«Ich war noch nie so selbstbestimmt»

Ottmar Hitzfeld ist seit zwei Jahren Rentner. Wie kommt der Leistungsmensch mit der Karriere nach der Karriere zurecht? Ein Gespräch mit dem zweifachen Welttrainer des Jahres über den neuen Lebensabschnitt und das Älterwerden.

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«Das Leben ohne Scheinwerfer war wohl das, wonach ich mich am meisten gesehnt hatte»: Ottmar Hitzfeld, ehemaliger Fussballtrainer und Rentner. (Keystone)

Ottmar Hitzfeld. Haben Sie sich vor dem Ruhestand gefürchtet?
Natürlich gab es eine gewisse Verunsicherung. Ich bin von meiner Entscheidung bezüglich Austritt aus dem Trainerleben überzeugt gewesen, habe mich jedoch auch gefragt: Fällst du jetzt in ein Loch, wie das so manchem Berufskollegen passiert ist? Wirst du gar depressiv? Wird dein Leben nun langweilig? Unerfüllt?

Und?
Die Entscheidung hat sich auch im Nachhinein als richtig erwiesen. Denn der immense Druck ist abgefallen. Ich habe allerdings auch das grosse Glück, dass mein Leben nicht von hundert auf null abgebremst worden ist, sondern sich langsam entschleunigt. Ich habe noch Verträge mit TV-Stationen und Werbepartnern und kann so schrittweise in den neuen Lebensabschnitt hineinwachsen.

Ihr Rücktritt kam überraschend. Wie wussten Sie, dass es der richtige Zeitpunkt war?
Ich habe in mich hineingehorcht. Ich bin eben nicht der reine Vernunftmensch, als den mich die Medien gerne dargestellt haben. Die Fahrten ins Trainingslager, die Länderspiele – das wurde zunehmend zur Pflicht. Die Freude wich immer mehr dem Druck des Siegenmüssens. Diese Symptome kannte ich von meinem Burnout und mir war klar, dass der Moment gekommen war. Man soll den eigenen Körper nicht zu überlisten versuchen.

Sie schlugen sogar das Angebot eines chinesischen Clubs aus, der Ihnen 25 Millionen Euro für 18 Monate bot.
Als ich diese Summe hörte, dachte ich, ich spinne. Natürlich kommt man da ins Überlegen. Eine neue Kultur, Aufbauarbeit, Pioniergeist, noch einmal ein Abenteuer, dazu ein fürstliches Salär. Und natürlich ist es auch ein Privileg, absagen zu können, weil ich zum Glück nicht auf das Geld angewiesen war. Trotzdem war ich innerlich stolz, dass ich zu einem glasklaren Nein gefunden hatte. Dass ich mit mir im Frieden war und wusste: Ich lass mich auch vom vielen Geld nicht locken. Hinzu kam, dass meine Frau 13-mal umgezogen war, was auch nicht immer leicht gewesen ist. Ich wollte das auch für sie nicht mehr.

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«Ich habe das Glück, dass mein Leben nicht von hundert auf null abgebremst worden ist, sondern sich langsam entschleunigt.»

Was gewinnt man als Rentner?
Ich empfinde die letzten zwei Jahre als grosse Bereicherung. Als Freiheit. Mein Leben war noch nie so selbstbestimmt. Ich kann nicht immer machen, was ich will, aber ich muss nichts mehr machen, was ich nicht will. Und meine Frau und ich haben jetzt viel mehr Zeit füreinander. Das ist eine ganz neue Dimension für unsere Familie, für das Pflegen von Freundschaften.

Trainieren Sie bewusst für ein langes Leben?
Ja. Ich bin ein-, zweimal pro Woche zu Hause im Fitnessraum. Ich spiele Golf. Und ich spiele mit meiner Frau regelmässig Memory. Das macht Spass und zeigt, dass man das Gedächtnis auch im Alter noch verbessern kann.

Wo leben Sie denn Ihren Ehrgeiz noch aus?
Ich brauche das nicht mehr. Ich habe ganz bewusst losgelassen. Ich habe mich im Golf selber zurückgestuft, von Handicap 16 auf 21. Dieses Niveau kann ich stressfrei spielen. Was war ich früher ehrgeizig! Auch neben dem Platz. Ich habe stets mit meinem Vater gegen meine Geschwister gejasst. Und wenn er einen Fehler gemacht hat, bin ich richtig sauer geworden. Selbst als Vater schon 80 war. Das kommt mir heute richtig beschämend vor.

Das Scheinwerferlicht vermissen Sie nicht manchmal?
Keine Sekunde. Im Gegenteil. Ich fühle mich erleichtert. Bankette, Auftritte, Medientermine – das war nie mein Ding, aber gehörte halt zum Job. Heute denke ich ab und an: Das Leben ohne Scheinwerfer war wohl das, wonach ich mich am meisten gesehnt hatte.

Sie gehören zur privilegierten Generation der Babyboomer mit gesicherten Renten. Ist man sich dessen bewusst?
Natürlich. Wir sprechen daheim oft darüber, dass wir im Gegensatz zu unseren Eltern ohne Krieg, Hunger und soziale Not aufwachsen durften. Wir konnten den Wohlstand geniessen. Und wir machen uns Gedanken, wie es wohl der Generation unseres Sohnes ergehen wird, der noch 30 Jahre arbeiten muss, von jener unseres Enkels ganz zu schweigen.

«Ich glaube, dass jeder für sich selber entscheiden soll, wann er gehen will. Auch das gehört zur Selbstbestimmung des Lebens.»

Muss das Rentensystem reformiert werden? Braucht es mehr Solidarität der Älteren mit den Jungen?
Ich glaube schon. Es ist gut, dass diese Debatte angelaufen ist und in unser Bewusstsein sickert. Vielleicht müssen wir darüber nachdenken, wie die wohlhabenden Älteren mehr abgeben und die soziale Verantwortung noch besser wahrnehmen können. Es ist klar, dass sich viele dagegen sträuben. Aber ich bin überzeugt, dass man gute Lösungen finden wird. Wir wollen ja verhindern, dass es zu Demonstrationen und Aufruhr der verunsicherten und unzufriedenen Jugend kommt.

Apropos Vorsorge: So mancher Fussballer kann mit dem Leben nach der Karriere schlecht umgehen, viele geraten in finanzielle Nöte.
Das Karriereende ist schwierig. Man hat tausend Freunde und dann kennt dich keiner mehr. Und das Geld zerrinnt dir unter den Händen. Das ist tragisch. Ich kenne einige Beispiele und habe auch schon wiederholt mit Rat und Tat zu helfen versucht.

Wann haben Sie erstmals über Ihre Altersvorsorge nachgedacht?
Mit 19. Als ich für ein paar Deutsche Mark den ersten Vertrag beim FV Lörrach unterschrieb, habe ich umgehend einen Bausparvertrag abgeschlossen. Und als ich ein Jahr später zum FC Basel wechselte, schloss ich als erstes eine Lebensversicherung ab. Obwohl ich gerade mal 200 Franken verdiente. Mir war immer schon klar: wenn ich einmal alt bin, möchte ich ein gutes Leben führen können. Das steckte tief in mir drin.

Haben Sie als Trainer dieses Denken an die Spieler weitergegeben?
Natürlich. In den vielen Einzelgesprächen waren auch die Geldanlage und Altersvorsorge wiederkehrende Themen. Gerade wenn man viel verdient, kann man viel verlieren. Und Fussballer bekommen oft unseriöse Angebote.

Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?
Leider ja. Als ich bei Stuttgart spielte, investierte ich 100'000 Mark in eine Druckerei, die dann Pleite ging. Ein angeblicher Freund hatte mich hintergangen. Das tat richtig weh, denn ich verdiente damals knapp 150'000 Mark. Das war mir eine Lehre, danach habe ich nie mehr in Firmen investiert. Diese Geschichte habe ich den Spielern erzählt und ihnen Lebensversicherungen empfohlen.

Der Schriftsteller Philip Roth schreibt: «Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker.» Hat er Recht?
Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen antworte ich mit einem klaren Nein. Ich weiss ja, dass alles nachlässt im Alter, das habe ich bei meinen Eltern miterlebt. Die Gebrechen kann man vielleicht hinausschieben, aber irgendwann sind sie da. Und dann nehme ich das an. Entscheidend ist, dass man möglichst intensiv lebt und den Alltag geniesst.

Ist ein hohes Alter erstrebenswert?
«Jeder will alt werden, aber nicht alt sein», wie es so treffend heisst. Ob es erstrebenswert ist, 95 oder gar 100 Jahre alt zu werden? Ich weiss es nicht. Das kommt wohl auf die Einstellung an und die körperliche Verfassung. Was ich hingegen weiss: Ich will nicht mit künstlichen Massnahmen am Leben erhalten werden. Deshalb habe ich eine Patientenverfügung unterschrieben. Und auch Exit ist ein Thema, das mich beschäftigt. Ich glaube, dass jeder für sich selber entscheiden soll, wann er gehen will. Das darf man nicht verurteilen. Auch das gehört zur Selbstbestimmung des Lebens.

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Zur Person

Ottmar Hitzfeld (68), beendete 2014 seine erfolgreiche Karriere als Trainer und Fussballer. Aufgewachsen im süddeutschen Lörrach, stürmte er für verschiedene Vereine in der Schweiz und in Deutschland und wurde mit dem FC Basel zweimal Meister und einmal Pokalsieger. 1983 begann beim SC Zug seine Trainerlaufbahn. In der Folge gewann er als Klubtrainer in der Schweiz und Deutschland über zwei Dutzend Titel, darunter mit Borussia Dortmund und Bayern München auch die Champions League, wofür er zweimal zum Welttrainer des Jahres gewählt wurde. Diese Erfolge kosteten Energie: Aufgrund eines Burnouts zog sich Ottmar Hitzfeld 2004 für rund 18 Monate in sein Ferienhaus nach Engelberg zurück. Seine letzte Trainerstation führte ihn 2008 wieder in die Schweiz, wo er das Nationalteam an zwei WM-Endrunden führte. Mit der Achtelfinalniederlage gegen Argentinien trat er 2014 von der Fussball-Bühne ab. Heute ist er als TV-Experte tätig und engagiert sich für verschiedene soziale Stiftungen und Projekte. Er ist seit 1975 verheiratet und lebt mit seiner Frau Beatrix in seinem Heimatort Lörrach. Gemeinsam haben sie einen Sohn und seit 2015 einen Enkel.  

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