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«Die Leute brauchen Anreize, um zu sparen»

Die Formel „Früher und mehr sparen“, um damit das Vorsorgesystem zu entlasten, ist unpopulär. Für Ronald Klein, Direktor für Global Ageing der Geneva Association, ist sie aber die wichtigste Massnahme, damit die Bevölkerung später nicht vom Staat abhängig wird. Damit die Leute sparen, braucht es jedoch mehr Anreize.

Die Sicherstellung der Renten für die kommenden Generationen ist eine der zentralen Herausforderungen der heutigen Zeit. Sie forschen zu diesem Thema. Wie sehen mögliche Lösungen aus?
Eine Lösung ist, früher mit Sparen anzufangen. Der Eintritt in Vorsorgepläne mit Beitragsprimat sollte automatisch erfolgen oder obligatorisch sein. Ausserdem gibt es Länder, in denen das Ersparte aus Vorsorgeplänen mit Beitragsprimat bei der Pensionierung als Kapital bezogen werden kann. Dieses Geld kann der Pensionierte dann nach Belieben ausgeben. Wenn das Ersparte nicht für den Ruhestand verwendet wird, muss der Staat für den Pensionierten aufkommen. Die Zwangsverrentung von Vorsorgeplänen mit Beitragsprimat würde ein lebenslängliches Einkommen garantieren und die Altersarmut senken.

Das klingt nach Forderungen an die Adresse des Staates?

Der Staat, Institutionen und die Menschen selbst müssen sich für einen finanziell sichereren Ruhestand einsetzen. Der Staat könnte bei Einlagen in Vorsorgepläne mit Beitragsprimat eine Verzinsung vorschreiben, die hoch genug ist, um ein vernünftiges Einkommen im Ruhestand sicherzustellen. Die Menschen müssen lernen, früh mit Sparen anzufangen – das ist der Schlüssel. Derzeit stellt das globale Tiefzinsumfeld sowohl die staatlichen Renten als auch die privaten vor grosse Herausforderungen. Der Staat muss einen Weg finden, das Vorsorgesparen fürs Alter mit zusätzlichen steuerlichen Anreizen oder besseren Anlagemöglichkeiten zu fördern.

«In einer alternden Gesellschaft müssen die Menschen länger arbeiten. Das heisst, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer flexibler werden müssen.»

Wie sieht es mit längerem Arbeiten aus?
Eine alternde Gesellschaft braucht Menschen, die länger arbeiten. Hier müssen sich die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer flexibler zeigen. Es sollte Möglichkeiten geben, den Beschäftigungsgrad schrittweise zu senken. So sollten ältere Mitarbeitende drei oder vier Tage pro Woche arbeiten, das Pensum dann mit der Zeit langsam reduzieren oder in einer Beraterrolle tätig sein können. Dies würde viele Vorteile mit sich bringen.

Welche Rolle sollte Ihrer Ansicht nach die Versicherungsbranche im Lösungsfindungsprozess einnehmen?
Die Versicherungen müssen zwingend leichter verständliche Vorsorge- und Finanzprodukte anbieten. Grosses Potenzial sehe ich auch in neuen Technologien.

«Der Staat muss einen Weg finden, das Vorsorgesparen fürs Alter mit zusätzlichen steuerlichen Anreizen oder besseren Anlagemöglichkeiten noch weiter zu fördern.»
Liesl Gambold

Ronald Klein (Jahrgang 1958), US- und Schweizer Bürger, ist Direktor für Global Ageing bei der Geneva Association in Zürich

Wo sehen Sie denn die Einsatzmöglichkeiten von neuen Technologien?
Neue Technologien werden es uns erlauben, Versicherungslösungen auch vermehrt unterversicherten Menschen zugänglich zu machen. Bei unterversicherten Menschen kann es sich um Personen mit tiefem Einkommen und einem Versicherungsbedürfnis handeln, die nur selten von traditionellen Beratern kontaktiert werden. Online-Angebote, mobiler Zugriff und Mikroversicherungen könnten hier Abhilfe schaffen.

Eine weitere neue Technologie sind Vorhersageanalysen. Durch sogenannte Big Data können Versicherer Kunden versichern, indem sie bestehende Daten anstelle von teuren Gesundheitsprüfungen einsetzen. Damit verringern sich die Versicherungskosten und die Leute können elektronisch besser erreicht werden – ein Besuch des Beraters erübrigt sich.

2029 wir die ganze Baby-Boomer-Generation pensioniert sein. Ein ganzes Heer an Erwerbstätigen fehlt und angesichts der rückläufigen Geburtenrate wird es schwierig, sie zu ersetzen. Wie können wir diese Lücke schliessen?

Ich denke, die neuen Technologien werden einen grossen Teil der Lücke schliessen können. Diese neuen Technologien werden eines Tages einen Teil der Jobs übernehmen, die früher von Babyboomern ausgeführt wurden. Ich glaube auch, dass mehr Frauen erwerbstätig sein werden. Teilweise auch einfach in höheren Pensen. Und mit ein wenig Glück werden die Menschen länger arbeiten, bis in ihre Siebziger oder länger.

«Vier Länder haben sehr grosse Herausforderungen zu meistern: Japan, China, Frankreich und Deutschland.»

Sie führen Studien auf der ganzen Welt durch. Welche Länder oder Kontinente stehen bezüglich Langlebigkeit vor den grössten Herausforderungen?
In Bezug auf die Vorsorgelücke gibt es vier Länder, die wirklich vor einem grossen Problem stehen, zwei davon befinden sich in Asien. Da wäre zunächst Japan. In Japan werden die Menschen so alt wie nirgendwo sonst auf der Welt (ausser in Monaco) und die Geburtenraten sinken. Die Vorsorgelücke in Japan ist eine der weltweit grössten.

China steht mit seiner langjährigen Ein-Kind-Politik in urbanen Regionen bei der Vorsorgelücke vor grossen Problemen. Das grösste Problem Chinas ist jedoch, dass das BIP pro Kopf sehr tief ist.

Das dritte und das vierte Land liegen im Herzen von Europa: Deutschland verzeichnet äusserst tiefe Geburtenraten, während das Vorsorgesystem sehr kompliziert und teuer ist, was die Wirtschaft stark hemmt. Und auch Frankreich mit seinen grosszügigen staatlichen Leistungen sieht sich mit tiefen Geburtenraten und einer steigenden Lebenserwartung konfrontiert.

Gibt es Länder, die Bezug auf das Vorsorgesystem besonders vorbildlich sind?
Es gibt den Global Pension Index, der Länder anhand von drei Faktoren bewertet: Angemessenheit, Nachhaltigkeit und Integrität der Altersvorsorge. In diesem Index führen die Niederlande, Dänemark, Australien und die Schweiz die Rangliste an. Ihre Vorsorgesysteme funktionieren: Die Menschen sparen ausreichend und sind gezwungen, ausreichend zu sparen. Und sie müssen ihre Ersparnisse verrenten.

Versetzen wir uns ins Jahr 2040: Welches Pensionsalter wird bis dahin gelten?
Als die staatlichen Rentensysteme eingeführt wurden, lebten die Menschen nach ihrer Pensionierung in der Regel noch fünf bis zehn Jahre. Heute leben die Menschen viel länger. Wir müssen einsehen, dass der Staat einen Ruhestand von 30 Jahren nicht finanzieren kann. Ich hoffe deshalb, dass im Jahr 2040 ein Pensionierungsalter von 70 gelten wird.

Interview: Fabienne Strobel, Foto: Anthony Rudick

Ronald Klein
Ronald Klein (Jahrgang 1958), US- und Schweizer Bürger, ist Direktor für Global Ageing bei der Geneva Association in Zürich. 1980 schloss er sein Studium in Mathematik und Computerwissenschaft an der Universität Binghamton mit Auszeichnung ab. Klein ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Geneva Association

Die Geneva Association ist der führende internationale Versicherungs-Think-Tank für strategisch wichtige Versicherungs- und Risikomanagementfragen. Die Organisation identifiziert grundlegende Trends und strategische Fragen, bei denen Versicherungen eine wesentliche Rolle spielen oder die die Versicherungsbranche beeinflussen. Sie gilt im Dialog mit internationalen Institutionen als die führende Stimme der grössten Versicherungskonzerne der Welt. Ihre Mitglieder sind CEOs von weltweit führenden Versicherern und Rückversicherern. Die 1973 gegründete Geneva Association mit Sitz in Zürich ist eine gemeinnützige Organisation, die durch ihre Mitglieder finanziert wird.

 

«Neue Technologien werden es uns erlauben, Versicherungslösungen auch vermehrt unterversicherten Menschen zugänglich zu machen.»