Ärmer als die Eltern

«Ihr sollt es finanziell einmal besser haben als wir»: Dieses Versprechen konnten Eltern ihren Kindern in den letzten Jahrzehnten abgeben. Aber nun zeigen aktuelle Studien, dass immer mehr Kinder weniger verdienen als noch ihre Eltern. Das gefährdet den sozialen Zusammenhalt.

original

Der amerikanische Traum war gestern: Die Einkommen der jüngeren Generationen sinken.

Ab dem zweiten Weltkrieg bewegten sich die durchschnittlichen Einkommen jahrzehntelang praktisch nur in eine Richtung: aufwärts. Dank Wirtschaftswachstum und Produktivitätsgewinnen kam die westliche Welt zu einem Wohlstand, der historisch gesehen einzigartig ist.

Diese goldenen Zeiten scheinen nun Geschichte zu sein. Aktuelle Studien aus verschiedenen Ländern belegen, dass die jüngeren Generationen heute eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, höhere Einkommen zu erzielen als noch ihre Eltern.

Forscher der amerikanischen Stanford-Universität untersuchten dazu die Einkommen der Generationen, die zwischen 1940 und 1984 geboren wurden1. Sie fanden heraus, dass der Anteil der Kinder, die mehr Geld als ihre Eltern verdienen, massiv gesunken ist: Über 90 Prozent der Menschen mit Geburtsjahr 1940 hatten noch ein höheres Einkommen als die Generation vor ihnen. Beim Jahrgang 1984, den heute 33-Jährigen, sind es nur noch 50 Prozent.

Like it? Share it!

«Heute ist die Wahrscheinlichkeit, mehr als die eigenen Eltern zu verdienen, im Prinzip nur noch so hoch wie bei einem Münzwurf», sagt Wirtschaftsprofessor Raj Chetty vom Stanford Institute for Economic Policy Research, einer der Autoren der gross angelegten Studie. Sein Fazit: «Der amerikanische Traum verblasst.»

Was die Stanford-Ökonomen für die USA belegen, trifft der Tendenz nach auch auf Europa zu. Für Deutschland etwa hat das Institut für Wirtschaftsforschung die Lebenseinkommen der Jahrgänge 1935 bis 1972 verglichen2. Sein Fazit: «Im unteren Lohnbereich nehmen die Einkommen real gesehen ab, die mittleren Einkommen bleiben einigermassen stabil und sinken bei den jüngsten Jahrgängen leicht.»

«Heute ist die Wahrscheinlichkeit, mehr als die eigenen Eltern zu verdienen, im Prinzip nur noch so hoch wie bei einem Münzwurf.»
Wirtschaftsprofessor Raj Chetty, Stanford Institute for Economic Policy Research
original

Ähnliches zeigt auch ein Report des McKinsey Global Institute3, das die Entwicklung in 25 Industriestaaten untersuchte. Das 21. Jahrhundert begann demnach einkommensmässig mit einem verlorenen Jahrzehnt: In den untersuchten Ländern stagnierten oder sanken die Haushaltseinkommen zwischen 2005 und 2014. Zwei von drei Haushalten, so heisst es im Report, müssten mit einem Nullwachstum oder einem schrumpfenden Budget auskommen.
 

Die Forscher sehen diese Entwicklung mit Besorgnis. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen seien «potentiell zersetzend», heisst es in der Studie. «Wir müssen mit geringerem wirtschaftlichem Wachstum rechnen, weil die Leute weniger ausgeben können», sagt Richard Dobbs, einer der Autoren, und er befürchtet «soziale Spannungen».

«Wir müssen mit geringerem wirtschaftlichem Wachstum rechnen, weil die Leute weniger ausgeben können»
Richard Dobbs, McKinsey Global Institute
original

Der Grund: Eine bedeutende Anzahl jener Leute, deren Einkommen nicht angestiegen seien, seien sehr enttäuscht  und verlören ihr Vertrauen in das globale Wirtschaftssystem. «Fast ein Drittel dieser Leute gehen davon aus, dass ihre Kinder einkommensmässig ebenfalls nicht weiterkommen», sagt Dobbs. «Sie haben darum eine negative Meinung zu Dingen wie Freihandel, Technologie oder Immigration, die in der Vergangenheit das Wirtschaftswachstum angetrieben haben.»

Positiver scheint derzeit die Entwicklung in der Schweiz zu verlaufen, die in den hier zitierten Studien nicht detailliert untersucht wurde. Die Schweizer Reallöhne stagnierten laut Bundesamt für Statistik zwischen 1992 und 2006 zwar nahezu. Seither steigen sie aber, mit Ausnahme des Krisenjahres 2008, wieder sanft an.

×