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«Der klassische Lebensweg bröckelt»

Für den britischen Professor Andrew Scott ist ein längeres Leben ein Geschenk, welches vielen Menschen nicht bewusst ist. Mit seinem Buch «The 100-Year Life» will er deshalb eine Diskussion anstossen. Im Interview erklärt er, warum er durch das Schreiben seines Werkes begann, auch sein eigenes Leben zu hinterfragen.

Andrew Scott, vor kurzem ist Ihr Buch «The 100-Year Life» erschienen. Worum geht es darin?
Verglichen mit älteren Generationen leben wir heute ein viel längeres Leben. Das Buch zeigt, dass sowohl wir als Einzelpersonen wie auch die Gesellschaft dieses längere Leben neu strukturieren müssen. Bisher war die Debatte zu stark auf altersbezogene Probleme wie Renten und Alzheimer ausgerichtet. Die Folge davon ist ein falsches Verständnis von Langlebigkeit – ein längeres, gesundes Leben setzt Veränderungen in allen Lebensphasen voraus.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Zunächst, und das ist das Wichtigste, wollen wir, dass die Menschen darüber nachdenken, wie sie ihr längeres Leben strukturieren. Die meisten Leute sind sich ihrer Lebenserwartung nicht bewusst und laufen somit Gefahr, den grossen Vorteil eines längeren Lebens nicht zu nutzen. Zweitens wollen wir eine öffentliche Diskussion über dieses Thema anstossen. Es ist verblüffend, wie wenig das Thema behandelt wird. Viele Menschen sind schlecht informiert. Und Drittens: Wir wollen die Welt verändern! Ein längeres Leben ist nur dann ein grosses Geschenk, wenn wir uns von unseren veralteten Strukturen lösen. Wir müssen Dinge verändern, auf nationaler und globaler Ebene. Ich hoffe, dass dieses Buch zu diesem Wandel beitragen wird.

«Selbst wenn man es sich leisten kann – 35 Jahre ist eine sehr lange Zeit auf dem Golfplatz.»
«Von allen Altersgruppen ist es wahrscheinlich die jüngere Generation, die sich des längeren Lebens bewusst ist. Ich glaube, sie sehen, wie fit und gesund ihre Eltern mit 50, 60 und 70 sind.»

Welchen Ansatz haben Sie beim Schreiben verwendet?
Wir wollten ein möglichst praktisches und verständliches Buch schreiben, da möglichst viele Menschen beginnen sollen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Geholfen hat dabei die Erschaffung von drei fiktiven Personen: Jack, 70 Jahre, Jimmy, Mitte 40, und Jane, 18 Jahre. Jede Person hat eine andere Lebenserwartung, eine andere Ausgangslage und befindet sich in einer anderen Lebensphase. Mit diesen Personen konnten wir die zentralen Themen konkret aufzeigen, vor allem die Frage nach dem Vermögen – materiell und immateriell, finanziell und nicht finanziell. Für ein gutes Leben muss man in finanzielle Vermögenswerte wie Renten und Immobilien investieren, aber auch in immaterielle Güter wie Wissen und Beziehungen.

Bevor Sie mit dem Buch begonnen haben, haben Sie mit vielen Menschen gesprochen. Wie stehen die Menschen heute zur steigenden Lebenserwartung?
Wir versuchen die Menschen auf die Chancen eines längeren Lebens aufmerksam zu machen. Klar, gesundheitliche Probleme, geistige Schwächen und Armut sind reale Sorgen, die bei der Planung berücksichtigt werden müssen. Aber die Kernbotschaft ist klar: Im Durchschnitt leben wir länger als unsere Eltern und die meisten dieser Zusatzjahre erleben wir gesund. Das scheint die Menschen zu befreien und macht es zu etwas, worauf sie sich freuen können. Diese Reaktion inspiriert. Ich hoffe, dass wir die Staaten dazu bringen können, an dieser positiven Einstellung gegenüber der steigenden Lebenserwartung zu arbeiten und sich nicht nur auf Tod, Krankheit und Armut zu konzentrieren.

Was hat Sie bei Ihren Untersuchungen am meisten überrascht?
Zwei Dinge: Ein längeres Leben bedeutet mehr Veränderungen und benötigt eine gute Vorbereitung. Mit Veränderungen umgehen zu können, wird beim Aufbau eines guten Lebens zentral sein. Als Zweites habe ich gelernt, wieso sich die Leute in ihren Zwanzigern heute so anders verhalten als ältere Generationen. Die heutigen 18- bis 30-Jährigen heiraten später, haben später Kinder und beginnen ihre Karriere später.

Sind sich junge Menschen heute demnach bewusst, dass sie womöglich 100 Jahre oder noch älter werden?
Von allen Altersgruppen ist es wahrscheinlich die jüngere Generation, die sich des längeren Lebens bewusst ist. Ich glaube, sie sehen, wie fit und gesund ihre Eltern mit 50, 60 und 70 sind, und beziehen diese Erkenntnisse in ihren Lebensplan mit ein.

Welche Vorteile hat ein solches Bewusstsein?
Es ist matchentscheidend. 100 Jahre zu leben anstelle von 70, ist wie 15 km zu rennen anstelle von 10. Man passt das Tempo der Strecke an und wenn man das am Start nicht erkennt, ist man zu schnell ausser Puste.

Ist der klassische Lebensweg mit Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Ruhestand überholt?
Wir glauben, dass die Vorstellung eines dreigeteilten Lebens schon heute bröckelt und bald in sich zusammenfallen wird. Das Modell war ursprünglich auf eine Lebenserwartung von 70 Jahren und ein Pensionierungsalter von 65 ausgerichtet. Wenn wir 100 Jahre alt werden, können wir es uns nicht leisten, mit 65 in den Ruhestand zu gehen. Und wenn wir bis spät in unsere Siebziger arbeiten, ist uns eine 60-jährige Karriere zu lang. In den letzten zweihundert Jahren ist die Lebenserwartung jedes Jahrzehnt um zwei bis drei Jahre gestiegen. Das wäre, wie wenn wir plötzlich fünf bis acht Stunden mehr pro Tag hätten. In diesem Fall würden wir auch nicht mehr zur selben Zeit aufstehen, zur selben Zeit zu Bett gehen oder drei Mahlzeiten am Tag zu uns nehmen. Wir würden zu anderen Zeiten aufstehen, später ins Bett gehen, vielleicht ein Mittagsschläfchen machen und vier bis fünf kleinere Mahlzeiten konsumieren.

original

Das Buch «The 100-year Life» ist am 2. Juni 2016 erschienen. Die beiden britischen Autoren Lynda Gratton und Andrew Scott beschreiben darin, wie sich das Leben und Arbeiten im Zeitalter der Langlebigkeit verändert. Andrew Scott ist Wirtschaftsprofessor an der London Business School und Mitglied des All Souls College der Universität Oxford und des Centre for Economic Policy Research. Seine Forschungs- und Beratungsarbeit konzentriert sich auf die Kräfte, denen Staaten und Unternehmen kurz- und langfristig ausgesetzt sind. Alle Informationen rund um das Buch finden Sie auf der Website von «The 100-year Life».

Das heisst, eine Pensionierung mit 65 Jahren ist für Sie nicht mehr zeitgemäss?
Genau. Sich mit 65 pensionieren zu lassen, setzt angesichts unserer Lebenserwartung voraus, dass wir während unserer Erwerbstätigkeit massive Ersparnisse anhäufen. Das ist für die meisten unrealistisch. Und selbst wenn man es sich leisten kann – 35 Jahre ist eine sehr lange Zeit auf dem Golfplatz. Länger leben heisst auch später in den Ruhestand treten. Dies geschieht bereits und der Trend wird sich weiter verstärken.

Wie sehen Ihre Pläne für den Rest Ihrer 100 Jahre aus?
Ich bin 50, somit beträgt meine Lebenserwartung leider nicht 100, sondern eher um die 90 Jahre. Es war schon seltsam, das Buch zu schreiben. Es liess mich unweigerlich über mein eigenes Leben nachdenken und auch darüber, ob meine Pläne mit dem längeren Leben vereinbar sind. Ich habe dadurch erkannt, dass ich in meine Gesundheit investieren und sicherstellen muss, dass mich meine Freunde und Netzwerke nicht einschränken, sondern mich offen und flexibel halten. Und zu guter Letzt muss ich dafür sorgen, dass ich nicht in Gewohnheiten stecken bleibe, die mich daran hindern, mich an meinen Lebensverlauf anzupassen.

Interview: Atréju Diener, Bilder: Lukas Kroulik

«Mit Veränderungen umgehen zu können, wird beim Aufbau eines guten Lebens zentral sein.»