen Gesellschaft zugutekommt.»
Iro Bardis, Vorsitzende der Bewohnervereinigung des «Maison des Babayagas» in Montreuil in der Nähe von Paris
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«Maison des Babayagas» in Montreuil in der Nähe von Paris

Ein bunter Mix

Das Konzept des generationenübergreifenden Wohnens wird auch in Bonn gelebt. Amaryllis umfasst Wohnungen und Gebäude für Einzelpersonen und Familien unterschiedlichen Alters, die eine Gemeinschaft bilden wollen. Die öffentlichen Räume sind so angelegt, dass sich die Bewohner möglichst einfach untereinander austauschen können. «Insbesondere ältere Menschen erhöhen so ihre Eigenständigkeit, denn sie treffen hier eher auf Nachbarn, knüpfen Kontakte und fühlen sich sicher. So bilden sich Kommunikationswege. Wenn man einige Tage lang die Wohnung nicht verlässt, kann man davon ausgehen, dass Freunde vorbeischauen werden», sagt Gross.

Dank der Interaktion zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen übernehmen die älteren Bewohner eine wertvolle gesellschaftliche Funktion und beschränken sich nicht nur auf die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse. So kümmern sie sich zum Beispiel um die Kinder jüngerer Paare.

Amaryllis ist so organisiert, dass alle dazu ermutigt werden, aktiv an der Entscheidungsfindung und an der Gemeinschaft teilzunehmen. «Wir sind eine Wohngenossenschaft, das ist wichtig», erklärt Gross. «Alle sind Mieter, alle haben eine Stimme. Deshalb müssen wir alles gemeinsam besprechen und Dinge gemeinsam erledigen. So ein Projekt funktioniert nur dann, wenn sich die Leute auch aktiv dafür einsetzen – soweit sie können – und nicht einfach nur profitieren.»

«Wir sind eine Wohngenossenschaft. Alle sind Mieter, alle haben eine Stimme. Deshalb müssen wir alles gemeinsam besprechen und Dinge gemeinsam erledigen. So ein Projekt funktioniert nur dann, wenn sich die Leute auch aktiv dafür einsetzen – soweit sie können – und nicht einfach nur profitieren.»
Silke Gross, Mitgründerin von Amaryllis, eines Mehrgenerationen-Wohnprojekts in Deutschland



Neue Wohnformen für Europa?

Neue Wohnformen für ältere Menschen stecken oft noch in den Kinderschuhen. Dennoch glaubt Professor Wahl, dass das Angebot zunehmen wird. Auch Iro Bardis und Silke Gross beobachten eine stetige Zunahme an lokalen und ausländischen Besuchern aus Europa und anderen Teilen der Welt, welche die Wohnformen vor Ort anschauen und von den Erfahrungen lernen wollen, um ähnliche Projekte bei sich zuhause in Angriff zu nehmen.

Angebot und Nachfrage unterscheiden sich in ihrer Art innerhalb von Europa deutlich, was sowohl kulturell als auch gesetzlich bedingt ist. Professor Wahl merkt an, dass die hohe kulturelle Bedeutung der Unabhängigkeit in Skandinavien dazu geführt hat, dass die Politik Investitionen in neue Wohnformen unterstützt. In anderen Ländern Europas ist dies noch nicht der Fall.

Positiv ist hingegen, dass die Experimentierfreudigkeit zunimmt. Die französische Regierung will beispielsweise das generationenübergreifende Wohnen über ein Modell fördern, bei dem ältere Menschen freie Zimmer an Junge vermieten.

Es wird zwar viel experimentiert, eine grundlegende Veränderung der Wohnlandschaft hat in Europa aber noch nicht stattgefunden. Angesichts der schnell wachsenden, älteren Bevölkerungsschicht und deren ablehnenden Haltung gegenüber institutionalisierten Angeboten werden sich die Wohnformen aber wohl vervielfachen. Unklar bleibt, welche Form sich durchsetzen wird.

Frank Schulz-Nieswandt et al., Neue Wohnformen im Alter: Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser, 2012.

Für Frankreich: Anne Labit, «Habiter et Vieillir en Citoyens Actifs : Regards croisés France-Suède,» Retraite et société, 2013; für Deutschland: Schätzung von Professor Wahl.

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