Keine falschen Hoffnungen

Viele Rentensysteme in Europa stehen vor Finanzierungsproblemen. Handelt es sich dabei um ein temporäres Phänomen der Babyboomer, das sich nach 2050 wieder neu einpendelt?

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(Foto: iStock)

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In «My generation» aus dem Jahr 1965, der heimlichen Hymne der ersten Kohorte der Babyboomer, singt der The-Who-Frontmann Roger Daltrey: «I hope I die before I get old» – «hoffentlich sterbe ich, bevor ich alt werde». Diese Hoffnung hat sich zum Glück nicht erfüllt. Im Gegenteil: Roger Daltrey steht auch 73-jährig noch auf der Bühne und beschwört mit röhrender Stimme his generation. Diese – extrem geburtenstarke – Generation der zwischen 1946 und 1964 Geborenen lässt momentan auch die Rentensysteme erbeben. Wer soll diese Langlebigkeit finanzieren?

Die Rentensysteme in Europa und den USA leiden unter dieser demografischen Entwicklung, darüber herrscht ein breiter Konsens. Eine Frage stellt sich jedoch: Sind die Systeme grundsätzlich gefährdet – oder durchleiden sie lediglich eine Babyboomer-Krise? Wird also um das Jahr 2050 alles wieder in einem neuen Gleichgewicht sein, sobald die letzte Kohorte dieser grossen Generation zwischen Kriegsende und Pillenknick nicht mehr lebt?

Vervierfachung der über 65-Jährigen
Ein Blick auf die entscheidenden Faktoren zeigt: Darauf zu hoffen, dass sich die Rentenfinanzierung von alleine erholt, ist eine Illusion. Wenn wir davon ausgehen, dass die Geburtenraten in Europa weiterhin auf einem Niveau von durchschnittlich rund 1,5 Kindern pro Frau verharrt, bleibt eine Rückkehr zur traditionellen Alterspyramide fern jeder Realität – für den Erhalt der Bevölkerung nötig wären 2,1 Kinder.

Zum Zweiten: Wir werden laufend noch älter. So prognostiziert das World Economic Forum (WEF) in einer aktuellen Studie eine Vervierfachung der über 65-Jährigen bis zum Jahr 2050. Ihr sinniger Titel: We’ll Live to 100 – How Can We Afford It? (Wir werden 100 – Wie können wir uns das leisten?)

«Finanzielles Äquivalent zum Klimawandel»
Für Studienautor Michael Drexler, Mitglied des WEF-Exekutivkomitees, ist die Dimension dieses Alterungsprozesses deshalb nichts weniger als das «finanzielle Äquivalent zum Klimawandel». Rund um die Welt wachsen die Rentenversprechen an, welche die Staaten ihren Bürgern abgeben, ohne zu wissen, wie sie dereinst eingelöst werden können. So dürfte allein in den sechs Ländern mit den grössten Pensionssystemen (USA, Grossbritannien, Japan, Holland, Kanada und Australien) im Jahr 2050 eine Lücke von 224 Billionen US-Dollar klaffen. Nimmt man noch die bevölkerungsreichsten Länder Indien und China hinzu, beträgt sie laut WEF-Prognosen 400 Billionen. Zum Vergleich: Das entspricht dem Zehnfachen aller heutigen Staatsschulden und übersteigt die prognostizierte Wirtschaftsleistung aller Staaten.

Migration als Lösung?
Trotz der dramatischen Lage – es gibt sie, die Stimmen, die Entwarnung geben. Ihre Hoffnungen beruhen auf Migration. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kommt etwa zum Schluss, Deutschland könne sein Rentensystem bis 2050 stabilisieren, wenn in den nächsten Jahrzehnten jedes Jahr durchschnittlich bis zu einer halben Million Arbeitskräfte zuwandere.

Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn, der lange Jahre das renommierte ifo-Institut leitete, sieht sogar einen noch deutlich höheren Migrationsbedarf: Wenn die Babyboomer im Laufe der nächsten 20 Jahre in Rente gehen, werde es in Deutschland 7,5 Millionen mehr Rentner und 8,5 Millionen weniger Personen im erwerbsfähigen Alter geben. «Um das so auszugleichen, dass Beitragssatz und relatives Rentenniveau konstant bleiben», sagt Sinn, «wäre in diesem Zeitraum eine Einwanderung von 32 Millionen junger Menschen nötig, die genauso produktiv sind wie die schon Anwesenden.» Für Sinn ist klar: «Das ist unvorstellbar.»

Was tun?
Die Rentenproblematik löst sich nicht einfach von selbst. Was also tun? Alles weist darauf hin, dass wir früher mit Sparen beginnen und möglichst länger arbeiten sollten. Für Frankreich hat etwa das liberale «Institut Montaigne» vorgeschlagen, die Beitragsdauer in die Rentensysteme in den nächsten zehn Jahren sukzessive auf 43 Jahre zu erhöhen. «Danach könnte man zum Beispiel folgende Formel zur Anwendung bringen: Das Rentenalter wird automatisch um zwei Drittel der zusätzlichen Lebenserwartung erhöht.»

Neudefinition des Alters
Schlimme oder schöne Aussichten? Mit 70 noch arbeiten müssen oder mit 70 noch aktiv sein dürfen? Wie schrieb doch der römische Staatsmann und Philosoph Cicero in seiner Schrift De Senectute: «Was das Alter beschwerlich macht: Dass es den Rückzug vom tatkräftigen Leben bedeutet.» Demnach wäre das Alter also vielleicht gar keine biologische Kategorie, sondern nur eine gesellschaftliche Konvention. Wenn einer Generation die Neudefinition des Alters – oder vielleicht gar dessen Abschaffung – gelingt, dann den zahlreichen und kulturell prägenden Babyboomern.

The-Who-Sänger Roger Daltrey gab kürzlich zu bedenken: «Wir neigen dazu, Alter als Zeitabschnitt zu begreifen. Aber mit Zeit hat das doch gar nicht so viel zu tun. Ich habe 16-jährige Alte getroffen und 90-jährige Junge.» Und er bekannte: «Ich bin unfähig, in Rente zu gehen.»

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