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«Die Menschen sparen oft nicht genug»

  • Zinsen, Inflation und Risikodiversifikation sind drei wesentliche Komponenten der Finanzkompetenz.
  • In den nordeuropäischen Ländern ist die Finanzkompetenz stärker ausgeprägt als in Süd- und Osteuropa.
  • Hoch verschuldete Haushalte sparen überhaupt nicht.
  • In Deutschland werden in den nächsten 15 Jahren die geburtenstarken Jahrgänge von den geburtenschwachen abgelöst, wodurch sich das Gleichgewicht im öffentlichen Rentensystem verschieben wird.
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Tabea Bucher-Koenen ist Senior Researcher am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. Ausserdem ist sie Leiterin des Forschungsbereichs Alterssicherung und Sozialpolitik. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Sozialpolitik und die Gesundheitsökonomie. Ihre Spezialgebiete sind die öffentliche und private Rentenversicherung, die Finanzkompetenz und das Sparverhalten.

Was muss ein Mensch wissen, um finanziell kompetente Entscheidungen treffen zu können?
Annamaria Lusardi1 und Olivia Mitchell2 haben drei grosse Themenbereiche erarbeitet, anhand derer die Finanzkompetenz bei finanziellen Entscheidungen gemessen werden kann.

Der erste Themenbereich sind die Zinsen: Wie funktionieren sie und welche Auswirkungen hat der Zinseszinseffekt?

Das zweite Wissensgebiet ist die Inflation. Es muss ein Verständnis dafür vorhanden sein, wie sich die Inflation auf die Ersparnisse auswirkt. Wichtig ist gerade bei langfristigen Sparentscheidungen der Zusammenhang zwischen Zins und Inflation. Kreditentscheidungen sind hiervon ebenfalls betroffen.

Das dritte wichtige Konzept ist die Risikodiversifikation: Wie riskant sind bestimmte Kapitalanlagen? Vielen Menschen mag es schwerfallen, das Prinzip der Risikodiversifikation zu verstehen, aber meines Erachtens zählt auch dieses Thema zu den zentralen Bereichen, über die man Bescheid wissen sollte.

Wie stark ist die Finanzkompetenz im heutigen Europa ausgeprägt?
Grundsätzlich recht verschieden. In einem Artikel von Lusardi und der Weltbank zur globalen Finanzkompetenz wird insbesondere auch Europa beleuchtet. Es zeigt sich, dass die nordeuropäischen Länder im Vergleich zu denen in Süd- und Osteuropa eine recht hohe Finanzkompetenz aufweisen. Norwegen, Schweden, Finnland und Deutschland liegen hier vorn, auch im Vergleich zu Frankreich und Österreich, die etwas schlechter abschneiden. Die Schweiz liegt zwischen Deutschland und Frankreich.

In den meisten Industrieländern weist die Finanzkompetenz in Relation zum Alter ein buckelförmiges Muster auf. Sowohl die jüngere Generation als auch die über 65-Jährigen wissen meist weniger als die mittlere Altersgruppe. Den Jüngeren fehlen einfach entsprechende Erfahrungen, während der Grund bei den Älteren unklar ist. Leider ist die Forschung zur Finanzkompetenz noch zu jung, um Kohortenstudien durchführen zu können.

«Die Babyboomer kommen nun ins Rentenalter. Dadurch verändert sich das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenempfängern im öffentlichen Rentensystem.»
«Wichtig ist gerade bei langfristigen Sparentscheidungen der Zusammenhang zwischen Zins und Inflation.»

Glauben Sie, dass junge Berufstätige angesichts des aktuellen Finanzklimas nur schwer davon zu überzeugen sind, dass sie sparen und ihre persönliche finanzielle Situation überblicken sollten?
Angesichts der niedrigen Zinsen mag es aktuell schwieriger sein, Menschen vom Sparen zu überzeugen, aber im Grunde war das immer schon ein Problem. In einer Untersuchung deutscher Haushalte haben wir deren aktuelles Vermögen und Sparverhalten ermittelt und prognostiziert, wie viel ihnen beim Renteneintritt zur Verfügung stehen würde. Ausserdem haben wir versucht abzuschätzen, welche Versorgungslücke sich durch die deutschen Rentenreformen von 2001 und 2004 ergeben wird. Dabei haben wir festgestellt, dass die Menschen bei ihrem aktuellen Vermögen und Sparverhalten im Schnitt durchaus in der Lage sind, die Versorgungslücke zu schliessen und sogar darüber hinaus Vorsorge zu treffen.

Wo liegen die grössten Unterschiede?
Bei der Untersuchung der Vermögensverteilung fanden wir grosse Unterschiede zwischen reichen und armen Haushalten. Ein sehr kleiner Teil der Haushalte ist ausserordentlich gut versorgt, doch fast die Hälfte der Bevölkerung tut nichts, um die Lücke zu schliessen. Vor allem hoch verschuldeten Haushalten fällt es schwer, für das Alter zu sparen, und rund 40 % der Haushalte sparen überhaupt nicht.

Glauben Sie, dass die Mehrheit der heutigen älteren Bevölkerung Europas über ausreichende Finanzen verfügt?
Etwa 90 % der Rentner sind über die öffentliche Rentenversicherung ihres Landes versichert, und bei den betrieblichen und privaten Renten kommt es sehr auf den institutionellen Kontext des Landes an.

40%
der deutschen Haushalte sparen überhaupt nicht.

Sehen Sie hierbei grosse Unterschiede zwischen den Ländern oder sind die Muster innerhalb Westeuropas ähnlich?
Grundsätzlich haben viele der heutigen Rentner seit der Nachkriegszeit in einer Phase des Friedens und Wohlstands gelebt, sodass sie auf eine relativ kontinuierliche Erwerbsbiografie zurückblicken können. Sie haben eine Wachstumsphase erlebt, die sich nun auch auf ihr Rentenvermögen auswirkt. Zudem ergab eine Studie vor einigen Jahren, dass Rentner auch von Erbschaften profitieren. In Deutschland gibt es heute eine recht wohlhabende Mittelschicht, die der nächsten Generation ein Erbschaftsvermögen hinterlassen kann. Dies ist ein interessanter Aspekt, der nicht vergessen werden darf.

«Der Staat muss die Bürger über die aktuellen Prognosen zur Lebenserwartung informieren.»

Welche Einstellung sollten ältere Mitbürger heute in Bezug auf die Finanzplanung haben, im Vergleich zu der Zeit vor 20 Jahren?
Ich glaube nicht, dass sich die Situation für Rentner in den letzten 20 Jahren gross verändert hat, denn die aktuelle Rentenversorgung ist immer noch grosszügig. Anders sieht die Sache jedoch bei denen aus, die erst in 20 Jahren in Rente gehen. Die Bedeutung der privaten und betrieblichen Renten wird zunehmen und auch der Rückgang des Einkommens aus staatlichen Renten wird diese Gruppe stark betreffen.

In Deutschland werden in den nächsten 15 Jahren die geburtenstarken Jahrgänge von den geburtenschwachen abgelöst, denn die Babyboomer kommen nun ins Rentenalter. Dadurch verändert sich das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenempfängern im öffentlichen Rentensystem.

Inwiefern muss die gestiegene Lebenserwartung bei Sparentscheidungen berücksichtigt werden?
Die Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartung erheblich – im Durchschnitt um sechs bis acht Jahre. Daher sparen sie oft nicht genug für ihren Ruhestand. Der Staat muss die Bürger über die aktuellen Prognosen zur Lebenserwartung informieren. Er sollte Kohortensterbetafeln veröffentlichen, damit die Menschen erfahren, mit welcher Lebensdauer sie zu rechnen haben. Dies ist ein Aspekt, der sehr eng mit der Finanzkompetenz zusammenhängt, und es ist sehr wichtig, dass beides berücksichtigt wird.

1 Denit Trust Chair of Economics and Accountancy an der George Washington University School of Business.

2 International Foundation of Employee Benefit Plans Professor an der University of Pennsylvania.

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