«Ich möchte die Leute aufrütteln.»

In der Finanzwelt bewegt er sich seit den 70er-Jahren. Fast so lange treibt Erwin Heri auch der Gedanke um, dass die Leute mehr über Finanzen wissen sollten. Mit selbstgedrehten Videos steigt der Ex-Banker und Finanzprofessor für sein Anliegen in den Ring.

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Sie haben sich dem Kampf gegen den Finanzanalphabetismus verschrieben. Was möchten Sie konkret erreichen? 
Ein Grossteil der Bevölkerung hat keine Ahnung von Geldanlagen und Finanzen. Auch fehlt vielen ein auch nur rudimentäres Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge. Das sollten wir nicht so hinnehmen. Ich möchte die Leute aufrütteln. Denn ein relevanter Teil der Probleme, die wir heute antreffen, könnten wir lösen, wenn die Menschen etwas mehr von Finanzen verstehen würden. 

An was für Probleme denken Sie konkret?
Ich denke beispielsweise an die vielen jungen Leute, die Schulden anhäufen, die sie kaum mehr abbezahlen können. Darüber hinaus treffe ich aber auch viel Unwissen und Missverständnisse in Bezug auf Anlageprodukte an, die zwangsläufig in Frustrationen enden. Punkto Vorsorgeleistungen und Renten haben viele ebenfalls Erwartungen und Vorstellungen, die fernab der Realität sind. 

Wie führen Sie den Kampf für mehr Finanzwissen?
Ich will nicht zuletzt junge Menschen für das Thema Finanzwissen gewinnen. Junge haben noch einen langen Anlagehorizont und da ist Finanzwissen von besonderer Bedeutung. Darum habe ich mit Kollegen ein Start-up gegründet und eine kostenlose Online-Plattform aufgebaut. Wir arbeiten mit Kurzvideos, die komplexe Sachverhalte aus der Finanz- und Wirtschaftswelt oder auch aus der Politik einfach und verständlich erklären. 

Haben Sie sich konkrete Ziele gesetzt?
Wenn es uns gelingt, den Menschen ein bisschen mehr Wissen über Finanzen mitzugeben, dann haben wir schon viel erreicht. 

«Ein relevanter Teil der Probleme, die wir heute antreffen, könnten wir lösen, wenn die Leute etwas mehr von Finanzen verstehen würden.»

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Sie waren selbst jahrelang in führenden Positionen in der Finanzindustrie tätig. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Mein Ziel war immer herauszufinden, was die Anlagepraxis von der Finanztheorie lernen kann und umgekehrt. Hier liegt viel Potenzial. Wenn man analytisch tief in eine Materie einsteigt, wie ich das in den jeweiligen Forschungsprojekten in Finanzunternehmen gemacht habe, und dann die Erkenntnisse praktisch anwendet, entsteht ein tiefes Verständnis für die Prozesse. Die Herausforderung, komplexe Dinge so herunterzubrechen, dass sie von allen verstanden werden, hat mich immer begleitet.

18-Jährige können Goethe zitieren oder deutsche Verben konjugieren, haben aber wenig Ahnung von Finanzen. Was halten Sie davon, Finanzwissen als Schulfach einzuführen?
Ich stehe dem eher kritisch gegenüber. Finanzwissen wäre nur ein weiteres Fach, das die Schüler nach der Prüfung gleich wieder vergessen. Man muss im Leben zuerst mit den Themen konfrontiert werden, um sich dafür zu interessieren. Das passiert aber bei Finanz- und Anlagethemen typischerweise noch nicht in den Teenagerjahren.

Sind die Jungen also besonders unwissend?
Tendenziell schon. Grundsätzlich stelle ich fest, dass sich die Leute erst ab etwa 50 stärker für Finanzen interessieren. In diesem Alter hat man oft etwas Geld auf der Seite und macht sich schon erste Gedanken über die Pensionierung. Nur ist mit 50 der Anlagehorizont nicht mehr so lang. Mit zunehmendem Alter haben viele mit Geldanlagen ihre teuren Erfahrungen gemacht. Das müsste nicht sein. Learning by making mistakes ist die teuerste Art, sich Finanzwissen anzueignen. 

«Learning by making mistakes ist die teuerste Art, sich Finanzwissen anzueignen.»

Infos zum gesellschaftlichen Engagement von Swiss Life

Swiss Life unterstützt ausgewählte Institutionen, die Selbstbestimmung und Zuversicht fördern. Fintool ist eine der Institutionen, die Swiss Life finanziell unterstützt. Swiss Life ist es ein Anliegen, dass das Finanzwissen («Financial Literacy») der Bevölkerung kontinuierlich verbessert wird. Ausreichendes Finanzwissen trägt wesentlich dazu bei, dass man ein selbstbestimmtes, längeres Leben richtig vorbereiten kann. 

Was können Finanzdienstleister wie Versicherungen und Banken für einen Beitrag leisten, damit die Leute mehr über Finanzen wissen?
Ich bin der Meinung, dass das, was wir machen, von der Finanzindustrie finanziert werden sollte. Diese sollte ein grundsätzliches Interesse daran haben, kompetente Gesprächspartner zu bekommen. Es geht auch darum, unternehmerische Verantwortung wahrzunehmen. Nur ein Kunde, der gut informiert ist, ist langfristig ein guter Kunde. 

Sehen das die Finanzdienstleister ähnlich?
Einige wenige haben verstanden, dass wir heute bezüglich Geldanlagen und Finanzen in einer ähnlichen Situation sind wie bei der Gesundheit. Wer einen Arzt konsultiert, sucht nach einer Diagnose nach weiteren Informationen und holt vielleicht eine Zweitmeinung ein. Wir sind daran, in der Finanzindustrie auf ähnlichen Pfaden zu gehen. Und die Industrie sollte dies unterstützen. Ihr primäres Ziel sollte sein, dass Menschen Entscheidungen treffen, die für sie richtig sind.  

Spüren Sie von der Finanzindustrie Widerstand in Bezug auf Ihr Anliegen?
Weder Widerstand noch besonders viel Unterstützung. Wenn wir jedoch analysieren, wer unsere inzwischen 350 Videos anschaut, sehen wir, dass rund 50% unserer rund 10 000 Kunden Bank- oder Versicherungsberater sind. Von daher sollten wir von den Finanzdienstleistern schon etwas mehr Unterstützung erfahren.

«Wer sein Leben bis ins hohe Alter finanziell selbstbestimmt führen will, sollte sich frühzeitig ausreichend Finanzwissen aneignen.»

Wenn Sie einen 16-jährigen Schüler in zehn Sekunden überzeugen müssten, warum er sich Finanzwissen aneignen sollte. Was würden Sie ihm sagen?
Ich würde ihm das Video «Raucher oder Millionär» zeigen. Das wirkt. Mit einleuchtenden und manchmal auch lustigen Beispielen zu arbeiten, hilft, die Leute wachzurütteln. 

Was braucht man konkret für Finanzwissen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können?
Wer sein Leben bis ins hohe Alter finanziell selbstbestimmt führen will, sollte sich frühzeitig ausreichend Finanzwissen aneignen und ein Auge auf meine acht Gebote der Geldanlage haben[1]:

  • Investieren Sie. Beachten Sie dabei Ihre Verpflichtungen. Diese definieren die Allokation Ihrer Mittel.
  • Suchen Sie nicht den kurzfristigen Gewinn – er kann teuer zu stehen kommen.
  • Versuchen Sie nicht, den «richtigen Moment» zu erwischen – es gibt ihn nicht.
  • Versuchen Sie nicht, den «richtigen Titel» zu erwischen – es gibt ihn nicht.
  • Versuchen Sie nicht, mehr zu wissen als «der Markt», denn «der Markt» weiss viel.
  • Seien Sie diszipliniert und bleiben Sie im Normalfall bei Ihrer Strategie (Punkt 1).
  • Haben Sie Spass. Versuchen Sie den «heissen Tipp», wenn Sie wollen – aber nur mit einem kleinen Teil Ihres Vermögens.
  • Kaufen Sie nur, was Sie verstehen. Investieren Sie in Ihr Wissen und trauen Sie vor allem sich selbst.

[1] Zu jedem der acht Gebote der Geldanlage gibt es auf www.fintool.ch ein Kurzvideo. 

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Zur Person

Erwin W. Heri (64) ist ein Schweizer Finanzwissenschaftler, ehemaliger Banker und Autor. Zudem lehrt Heri als Professor Finanztheorie an der Universität Basel. Seit 2014 leitet er als Mitgründer das Internet-Start-up-Unternehmen Fintool. Fintool ist eine auf Finanzausbildung spezialisierte Website mit über 10 000 Nutzern. Ziel des Internet-Start-ups ist, das Finanz- und Anlagewissen der Bevölkerung zu verbessern. Dabei arbeitet das Team mit Kurzvideos, die komplexe Sachverhalte aus der Wirtschafts- und Finanzwelt oder aus der Politik einfach auf den Punkt bringen. www.fintool.ch

Interview: Fabienne Strobel

Studie zum Thema «Financial Literacy»

Im Juli 2017 hat die OECD, eine von 35 Mitgliedstaaten getragene Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, eine umfassende Studie zum Thema Financial Literacy vorgestellt. Die Studie kann hier heruntergeladen werden.

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