«Kinder waren noch nie so viel wert wie heute»

Der Soziologe und Autor Peter Gross wehrt sich leidenschaftlich gegen pessimistische Altersszenarien. Er ist überzeugt: Die Langlebigkeit ist die grösste Errungenschaft der letzten Jahrhunderte, denn sie bringt der Gesellschaft vor allem Vorteile.

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«Alte Leute hauen sich nicht mehr den Schädel ein»: Soziologe und Autor Peter Gross.

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Herr Gross, Sie werden dieses Jahr 76. Wie fühlt man sich als Kostenfaktor?
Danke bestens. Natürlich sind ältere Menschen ein Kostenfaktor. Dafür trifft man ja auch eine materielle Vorsorge. Aber für das Wehklagen über die Umverteilung von Jung zu Alt habe ich kein Verständnis.

Ist es also kein «mieser Deal» für die Jungen, weil sie für immer mehr Rentner aufkommen müssen, wie der Politologe Wolfgang Gründinger in einem Interview mit Swiss Life erklärte?
Nein. Die Jungen vergessen, wie viel die öffentliche Hand mittels Einkommens- und Vermögenssteuern an ihre Kindheit und Jugend bezahlt. Auch die universitäre Bildung wird hauptsächlich von den Steuerzahlern getragen. Ein beträchtlicher Teil dieses Geldes stammt von Rentnern und je mehr es davon gibt, desto grösser werden diese Finanzflüsse von Alt zu Jung. Und: Aufgrund des Geburtenrückgangs gibt es künftig auch weniger ältere Menschen, die die Renten unter sich aufteilen müssen. Eigentlich sollten die Jungen froh sein, dass sie so wenige sind.

«Die hohe Lebenserwartung ist die vielleicht wichtigste zivilisatorische Errungenschaft der letzten zweihundert Jahre.»

Wieso froh?
Weil sie es viel komfortabler haben als junge Generationen in kinderreichen Gesellschaften, wo ein extremer Konkurrenzkampf herrscht; um Ausbildungsplätze, Jobs und die Chance, eine Familie zu gründen. Und weil Kinder bei uns noch nie so viel wert waren wie heute. Nicht nur das Erbe, sondern auch die Zeit und die Zuneigung der Eltern werden auf weniger Kinder verteilt. Sie sind lebendes Gold.

In Ihrem Buch «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?» bezeichnen Sie die hohe Lebenserwartung nicht als Gefahr, sondern als Chance.
Die hohe Lebenserwartung ist die vielleicht wichtigste zivilisatorische Errungenschaft der letzten zweihundert Jahre. Sie bietet die Möglichkeit, unsere Gesellschaft anders anzulegen. Wir leben in einer übernutzten Natur und überforderten Gesellschaft, mit immer mehr Druck, Stress, Beschleunigung. Die demografische Evolution mit wenig Kindern und einem langen Leben führt zur Entschleunigung und zu einer Beruhigung der modernen Gesellschaft. Und sie zahlt eine Friedensdividende. Gesellschaften mit vielen Jugendlichen sind oft instabil und gewalttätig. Alte Leute hauen sich nicht mehr den Schädel ein.

Wieso hat die alternde Gesellschaft dann so ein schlechtes Image?
Weil es zu viele Dramatisierungen und Halbwahrheiten bezüglich des Alters gibt. Insbesondere von jenen, die selber nicht alt sind. Alles, was wir tun können, ist, den Menschen in einer plausiblen Art die Vorteile aufzuzeigen. Das beginnt schon mit der Sprache.

Inwiefern?
Wörter wie die «Altersgesellschaft» oder «altersgerecht» sind negativ konnotiert. Wir sollten besser von «altersaffin» oder von der Langlebigkeitsgesellschaft reden. Klingt doch gut. Viel besser als Kurzlebigkeitsgesellschaft.

Wir haben in den vergangenen 100 Jahren fast 30 Jahre an Lebenserwartung gewonnen.»

Laut einer Umfrage von Swiss Life legen 91 Prozent der Befragten grössten Wert auf Selbstbestimmung im Alter. Was braucht es hierfür?
Das Wichtigste ist, dass den älteren Menschen nicht zu viele Optionen verschlossen werden. Sie sollten möglichst lange die Möglichkeit haben, alles zu tun. Bestes Beispiel ist die Arbeit. Das Rentenalter gehört abgeschafft. Nicht, weil zwingend alle weiterarbeiten müssen, aber weil es wichtig ist, dass die Option offen bleibt. Oder wie es die Schauspielerin Liselotte Pulver einmal so schön sagte: «Am ärgerlichsten ist es, wenn man nicht zu einer Party eingeladen wird, die man ohnehin nicht besucht hätte.»

Eine Aufhebung des Rentenalters würde mehr Jobs für Ältere verlangen. Braucht es künftig eine Altersquote?
Nein. Es braucht Aufklärung. Die Unternehmen müssen realisieren, dass ältere Mitarbeiter heute kein Nachteil, sondern ein Erfolgsfaktor sind. Sie sollten ihre Belegschaften den älter werdenden Kunden angleichen, damit sie ihnen auf Augenhöhe begegnen. Besonders bei personenbezogenen Dienstleistungen wie der Bildung, Beratung, Sicherheit, Behandlung und Pflege, wo der persönliche Kontakt wichtig ist. Die Älteren wissen, was die ältere Kundschaft will, und sprechen ihre Sprache.

Wie lässt sich das finanzieren? Besitzansprüche, hohe Löhne und steigende Sozialabgaben machen die Beschäftigung von Arbeitnehmern über 50 teuer.
Wir könnten dem Beispiel Japans folgen, dem ältesten Land der Welt. Dort hat man Abschied genommen vom Senioritätsprinzip. Der Lohn steigt bis ungefähr 50, dann geht es mit neuen Titeln, Auszeichnungen und Beförderungen weiter, aber der Lohn bleibt gleich oder verringert sich. Das ist verantwortbar, da die meisten Leute ab 50 nicht mehr so viel Geld brauchen wie in jüngeren Jahren.

«Wörter wie die «Altersgesellschaft» oder «altersgerecht» sind negativ konnotiert. Wir sollten besser von «altersaffin» oder von der Langlebigkeitsgesellschaft reden.»

Was empfinden Sie denn als Vorteil des langen Lebens?
Wir haben in den vergangenen 100 Jahren fast 30 Jahre an Lebenserwartung gewonnen. Früher war das Leben wie eine Sonate ohne Schlusssatz. Heute haben wir die Chance, diesen Schlusssatz zu leben. Das gibt uns die Möglichkeit zur Reflexion und Versöhnung. Wir können über das Leben nachdenken, verarbeiten und trauern. Und wir können mit drei oder sogar vier Generationen zusammenleben und voneinander lernen.

Nur eines bleibt gleich: der Tod.
Ich sehe selbst beim Sterben einen Vorzug der Langlebigkeit: Wer lange lebt, stirbt gut. Jung und eines jähen Todes zu sterben, ist viel schlimmer als gemächlich alt zu werden. Die Gebrechen beginnen, man kann mit sich ins Reine kommen und geht leichter von dieser Welt, wenn man nicht mehr gut beieinander ist. 

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Zur Person

Peter Gross (75) gehört zu den renommiertesten deutschsprachigen Soziologen. Er lehrte an den Universitäten Bamberg und St. Gallen und wurde durch die Prägung des Begriffs «Multioptionsgesellschaft» und das gleichnamige Buch international bekannt. Nach seiner Pensionierung widmete er sich in verschiedenen Büchern dem Thema Älterwerden («Glücksfall Alter») und den gesellschaftlichen Folgen der Langlebigkeit («Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu? Vier Annäherungen»). Sein 2015 erschienenes Buch «Ich muss sterben» ist eine persönliche Elegie auf den Tod seiner Frau Ursula. Alle Bücher sind im Herder-Verlag erschienen.

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