«Man macht den Senioren Geschenke, um sich deren Stimmen zu sichern»

Droht in Europa eine Gerontokratie, eine Herrschaft der Alten? Kommen die Interessen der Jungen an der Wahlurne unter die Räder? Sind die Millennials apolitisch? Der Politikwissenschaftler Thomas Milic hat den Generationengraben in der Politik untersucht. Sein Fazit überrascht.

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Vereinzelte Jugendproteste, aber (noch) keine Anzeichen für eine neue 68er-Bewegung in Europa: Kundgebung in Paris gegen Arbeitsmarktreformen im Juni 2016. (EPA/CHRISTOPHE PETIT TESSON)

Herr Milic, Sie haben den Altersgraben an der Urne erforscht. Werden die Jungen in der Schweiz zunehmend überstimmt? 

Die Generationenkluft an der Wahlurne ist weniger tief als gemeinhin angenommen. Gemäss unseren Untersuchungen ist in der Schweiz in den letzten 35 Jahren keine Verstärkung inhaltlicher Differenzen erkennbar. Im Gegenteil: Während sich in den 1980er-Jahren bei fast jeder zweiten Abstimmung mehrheitsübergreifende Unterschiede zwischen den Generationen offenbarten, wurden diese Werte im neuen Jahrtausend nur noch selten erreicht. 

Ein überraschendes Fazit. Woran liegt das?

«Die Jugend» als politischen Monolithen gibt es nicht. Das Alter ist bloss eines der einschlägigen strukturellen Merkmale, die für Abstimmungsentscheide relevant sind – wie etwa der Bildungsgrad oder der Stadt-Land-Graben. Das Alter hat bis dato also keine entscheidende Spaltkraft. Oft ist es noch nicht einmal der wichtigste Faktor. 

Wo sind sich Alt und Jung in der Schweiz am wenigsten einig?

Vor allem bei den Abstimmungen zur Armee beträgt die durchschnittliche Abweichung 18 Prozentpunkte. Auch in der Ausländerpolitik und bei sozialpolitischen Themen liegen die Präferenzen überdurchschnittlich stark auseinander. 

Wie sehr spaltet die Rentendebatte die Generationen?

Bisher zeigt sich keine unüberbrückbare Kluft. Dies, obwohl man erwarten dürfte, dass der «Verteilungskonflikt» zwischen den Generationen hier so offen wie nirgendwo sonst zu Tage tritt. Die durchschnittliche Differenz im Stimmverhalten zwischen den beiden Alterskohorten beträgt lediglich 14 Prozentpunkte. Man muss an dieser Stelle aber auch einmal eine Lanze für die Älteren brechen. Unsere Analyse der AHV-Plus-Abstimmung von 2016 hat gezeigt, dass viele Ältere gegen eine Rentenerhöhung stimmten – und zwar mit der Begründung: Ich mache das für meine Kinder und Enkel. Es gibt also durchaus eine generationenübergreifende Solidarität seitens der Senioren.

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«Die Generationenkluft an der Wahlurne ist weniger tief als gemeinhin angenommen.»

Weshalb tun sich dann viele europäische Regierungen so schwer mit Rentenreformen?

Weil die gewählten Parteien ihre Politik nach der älteren Mehrheit ausrichten. Man macht den Senioren Rentengeschenke, um sich deren Stimmen zu sichern. Durchaus möglich, dass die Regierungen dabei von einer irrigen Annahme ausgehen und Resultate entsprechender Volksabstimmungen anders als erwartet ausfallen würden, wie das Beispiel Schweiz zeigt.

Laut einer Swiss Life-Umfrage in Deutschland, Frankreich und der Schweiz sind 52 Prozent der Millennials der Meinung, die älteren Menschen lebten heute auf Kosten der Jungen. Manifestiert sich das politisch?

Bisher nicht. Die Jungen ahnen wohl, dass die Altersvorsorge dereinst ein Problem werden könnte, aber das Thema eignet sich schlecht zur Mobilisierung. Es ist biografisch viel zu weit weg. Betroffenheit und zeitliche Distanz zu Themen spielen im politischen Verhalten eine zentrale Rolle.

Europas Jugend gilt als apolitisch. Ist das ein Vorurteil oder bleibt sie den Urnen tatsächlich fern? 

Von einem Rückzug ins Private kann nicht die Rede sein, die Wahlbeteiligung ist nicht eingebrochen. In den EU-Ländern gaben 2014 laut einer Studie 63 Prozent der Befragten zwischen 15 und 30 Jahren bei Kommunal-, Regional-, National- oder Europawahlen ihre Stimme ab, das sind sogar 4 Prozentpunkte mehr als 2013. Auch in der Schweiz ist die Stimmbeteiligung der Jungen in den letzten beiden Jahrzehnten ziemlich stabil geblieben. Aber richtig ist auch: Die Zahl der Älteren nimmt nicht nur kontinuierlich zu, sie gehen auch fleissiger an die Urne. Die über 55-Jährigen machen in vielen europäischen Ländern schon mehr als die Hälfte der effektiv Stimmenden aus.

Welche Themen beschäftigen die europäische Jugend?

Das dominante Thema ist die Ausländer- und Flüchtlingsfrage. In Südeuropa und Frankreich, aber auch in Deutschland kommt die Prekarisierung und Jugendarbeitslosigkeit hinzu. Dort stehen die Jungen auf dem Arbeitsmarkt in harter Konkurrenz zur älteren Generation – und oft sind die Jungen dabei in einer schwächeren Position, da das Arbeitsrecht in vielen Ländern die Älteren schützt.

«Das dominante Thema für die Jungen ist die Ausländer- und Flüchtlingsfrage. In Südeuropa und Frankreich, aber auch in Deutschland kommt die Prekarisierung und Jugendarbeitslosigkeit hinzu.»

Gibt es Anzeichen für eine neue Jugendbewegung?

Nicht in Form einer internationalen Massenbewegung wie 1968. Aber es gibt Tendenzen, die auf ein gewisses Protestpotenzial hinweisen. Etwa die Occupy-Bewegung nach der Finanzkrise, die Anti-Brexit-Demonstrationen oder die «Nuit debout»-Kundgebungen in Frankreich, die sich 2016 gegen die Arbeitsmarktreformen der Regierung Hollande richteten. Alle sind allerdings nach kurzer Zeit verpufft.

Profitieren die radikalen Parteien von der Perspektivlosigkeit der Jugend?

Ja, und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Den Front National wählten bei der Europawahl 2014 30 Prozent der unter 35-Jährigen, in Deutschland zieht die AfD besonders viele junge Männer an. Umgekehrt haben linke Parteien wie Cinque Stelle in Italien oder Podemos in Spanien bei den Jungen Erfolg.

Laut erwähnter Swiss Life-Studie finden heute schon 46 Prozent der Millennials, die Stimme der älteren Menschen habe bei Wahlen zu viel Gewicht. Braucht es eine Stimmrechtsreform, um die Vetomacht der Älteren an der Urne zu brechen?

Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Sollte sich die Situation angesichts des demografischen Wandels verschärfen und kommt es zu einer Majorisierung der Jungen, wird man wohl darüber nachdenken. Die heutige Formel «One man, one vote» ist genial einfach und gilt als gerecht. Wenn wir nun plötzlich sagen: Die Stimme von Eltern mit Kindern zählt doppelt. Oder: Je älter man ist, desto weniger zählt die Stimme, begeben wir uns in Teufels Küche. Ein Patentrezept gibt es jedenfalls nicht.

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Thomas Milic

(45) ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) und Leiter des Bereichs Abstimmungen und Wahlen beim Meinungsforschungsinstitut Sotomo.

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