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«Kollegen dachten, ich sei verrückt geworden»

Lucy Kellaway war eine der bekanntesten Wirtschaftsjournalistinnen der englischsprachigen Welt. Mit 57 Jahren entschied sie sich zu einem radikalen Neuanfang, gründete eine wohltätige Organisation und wurde Lehrerin. «Ich habe mich noch keine Sekunde gelangweilt» sagt sie.

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Bild: Anna Gordon

Sie waren eine weltweit bekannte, gut bezahlte Wirtschaftsjournalistin und gaben vor zwei Jahren ihren Job auf, um Lehrerin zu werden. Warum?

Ich war schlicht zu lange Journalistin. Ich liebte diesen Beruf immer noch, wollte aber nicht mein ganzes Arbeitsleben lang das Gleiche tun. Ich hatte es auch satt, dauernd zynisch zu sein, und wollte lieber etwas Nützliches tun.



Wie hat Ihre Umgebung auf Ihren Berufswechsel reagiert?
Meine vier Kinder hielten es alle für eine tolle Idee, besonders meine älteste Tochter, die selbst Lehrerin ist. Meine Freunde und Bekannten reagierten dagegen sehr unterschiedlich auf meinen Karrierewechsel. Die eine Hälfte bewunderte meinen Entscheid und war vielleicht sogar versucht, das Gleiche zu tun. Die andere Hälfte dachte, ich sei verrückt geworden. Vor allem einige meiner Kollegen bei der Financial Times zeigten sich sehr skeptisch. Ich glaube aber, dass diese Reaktion hauptsächlich ihre eigenen Gefühle über Status und Geld widerspiegelte.

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Vielen Menschen träumen davon, ganz neu anzufangen und ihrem Leben mehr Sinn zu geben. Aber nur wenige realisieren diesen Traum. Warum ist Selbstbestimmung für uns so schwierig?
Vielleicht weil unserer Selbstbestimmung einiges im Weg steht, gerade in jüngeren Jahren. Wir müssen Geld verdienen. Unser Umfeld ist sehr kompetitiv. Der Status spielt eine wichtige Rolle. Es ist schwierig, sich nicht darum zu scheren. Ich war schon in meinen 50ern, als ich das Prestige, das mit der Financial Times verbunden war, nicht mehr brauchte.

Mit Ihrer wohltätigen Organisation «Now Teach» wollen Sie erfolgreiche Manager über 50 dazu bewegen, Lehrer zu werden. Finden Sie genügend Leute, die bereit sind, ihre gut bezahlte Karriere aufzugeben?
Jedes Mal, wenn ich etwas über «Now Teach» schreibe oder dazu interviewt werde, melden sich Leute bei mir. Ich glaube, dass es die meisten Menschen, wenn sie um die 50 sind, satt haben, immer das Gleiche zu tun. Einige wollen zeitlich zurückstecken, aber viele haben auch Lust, etwas zu tun, das schwieriger ist, als alles, was sie je zuvor getan haben.

Wie reagieren zum Beispiel ehemalige Banker, wenn sie erfahren, wie wenig sie als Lehrer verdienen werden?
Sie wissen natürlich, dass die Bezahlung schlecht ist, für Auszubildende meist unter 25’000 Pfund pro Jahr [rund 32'500 Schweizer Franken oder 28'500 Euro]. Was lustig ist und mich überrascht hat: Die Ex-Banker verlieren kein Wort über den schlechten Lohn, aber sie sorgen dafür, dass sie jeden letzten Penny bekommen, der ihnen zusteht.

Sind diese Leute in ihrer neuen Beschäftigung glücklicher - oder nur müder?
Am Anfang sicherlich letzteres (lacht). Die meisten denken im ersten Jahr immer wieder mal, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hätten. Im zweiten Jahr dann fangen sie an, ihre neue Tätigkeit zu lieben. So ging es auch mir.

Ist ein solcher Karrierewechsel ein Privileg für Gutverdienende?
Nicht alle, die bei unserem Now Teach-Programm mitmachen, sind reich. Aber es stimmt schon: Die meisten haben Geld auf die Seite legen können.

Was gefällt Ihnen an Ihrem neuen Berufsleben am besten?
Heute Morgen habe ich ein paar Hausarbeiten gelesen, in denen meine 14-jährigen Schüler Unternehmen beschrieben haben, die sie gründen möchten. Darunter hatte es brillante Ideen, die erbaulicher waren als drei unterhaltsame Jahrzehnte bei der Financial Times. Generell: Ich habe mich als Lehrerin noch keine Sekunde gelangweilt.

Sie vermitteln Kindern auch Wirtschaftsthemen. Warum ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler Finanzkompetenz erlernen?
Weil die meisten Erwachsenen keine Ahnung davon haben. Je weniger Geld man hat, desto wichtiger ist es zu wissen, wie man damit umgeht.

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Lucy Kellaway, Ex-Wirtschaftsjournalistin, Neo-Lehrerin, Gründerin von «Now Teach»

Lucy Kellaway (59) arbeitete fast 30 Jahre bei der Financial Times (FT) und gehörte zu den berühmtesten Journalistinnen der angelsächsischen Welt, bekannt für ihre Interviews und Kult-Kolumnen. Unter dem Pseudonym «Martin Luke» schrieb sie amüsante Betrachtungen zum Managementalltag und Managementjargon, in der Kolumne «Dear Lucy» beantwortete sie frech und humorvoll Leserfragen zum Büroalltag. 

2016 kündigte die studierte Ökonomin und Politologin bei der FT und liess sich zur Mathematiklehrerin umschulen. Heute unterrichtet sie unterprivilegierten Kindern in einer Londoner Schule Wirtschaft. Zudem gründete sie die Stiftung «Now Teach» («Und jetzt: Unterrichte!»), die Managerinnen und Manager dafür begeistern will nach einer langen Karriere ihr Unternehmen zu verlassen und Lehrer zu werden. Sie sollen ihre Lebenserfahrung einbringen und ihren Schützlingen mit Kontakten helfen, in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Über 50 Menschen sind bereits ihrem Beispiel gefolgt.

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