«Vier oder fünf Stunden Schlaf pro Nacht? Machogehabe von Managern!»

Sie ist eine der bekanntesten Unternehmerinnen der Welt – und schläft (fast) jede Nacht acht Stunden lang. Arianna Huffington sagt im Interview: Um unser Leben wieder selbstbestimmt in den Griff zu bekommen, brauchen wir nichts weniger als eine Schlaf-Revolution.

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«Wir leben mit der Vorstellung, dass es für Erfolg ein Burnout braucht, dass man die Nacht zum Tage machen muss»: Unternehmerin Arianna Huffington
(Bild: Reuters/Ruben Sprich)

Als Arianna Huffington wieder zu sich kam, lag sie in einer Blutlache auf dem Fussboden ihres Arbeitszimmers. Aus Erschöpfung und Schlafmangel war sie kollabiert. Sie fiel, schlug mit dem Kopf gegen die Schreibtischkante, verletzte sich am Auge und brach sich das Jochbein. Zwei Jahre zuvor hatte sie die „Huffington Post“ gegründet. Täglich arbeitete sie 18 Stunden, sieben Tage die Woche.

Nach ihrem Kollaps fragte sie sich: Sieht so Erfolg aus? Ist das ein Leben, wie sie es gewollt hatte? Die Antwort gibt sie in ihrem Buch „Die Schlaf-Revolution“, das in den USA zum Bestseller wurde und kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist: Permanenter Schlafmangel sei eine Epidemie unserer Gesellschaft. Um erfüllter, bewusster und kreativer zu leben, müsse der Schlaf wieder zur Priorität werden. 

Arianna Huffington, sind Sie im Moment müde?
Nein, ich hatte meine acht Stunden Schlaf letzte Nacht. Ich fühle mich erholt!

In Ihrem Buch «Die Schlaf-Revolution» schreiben Sie, dass wir uns mitten in einer Schlafentzugskrise befinden. Was ist der Grund für diese Krise?
Wir leben mit der allgemeinen Vorstellung, dass es für Erfolg ein Burnout braucht, dass man, wenn man erfolgreich sein, ein Unternehmen gründen oder Karriere machen will, die Nacht zum Tage machen muss. Dies ist schon seit der industriellen Revolution so. Die Technologie, die einen immer grösseren Platz in unserem Leben einnimmt, hat diese Vorstellung noch verstärkt. Alle jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen jedoch, dass das Gegenteil der Fall ist: Wenn wir uns zurückziehen und unsere Batterien wieder aufladen, sind wir produktiver, kreativer, treffen bessere Entscheidungen und leben ein erfüllteres Leben.

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«Chronischer Schlafmangel ist aus kognitiver Sicht dasselbe, wie betrunken zur Arbeit zu kommen.»

Manager brüsten sich in Interviews immer wieder damit, dass sie mit vier oder fünf Stunden Schlaf pro Nacht auskommen. Ist dies eine Art Macho-Mentalität?
Ja. Und genau dieses Machogehabe und diese Prahlerei machen es für uns alle, aber insbesondere für uns Frauen, schwierig weiterzukommen. Manager sind stolz darauf, aber die Wissenschaft hat gezeigt, dass chronischer Schlafmangel aus kognitiver Sicht dasselbe ist, wie betrunken zur Arbeit zu kommen. Wir sollten uns also nicht noch gratulieren, wenn wir rund um die Uhr arbeiten. Wir sollten jene als engagiert feiern, die zu sich Sorge tragen und ihr Wohlergehen an erste Stelle setzen.

Sie kennen viele Wirtschaftsführer. Wie haben sie auf Ihr Buch reagiert?
Immer mehr Führungskräfte werden zu Vorbildern und zeigen, wie sie ihrem Wohlbefinden den Vorrang geben. Sie reden darüber, wie sie Schlaf, Meditation und das Abschalten von der Technologie zu besseren Führungspersonen machen. Sie treffen bessere Entscheidungen, haben ein besseres Urteilsvermögen und sind kreativer, widerstandsfähiger und produktiver. Amazon-Gründer Jeff Bezos zum Beispiel hat auf Thrive Global einen Artikel darüber geschrieben, wieso acht Stunden Schlaf pro Nacht für Amazon-Aktionäre von Vorteil sind. Das ist wichtig. Die Mitarbeitenden brauchen diesen Rückhalt der Führung, damit sie sich trauen, dasselbe zu tun.

Sie haben zwei Kinder, haben die Huffington Post gegründet und sie zu einem der grössten und erfolgreichsten digitalen Medienkanäle der Welt gemacht. Wie viele Stunden haben Sie damals geschlafen?
Das war unterschiedlich, aber nicht genug. Es war für mich einfach keine Priorität. Arbeit und Familie kamen für mich immer zuerst, ich musste hinten anstehen.

«Unsere Telefone sind Behälter, die alles enthalten, was wir wegsperren müssen, damit wir schlafen können.»

Was haben Sie nach Ihrem Zusammenbruch geändert?
Ich stellte mir selbst ein paar wichtige Fragen zur Art, wie ich mein Leben führte. Der erste Schritt war der Schlaf, er ist das Fundament unseres allgemeinen Wohlbefindens. Ich begann allmählich, mehr zu schlafen, bis ich auf rund siebeneinhalb bis acht Stunden pro Nacht kam. Ich hatte schon immer meditiert, aber ich wurde disziplinierter – und man schläft dadurch besser. Und mit mehr Schlaf ist es einfacher, weitere Dinge in seinem Leben zu ändern.

Siebeneinhalb bis acht Stunden Schlaf – schaffen Sie das immer?
In 95% der Fälle. Es kommt natürlich vor, dass ich weniger schlafe, als mir lieb ist – wenn ein Flug Verspätung hat, ein Kind krank ist –, aber wichtig ist, dass Schlaf eine Priorität wird.

Haben Sie ein Ritual vor dem Zubettgehen, um Ihren Schlaf zu finden?
Der Übergang in den Schlaf ist für mich ein hochheiliges Ritual. Eine der wichtigsten Phasen meines Rituals und mein bester Tipp ist, das Handy nicht im Schlafzimmer zu lassen. Bevor ich zu Bett gehe, begleite ich mein Telefon sachte aus dem Zimmer. Unsere Telefone sind Behälter, die alles enthalten, was wir wegsperren müssen, damit wir schlafen können – unsere To-do-Listen, unsere Inbox, unsere Sorgen. Wenn wir also unser Telefon als festen Bestandteil unseres Rituals „zu Bett bringen“, wachen wir genauso aufgeladen wieder auf wie unser Telefon.

Haben Sie einen Trick, wenn man nicht schlafen kann? 
Da gibt es keine Patentlösung. Am wichtigsten ist, das Telefon nicht im Schlafzimmer aufzuladen. Auch mit Meditation kann man schnell wieder einschlafen – ich habe geführte Meditationen auf meinem iPod.

«Immer mehr Unternehmen richten Powernap-Räume ein und fordern die Mitarbeitenden dazu auf, eine Pause einzulegen.»

Hand aufs Herz: Wären Sie so erfolgreich geworden, wenn Sie zu Beginn Ihrer Karriere so viel geschlafen hätten?
Diese Frage stellt man mir oft und meine Antwort ist nicht kategorisch „ja“. Ich glaube, dass ich genau das erreicht hätte, was ich erreicht habe, aber ich hätte dabei mehr Freude gehabt, wäre lebendiger gewesen und meine Gesundheit und meine Beziehungen hätten weniger gelitten.

Manchmal hat man das Gefühl, der Tag habe nicht genug Stunden. Was raten Sie da?
Man sollte das tun, was man uns in Flugzeugen sagt: sich selbst die Sauerstoffmaske überziehen, bevor man anderen hilft. Wenn ich meinem Wohlbefinden den Vorrang gebe, bin ich produktiver und effizienter in allen anderen Bereichen. Und für die Dinge, die unbedingt erledigt werden müssen, dafür ist Zeit da – und man erledigt sie erst noch effizienter.

In südeuropäischen Ländern pflegte man den Brauch der Siesta. Sollten wir ihn alle einführen?
Ja! Ich liebe die Tradition der Siesta. Durch ein Nickerchen verbessern wir unseren Fokus, unser Gedächtnis, unsere Kreativität und unsere Lernfähigkeit. Immer mehr Unternehmen erkennen dies, richten Powernap-Räume ein und fordern die Mitarbeitenden dazu auf, während des Tages eine kurze Pause einzulegen, um neue Energie zu tanken. 

Im Top-Management wird von einem immer noch erwartet, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Ändert sich diese Einstellung? 
Ja, sie ändert sich. Wir befinden uns an einem Wendepunkt in der Geschichte, an dem uns die Technologie Kräfte verliehen hat, die das Leben dermassen beschleunigen, dass wir kaum mithalten können. Wir sind uns stärker denn je bewusst, dass diese 24/7-Einstellung uns auslaugt, ablenkt und unerfüllt lässt. Gleichzeitig erkennen die Menschen, dass die Prämisse der Work-Life-Balance falsch ist. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass Arbeit und Leben, Wohlbefinden und Produktivität nicht Gegensätze sind, deshalb müssen sie auch nicht ausbalanciert werden. Sie befinden sich auf derselben Seite und entwickeln sich gemeinsam. Verbessert man das eine, verbessert man auch das andere. 

Sind sich jüngere Generationen dessen bewusster?
Das ist tatsächlich etwas, was mich am meisten beeindruckt hat: Jüngere Menschen gehen viel bewusster und leidenschaftlicher mit dem Thema Schlaf um, als es meine Generation tat. 

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Zur Person

Arianna Huffington, 66, ist laut dem amerikanischen Magazin Time eine der einflussreichsten Menschen der Welt. Die gebürtige Griechin, die an der britischen Cambridge University einen Master in Ökonomie machte und in den USA als Sachbuchautorin und Journalistin arbeitete, gründete 2005 die „Huffington Post“. Die Online-Zeitung wurde schnell zu einer der am meisten besuchten Websites überhaupt und gewann als erstes kommerzielles Onlinemedium den prestigeträchtigen Pulitzerpreis, die höchste journalistische Auszeichnung der USA. 2011 verkaufte Huffington ihr Unternehmen an den Internetanbieter AOL, behielt aber die Leitungsfunktion. Letztes Jahr gab sie ihren Posten als Chefredaktorin ab, um sich um ihr neues Gesundheits- und Wellness-Start-up „Thrive Global“ zu kümmern.

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