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Eine Generation kämpft für ihre Zukunft

  • Die Millennials, die Altersgruppe zwischen Anfang 20 und Mitte 30, ist in Europa in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld erwachsen geworden, das auch weiterhin anspruchsvoll bleiben wird.
  • Trotzdem ist sich diese Generation sicher, dass sie eines Tages alles haben wird – eine sinnstiftende Arbeit, Zeit für Reisen und die Möglichkeit, mit 65 in Rente zu gehen.
  • Die Millennials werden künftig von «Smart Homes» und technisch ausgeklügelten Gesundheitssystemen profitieren.
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Der wirtschaftliche Abschwung hat die Millennials auf ihrem Weg zu finanzieller Freiheit auf breiter Front ausgebremst. Nach Angaben von Eurostat, dem statistischen Amt der EU, ist in der Eurozone jeder fünfte aus dieser Generation arbeitslos, und rund die Hälfte lebte 2014 noch zu Hause1. Bei jenen, die einen Job haben, prägen schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika und Teilzeitjobs das Arbeitsleben, was kaum für die Miete reicht, erklärt Johanna Nyman, die 27-jährige Präsidentin des Europäischen Jugendforums, einer europaweiten Plattform nichtstaatlicher Jugendorganisationen. «Die Millennials haben das Gefühl, dass ihnen die Basis für ihre Zukunft entzogen wird.»

«Die Millennials haben das Gefühl, dass ihnen die Basis für ihre Zukunft entzogen wird.»
Johanna Nyman, Präsidentin des Europäischen Jugendforums
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Alles wollen – alles kriegen?

Dass sie keine gut bezahlten Vollzeitjobs finden, wirkt sich nicht nur kurzfristig auf die Finanzen der Millennials aus. In einem Vortrag vor dem EU-Ausschuss des britischen Oberhauses zu Massnahmen der EU gegen die Jugendarbeitslosigkeit argumentierte Kari Hadjivassiliou, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute for Employment Studies (IES), einem unabhängigen britischen Forschungszentrum, die Verzögerungen hätten für diese Generation langfristige finanzielle und soziale Folgen. «Wenn junge Menschen für längere Zeit vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleiben, verschlechtert dies ihre Beschäftigungschancen. Ausserdem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von prekären Beschäftigungs- und Lohneinbussen, die das Lebenseinkommen schmälern», führt sie aus2.

Für frühere Generationen sei es fester Bestandteil des Erwachsenwerdens gewesen, einen guten Job zu finden, ein Haus zu kaufen und für das Alter vorzusorgen. Für die Millennials hingegen sei dies keineswegs selbstverständlich. «Unsere Generation muss viel mehr kämpfen», beobachtet Nyman. «Wir müssen in jungen Jahren mehr darauf achten, was wir tun, wenn wir all diese Dinge wollen.»

You only live once – #YOLO

Doch es gibt auch Lichtblicke. Trotz der derzeit herrschenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen blickt diese Generation überraschend optimistisch in die Zukunft. Die meisten europäischen Millennials sind mit dem eigenen Leben zufrieden, wie Daten des Pew Research Centre, eines gemeinnützigen Meinungsforschungsinstituts aus Washington, zeigen3.  Aufgefordert, sich auf einer Skala einzuordnen, bei der zehn für das bestmögliche und null für das schlechtmöglichste Leben steht, sahen sich 56% auf einer Stufe zwischen sieben und zehn. Dies deutet darauf hin, dass die Einschätzung der eigenen Lebenszufriedenheit nicht vom Kontostand oder vom Jahresgehalt abhängt. Im Berufsleben legt diese Generation denn auch mehr als jede andere Wert auf die Work-Life-Balance. Gemäss dem Bericht Millennial Careers: 2020 Vision des multinationalen amerikanischen Personaldienstleisters ManpowerGroup planen bis zu 40% der befragten Millennials aus 25 Ländern weltweit lange Auszeiten, um zu entspannen, zu reisen und Kinder zu erziehen4. Auch die Aussichten auf eine Pensionierung beurteilen sie relativ optimistisch: Nur etwa 10% rechnen damit, dass sie «arbeiten müssen, bis sie sterben», und mehr als die Hälfte geht davon aus, sich mit 65 zur Ruhe zu setzen. In Japan dagegen glauben 37% der Millennials, dass sie niemals in Rente gehen können.

Mara Swan, Executive Vice President der ManpowerGroup, äussert jedoch Bedenken, dass der Optimismus der europäischen Millennials womöglich weniger mit der Arbeitsethik als mit unrealistischen Erwartungen zu tun haben könnte. «Sie sind vom Berufsleben ihrer Eltern geprägt und rechnen damit, dieselben Erfahrungen zu machen»,  erklärt sie. Selbst wenn ein Millennial heute eine Vollzeitbeschäftigung hat, muss ein typischer 25-Jähriger 40 Jahre lang jeden Monat rund GBP 800 (d. h. über USD 1000) in das Rentensystem einzahlen, um sich mit 65 zur Ruhe setzen zu können. Und dies zudem mit einem bescheidenen Einkommen, wie das Chartered Institute for Securities and Investments, der in London ansässige weltweite Fachverband für die Finanz- und Investmentbranche, vorrechnet5. Je länger die Millennials den Beginn der Beitragszahlungen hinauszögern, desto höher werden die Beiträge sein müssen.

40%
der befragten Millennials aus 25 Ländern weltweit planen lange Auszeiten, um zu entspannen, zu reisen und Kinder zu erziehen

Smarte Städte für eine smarte Generation

Es hat aber auch Vorteile, in die grossen Fussstapfen der Babyboomer-Generation zu treten. Dies nicht zuletzt wegen der hohen Investitionen, die Organisationen des öffentlichen und privaten Sektors derzeit zur Unterstützung der alternden europäischen Bevölkerung tätigen. Es zeichnen sich bereits enorme Fortschritte in Technologie und Gesundheitsüberwachung ab, die es den Millennials ermöglichen werden, in einer Weise zu altern, die sich frühere Generationen nicht hätten vorstellen können. Dazu zählen Gesundheitsüberwachungsgeräte und Serviceroboter, die Pflege und Service in die eigenen vier Wände bringen. Darüber hinaus wird der Bau intelligenter Wohnanlagen und vernetzter Städte die alternde Bevölkerung Europas besser unterstützen, schützen und integrieren, so dass die Gesundheitskosten sinken und die Lebensqualität im Alter steigen dürfte.

Die Schweiz und Deutschland zählen schon jetzt zu den fünf Ländern weltweit, in denen es sich am besten altern lässt, wie der Global Age Watch Index 2015 der Londoner NGO HelpAge International feststellte. Dies liege an deren starken öffentlichen Verkehrsmitteln, der sozialen Verbundenheit, der hohen Beschäftigungsquote älterer Menschen und dem fortschrittlichen Gesundheitswesen6. Laufende Smart-City-Projekte legten die Grundlage für ein sichereres, freundlicheres Umfeld, in dem die Millennials altern werden.

«Die Millennials sind vom Berufsleben ihrer Eltern geprägt und rechnen damit, dieselben Erfahrungen zu machen.»
Mara Swan, Executive Vice President der ManpowerGroup
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Auch wenn sich die Millennials ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit hart erkämpfen müssen, deuten diese technologischen Fortschritte in Verbindung mit dem unerschütterlichen Optimismus dieser Generation darauf hin, dass ihnen langfristig eine bessere Zukunft bevorsteht, als viele glauben. Die Millennials wissen sehr genau, was sie wollen: Sinnstiftende Arbeit und genügend Freizeit, um die Früchte der eigenen Arbeit zu ernten. Und sie werden von einer Welt profitieren, die sich zurzeit neu organisiert, um sie im Alter zu unterstützen. Auch wenn diese Generation beim Hauskauf und der Familiengründung um Jahre hinter ihren Eltern zurückliegt, so sind die Millennials doch zuversichtlich, dass sich ihre unbezahlten Praktika und ihre beengten Behausungen in WGs oder dem Keller ihrer Eltern eines Tages auszahlen werden. «Wir sind die bestausgebildete Generation, die es je gab. Wir sind sehr kompetent und sehr kommunikativ», führt Nyman aus. «Unsere Stärken werden unsere Zukunft formen.»

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