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Generation «Glück gehabt»

  • Die Babyboomer hatten im Bildungswesen und in der Arbeitswelt mehr Vorteile als jede andere Generation vor ihnen. 
  • Älter zu werden und sich dabei trotzdem jung zu fühlen, ist in dieser Generation eine weit verbreitete Erwartung.
  • Die Babyboomer sind sich ihrer privilegierten Stellung in der Gesellschaft bewusst und wissen, dass sie Glück gehabt haben.
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Das Schicksal hat es gut gemeint mit den geburtenstarken Jahrgängen 1946 bis 1964. Der Zweite Weltkrieg blieb ihnen erspart, und sie konnten die Früchte des Wohlstands geniessen, der in der Nachkriegszeit folgte. Den Mitgliedern dieser Generation boten sich meist beispiellose Bildungs- und Beschäftigungschancen. Sie profitierten vom Wirtschaftsboom der frühen 1970er und der späten 1980er Jahre, Jobsicherheit und der Möglichkeit, mit der Studenten- und der Frauenbewegung den sozialen Wandel mitzugestalten.

Auch mit Blick auf das näher rückende Rentenalter gibt diese Generation die Richtung vor. Wichtig sind die Erfahrungen, welche die Babyboomer in den letzten 50 Jahren gemacht haben, schon deshalb, weil sie so zahlreich sind. Bis 2015 gab es bereits in mehr als 20 europäischen Ländern mehr Menschen über 65 als Kinder unter 15. Das ergab eine Studie von Joseph Chamie, einem früheren Leiter der United Nations Population Division. Mit ihrem relativen Wohlstand und ihrer guten Gesundheit verändern die Babyboomer unsere Wahrnehmung des Älterwerdens. 

«Die Babyboomer haben das höchste Einkommen und die meisten Immobilien. Viele sagen, dies sei die reichste Seniorengeneration, die wir je hatten und haben werden.»
Frank Leyhausen, Geschäftsführer der deutschen Kommunikationsberatung MedCom International

    

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Ein neuer Blick auf das Alter

«Ich weiss nicht, wie man sich mit 63 fühlen sollte. Im Kopf bin ich nicht mehr so schnell wie früher, aber ich bin noch immer sehr aktiv und denke gar nicht daran, mich zur Ruhe zu setzen. So fühlt man sich wahrscheinlich mit Anfang 50», sagt René Vögtli, 63, aus Luzern, ein Meister des japanischen Heilverfahrens Reiki. «Die Vorstellung nicht mehr zu arbeiten, ist mir völlig fremd.»

«Jeder will alt werden, aber niemand will als alt gelten», erklärt Frank Leyhausen, Geschäftsführer der deutschen Kommunikationsberatung MedCom International, die sich auf die Altersgruppe der über 50-Jährigen spezialisiert hat.

Die Babyboomer seien gesünder, gebildeter und wohlhabender als ihre Eltern und nähmen das eigene Altern selbst in die Hand. Und das aus gutem Grund, meint Leyhausen. «Die Babyboomer haben das höchste Einkommen und die meisten Immobilien. Viele sagen, dies sei die reichste Seniorengeneration, die wir je hatten und haben werden.»
Zudem gebe es in Deutschland noch immer ein starkes Gesundheits- und Rentensystem: «Die finanziellen Aspekte des Alterns sind für die Babyboomer weniger bedrohlich als Gesundheitsprobleme und Einsamkeit. Für die jüngere Generation wird dies jedoch anders aussehen.»
 

Raus aus der Komfortzone

Babyboomer halten nichts von Routine. Sie suchen neue Erfahrungen und Möglichkeiten, geistig flexibel und jung zu bleiben. George Assaf, 63, aus Wien nahm sich eine grosse Tour quer durch Europa vor. Auf dem Jakobsweg wanderte er von der französischen Grenze nach Santiago de Compostela in Spanien. 850 km legte er dabei zurück – in 44 Tagen.

«Ruhestand heisst für mich nicht, einfach mein Dasein zu fristen», erklärt der ehemalige Leiter der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung. Er hat die Wanderung dazu genutzt, den Übergang von einem stressigen Berufsleben in den Ruhestand zu bewältigen und Zukunftspläne zu schmieden, so Assaf.

In Deutschland leisten über 50-Jährige seit einigen Jahren deutlich mehr Freiwilligenarbeit, gerne auch im Ausland. Sie stillen so ihr Verlangen nach neuen Erfahrungen. Diese Entwicklung habe auch damit zu tun, dass die Senioren heute weltgewandter seien als früher, erläutert Bettina Wiedmann, Geschäftsführerin des Bonner Vereins Experiment e.V., der entsprechende Programme organisiert.

2013 lancierte der Verein Experiment e.V. die Aktion «Weltweit Aktiv», ein Stipendium in Höhe von EUR 2000 zur Finanzierung eines Freiwilligenprogramms für Menschen über 50. Wer zu dieser Altersgruppe gehört, kann damit die Chance auf Freiwilligeneinsätze ergreifen, sei es als Lehrkraft in Nepal oder im Rahmen eines Programms für Frauen in Südafrika. «Die Babyboomer sind offener für neue Erfahrungen», beobachtet Wiedmann. «Sie wollen aus ihrer Komfortzone heraus und sich neue Perspektiven eröffnen.»
 

«Ruhestand heisst für mich nicht, einfach mein Dasein zu fristen.»
George Assaf, ehemaliger Leiter der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung

Gutes Altern statt Anti-Aging

Neben dem Reisen legen die Babyboomer heute Wert darauf, sich eine jugendliche Lebensweise und Lebenseinstellung zu erhalten, weiss Sophie Schmitt, Geschäftsführerin der Pariser Beratungsfirma Seniosphère Conseil. Die Bewegung für ein aktiveres Leben im Alter habe den Jugendkult der 1980er Jahre ersetzt, bei dem es vor allem um das Aussehen der Frauen gegangen sei.

«Die Babyboomer sind bereit, mehr Risiken einzugehen, weil sie das Leben geniessen wollen. Sie wollen nicht wie die Vorgängergeneration sein und mit allem aufhören, nur weil sie älter geworden sind», erklärt Schmitt. «Sie haben das Geld und erwarten viel stärker als frühere Generationen, dass sie das Leben geniessen können. Denn sie haben schon in der Jugend den Umgang mit schnelllebigen Konsumgütern gelernt. Das war für sie eine Revolution.»

«Die Babyboomer haben das Altern neu definiert. Sie können es sich definitiv auch leisten. Die Frage ist, ob die nächste Generation das ebenfalls kann.»
Sophie Schmitt, Sophie Schmitt, Geschäftsführerin von Seniosphère Conseil

    

Engagiert bleiben

Darüber hinaus besteht für Babyboomer ein sozialer Druck, aktives Mitglied der Gesellschaft zu bleiben, – ein Druck, den sie sich auch selbst machen, wie Leyhausen ausführt. Im Jahr 2012 hätten 65% der Befragten in einer EU-Studie zum Thema «Aktives Altern» erklärt, sie wollten nach Erreichen des offiziellen Rentenalters Teilzeitarbeit und eine Teilrente kombinieren.

Anerkennung für ihr Engagement zu finden – ob durch eine zweite Karriere, eine Firmengründung oder das Vermitteln von Wissen an die Gemeinschaft – sei die vorrangige Motivation, argumentiert Leyhausen. Rentner wider Willen könnten mit Arbeit dem Empty-Desk-Syndrom entgehen und das Gefühl der Nichtbeachtung oder Nutzlosigkeit vermeiden.

Indem sie einen gesunden, aktiven und herausfordernden Ruhestand geniessen – und erwarten –, so Schmitt, haben die Babyboomer das Altern neu definiert. «Aber die Babyboomer können es sich definitiv auch leisten. Die Frage ist, ob die nächste Generation das ebenfalls kann.» Im Moment sei das Alter eine Zeit für neue Möglichkeiten. Es könnte sein, dass die nächsten Generationen – die sogenannten Millennials und die Pillenknick-Jahrgänge – nicht so viel Glück haben.

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