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«Wir sind eine Generation, die sich von Zwängen und Verpflichtungen befreit»

Ihre Generation hat den Ruf, unpolitisch zu sein und materialistisch zu denken. Völlig zu Unrecht, sagen diese drei Millennials aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die wir diese Woche befragen. Sie engagieren sich politisch und gesellschaftlich stark, sei es im Beruf oder in der Freizeit. Warum engagieren sie sich für die Gesellschaft? Was wollen sie erreichen? Wie mobilisieren sie ihre Generation? Heute mit Agnès Hubert aus Frankreich.

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Agnès Hubert, ‎Leiterin Spenderbeziehungen und Öffentlichkeitsarbeit beim Institut Curie in Paris.

1. Wieso engagieren Sie sich in Ihrem Bereich?
Im Nonprofit-Sektor zu arbeiten, insbesondere in den Bereichen Forschung und Gesundheit, war für mich eine bewusste Berufswahl. Nach mehreren Jahren im Finanzsektor beschloss ich, meine Fähigkeiten für einen höheren Zweck in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Dieser Wechsel war nicht einfach, denn in Frankreich ist der Arbeitsmarkt sehr stark fragmentiert. Zum Glück sind einige Arbeitsvermittler offener und wissen, welche Chancen eine Anstellung einer Person mit einem atypischen Kompetenzprofil bietet. 

2. Ihre Generation gilt oft als unpolitisch und materialistisch. Wie bringt man sie dazu, aktiv zu werden?
Ich teile diese Meinung nicht. Ich finde, wir sind eine Generation, die sich von bestimmten Zwängen und Verpflichtungen befreit, eine Generation, die sich zuerst ein Bild der Dinge macht, bevor sie sich für etwas entscheidet. Somit erfolgen bei manchen Personen politische Entscheidungen recht spät und sie sind meiner Meinung nach nicht an ein Streben nach finanzieller Sicherheit gebunden. Wir sind eine Generation, die verstehen will und den Sinn sucht. Dies führt zu einer Einstellung zur Arbeit, zur finanziellen Sicherheit und zu sozialen Beziehungen, die sich von jener früherer Generationen unterscheidet. Um diese Generation zu mobilisieren, muss man erklären, aufzeigen und beweisen, dass ihre Mobilisierung einem Zweck dient ...

3. Welches sind die drei grössten Probleme der jüngeren Generationen in Ihrem Land? 
Das aktuelle wirtschaftliche und politische Umfeld, das viele Teile der Gesellschaft vor eine ungewisse Zukunft stellt. Das Vertrauen von Unternehmen in die junge Generation und die Anstellung von jungen Menschen bleiben in Frankreich ein gesellschaftliches Thema. Wir müssen umdenken: Junge Menschen sind für ein Unternehmen kein Risiko, sondern eine Chance.

«Wir sind eine Generation, die verstehen will und den Sinn sucht.»

4. Und welches die drei grössten Chancen?
Die Dynamik der Innovation und neuer Technologien als Quelle für neue Arbeitsplätze, neue Dienstleistungen und neue Unternehmen. Offenheit und internationale Mobilität.

5. Kümmern Sie sich schon um Ihre Altersvorsorge?
Die Altersvorsorge habe ich lange ignoriert. Die wirtschaftliche Lage in Frankreich hat mich gezwungen, in spezifische Spar- und Versicherungslösungen zu investieren, um meine Altersrente aufzubessern, die sonst mager ausfallen würde oder gar inexistent wäre. Das Umlageverfahren im französischen Rentensystem eignet sich leider nicht mehr für unsere Alterspyramide und die höhere Lebenserwartung.

6. Was glauben Sie: Bis in welches Alter wird Ihre Generation dereinst arbeiten müssen?
Das aktuelle System sieht ein Pensionierungsalter von 67 Jahren vor. Ich glaube, meine Generation wird über dieses Alter hinaus arbeiten müssen und dies für eine tiefe Rente. In Frankreich kennen wir das kapitalfinanzierte Rentensystem noch nicht so gut. Aber es wird uns sicher auferlegt werden. 

7. Zwei oder drei konkrete Dinge, die Sie in den nächsten zwei bis drei Jahren erreichen wollen?
Ich möchte in naher Zukunft mein Theaterstück, an dem ich zurzeit schreibe, inszenieren. Diese Kunstform fasziniert mich und ich teile mir meine Zeit zwischen Arbeit, Theater und Familie auf. Zudem möchte ich mit dem Institut Curie eine grosse Solidaritätsbewegung gegen Krebs gründen. Wir leben in einer Zeit grosser Entdeckungen und Fortschritte im Bereich dieser Krankheit. Dank der Spendenbereitschaft der Öffentlichkeit sind wir in der Lage, die Forschung und die Pflege zugunsten der Patienten noch schneller voranzutreiben.

Zur Person

Agnès Hubert (39) ist seit 2016 Leiterin Spenderbeziehungen und Öffentlichkeitsarbeit beim Institut Curie. Nach zehn Jahren in der Finanzindustrie wechselte sie 2010 erst zur Vereinigung La Manu, einer Vereinigung für die Beziehung zwischen Studenten und Unternehmen, und ein Jahr später zum Institut Curie. Das Institut Curie ist eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen im Kampf gegen den Krebs und verfügt über ein eigenes Spital. Agnès Hubert lebt mit ihrer Familie in Paris.

Serie: Drei Millennials und ihre Rolle in der Gesellschaft

Am Freitag erfahren Sie mehr über die Ziele von Andri Silberschmidt, dem Präsidenten der Jungfreisinnigen Schweiz.

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