«Wir werden so lange leben wie niemand zuvor»

Ihre Generation hat den Ruf, unpolitisch zu sein und materialistisch zu denken. Völlig zu Unrecht, sagen drei Millennials aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz, die wir diese Woche befragen. Sie engagieren sich politisch und gesellschaftlich stark, sei es im Beruf oder in der Freizeit. Warum engagieren sie sich für die Gesellschaft? Was wollen sie erreichen? Wie mobilisieren sie ihre Generation? Wir zeigen es Ihnen mit einer Serie mit drei Interviews mit jungen Menschen.

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Kai Whittaker, 32, Mitglied des deutschen Bundestages (CDU)

1. Warum engagieren Sie sich in der Politik? 
Politik bestimmt unser tägliches Leben, ob wir es wollen oder nicht. Das fängt morgens beim Lichtanmachen mit der Frage an, ob Strom da ist und hört noch lange nicht damit auf, ob die Strasse, die Sie zur Arbeit befahren, im guten Zustand ist. Man kann sich für Politik nicht interessieren, entkommen kann man ihr nicht. Ich hingegen bin jemand, der lieber mitentscheidet, als mir Entscheidungen vorsetzen zu lassen. Deshalb habe ich angefangen, Politik zu machen.

2. Von Ihrer Generation heisst es oft, ihr sei die finanzielle Sicherheit wichtiger als politisches Engagement. Lässt sie sich überhaupt mobilisieren?
Diesen Eindruck kann man gelegentlich gewinnen. Aber wir merken doch, dass wir durch verschiedene Ereignisse der letzten Jahre so politisiert sind wie nie. Die Menschen erkennen, dass es sehr wohl auf ihre Meinung, ihr Engagement und ihre Stimme ankommt. Sobald es konkret um die eigene Zukunft geht, sind die Menschen für Politik zu begeistern, auch für Parteien.

3. Welches sind die drei grössten Probleme für die jüngeren Generationen in Ihrem Land?
Für die junge Generation ist es deutlich schwerer geworden, Vermögen aufzubauen. Das ist aber zentraler Teil des Aufstiegsversprechens in unserem Land. Des Weiteren macht mir der demografische Wandel Sorge. Wir unterschätzen die finanziellen Belastungen, die auf unserer Generation liegen werden. Und zu guter Letzt tut sich meine Generation etwas schwer, sich selbstständig zu machen und neue Ideen auszuprobieren. Mir ist da zu viel Sicherheitsdenken in den Köpfen. 

«Wir unterschätzen die finanziellen Belastungen, die auf unserer Generation liegen werden.»

4. Und welches die drei grössten Chancen? 
Durch die Digitalisierung könnten wir zum einen die Wirtschaft komplett umkrempeln und viele Probleme lösen. Da möchte ich, dass wir dabei sind. Zweitens liegt es an unserer Generation, ob wir Europa voranbringen. Schaffen wir es, bei den wichtigen Themen in der Sicherheits- und der Aussenpolitik, in der Wirtschaftspolitik zusammenzuarbeiten oder nicht? Und drittens müssen wir unsere Art des Wirtschaftens umkrempeln, damit wir ressourcenschonend leben. Auch da bietet die Digitalisierung enorme Potenziale.

5. Sorgen Sie persönlich finanziell für das Alter vor?
Ja, ich sorge vor, indem ich zum Beispiel in einen Fonds aus verschiedenen Aktien investiere.

6. Was glauben Sie: Wird Ihre Generation dereinst von der Rente leben können?
Bisher ist es der Enkelgeneration immer besser gegangen als der Grosselterngeneration. Ich sehe nicht, warum das auf einmal gravierend anders sein sollte. Daher: Ja, wir werden von unserer Rente gut leben können. Und wir werden so lange leben wie niemand zuvor, übrigens eben auch länger gesund älter werden. Deshalb ist es auch logisch, dass wir länger arbeiten werden, abhängig davon, wann man in den Beruf eingestiegen ist.

7. Was wollen Sie in den nächsten ein, zwei Jahren konkret erreichen?
Ich möchte gerne zum einen, dass wir endlich die digitale Verwaltung einführen, damit wir Europas bürgerfreundlichstes Land werden. Zum anderen ist es mir wichtig, dass wir die Zahl der Langzeitarbeitslosen deutlich senken. Eine Million Menschen: Das ist mir zu viel in Zeiten, wo Deutschland boomt.

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Zur Person

Kai Whittaker (32) ist einer der jüngsten Bundestagsabgeordneten. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Bristol und London. 2013 wurde er in den Bundestag gewählt, wo er ordentliches Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales ist. Er lebt in Baden-Baden.

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Agnès Hubert, 39, ‎Leiterin Spenderbeziehungen und Öffentlichkeitsarbeit beim Institut Curie in Paris

1. Wieso engagieren Sie sich in Ihrem Bereich? 
Im Nonprofit-Sektor zu arbeiten, insbesondere in den Bereichen Forschung und Gesundheit, war für mich eine bewusste Berufswahl. Nach mehreren Jahren im Finanzsektor beschloss ich, meine Fähigkeiten für einen höheren Zweck in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Dieser Wechsel war nicht einfach, denn in Frankreich ist der Arbeitsmarkt sehr stark fragmentiert. Zum Glück sind einige Arbeitsvermittler offener und wissen, welche Chancen eine Anstellung einer Person mit einem atypischen Kompetenzprofil bietet. 

2. Ihre Generation gilt oft als unpolitisch und materialistisch. Wie bringt man sie dazu, aktiv zu werden?
Ich teile diese Meinung nicht. Ich finde, wir sind eine Generation, die sich von bestimmten Zwängen und Verpflichtungen befreit, eine Generation, die sich zuerst ein Bild der Dinge macht, bevor sie sich für etwas entscheidet. Somit erfolgen bei manchen Personen politische Entscheidungen recht spät und sie sind meiner Meinung nach nicht an ein Streben nach finanzieller Sicherheit gebunden. Wir sind eine Generation, die verstehen will und den Sinn sucht. Dies führt zu einer Einstellung zur Arbeit, zur finanziellen Sicherheit und zu sozialen Beziehungen, die sich von jener früherer Generationen unterscheidet. Um diese Generation zu mobilisieren, muss man erklären, aufzeigen und beweisen, dass ihre Mobilisierung einem Zweck dient ...

3. Welches sind die drei grössten Probleme der jüngeren Generationen in Ihrem Land? 
Das aktuelle wirtschaftliche und politische Umfeld, das viele Teile der Gesellschaft vor eine ungewisse Zukunft stellt. Das Vertrauen von Unternehmen in die junge Generation und die Anstellung von jungen Menschen bleiben in Frankreich ein gesellschaftliches Thema. Wir müssen umdenken: Junge Menschen sind für ein Unternehmen kein Risiko, sondern eine Chance.

«Wir sind eine Generation, die verstehen will und den Sinn sucht.»

4. Und welches die drei grössten Chancen?
Die Dynamik der Innovation und neuer Technologien als Quelle für neue Arbeitsplätze, neue Dienstleistungen und neue Unternehmen. Offenheit und internationale Mobilität.

5. Kümmern Sie sich schon um Ihre Altersvorsorge?
Die Altersvorsorge habe ich lange ignoriert. Die wirtschaftliche Lage in Frankreich hat mich gezwungen, in spezifische Spar- und Versicherungslösungen zu investieren, um meine Altersrente aufzubessern, die sonst mager ausfallen würde oder gar inexistent wäre. Das Umlageverfahren im französischen Rentensystem eignet sich leider nicht mehr für unsere Alterspyramide und die höhere Lebenserwartung.

6. Was glauben Sie: Bis in welches Alter wird Ihre Generation dereinst arbeiten müssen?
Das aktuelle System sieht ein Pensionierungsalter von 67 Jahren vor. Ich glaube, meine Generation wird über dieses Alter hinaus arbeiten müssen und dies für eine tiefe Rente. In Frankreich kennen wir das kapitalfinanzierte Rentensystem noch nicht so gut. Aber es wird uns sicher auferlegt werden. 

7. Zwei oder drei konkrete Dinge, die Sie in den nächsten zwei bis drei Jahren erreichen wollen?
Ich möchte in naher Zukunft mein Theaterstück, an dem ich zurzeit schreibe, inszenieren. Diese Kunstform fasziniert mich und ich teile mir meine Zeit zwischen Arbeit, Theater und Familie auf. Zudem möchte ich mit dem Institut Curie eine grosse Solidaritätsbewegung gegen Krebs gründen. Wir leben in einer Zeit grosser Entdeckungen und Fortschritte im Bereich dieser Krankheit. Dank der Spendenbereitschaft der Öffentlichkeit sind wir in der Lage, die Forschung und die Pflege zugunsten der Patienten noch schneller voranzutreiben.

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Zur Person

Agnès Hubert (39) ist seit 2016 Leiterin Spenderbeziehungen und Öffentlichkeitsarbeit beim Institut Curie. Nach zehn Jahren in der Finanzindustrie wechselte sie 2010 erst zur Vereinigung La Manu, einer Vereinigung für die Beziehung zwischen Studenten und Unternehmen, und ein Jahr später zum Institut Curie. Das Institut Curie ist eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen im Kampf gegen den Krebs und verfügt über ein eigenes Spital. Agnès Hubert lebt mit ihrer Familie in Paris.

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Andri Silberschmidt, 23, Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz

1. Gab es einen bestimmten Anlass, der Sie dazu brachte, sich politisch zu engagieren?
Ich wurde mit 17 Jahren politisiert, als ich als Banklehrling eine Vorrede am Nationalfeiertag auf dem Zürcher Bürkliplatz halten durfte. Natürlich hoffe ich, mit meinem Engagement in der Politik Gleichaltrige zum Mitmachen anzuregen und im besten Fall bei einem Teil das liberale Feuer entfachten zu können. 

2. Ihre Generation hat oft den Ruf, unpolitisch und konsumorientiert zu sein. Wie sehen Sie das für die Jugend in Ihrem Land?

Bereits Sokrates hat sich 400 Jahre v. Chr. über die junge Generation beschwert. Diese Vorurteile sind also nicht neu. Was sich dagegen eindeutig geändert hat, ist die Schnelllebigkeit. Selbst mit meinen 23 Jahren bin ich teils überrascht, was bei den Teenagern gerade «in» ist. Bei Themen, die meiner Generation am Herzen liegen, kann man gut mobilisieren – natürlich online, wobei ohne physische Präsenz der Erfolg meist kleiner ist.

3. Welches sind die drei grössten Probleme für die jüngeren Generationen in Ihrem Land?
Die meisten Probleme von uns sind wohl persönlicher Natur. Natürlich sieht man aber spätestens im Rahmen der Ausbildung auch die Herausforderungen, welche die Migrationsströme oder der Wandel in der Arbeit hin zur digitalen Welt mit sich bringen. 

 

«Mir macht jeder Tag Freude und ich sehe die Arbeit nicht als Muss, sondern primär als Freude und Erfüllung.»

4. Und welches die drei grössten Chancen?
Für uns sehe ich die grössten Chancen in der globalen Vernetzung, ob wirtschaftlich oder kulturell, in der Digitalisierung sowie in der Bildung. Die globale Vernetzung erlaubt es uns, im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Dank der Digitalisierung ergeben sich neue Arbeitsmodelle, und der erleichterte Zugang zu Bildung erlaubt es uns, weiterhin international spitze zu sein.

5. Sorgen Sie persönlich finanziell für das Alter vor?
Neben der ersten (AHV) und der zweiten (BVG) Säule, wo ich als Arbeitnehmer versichert bin, zahle ich seit letztem Jahr auf mein privates Vorsorgekonto ein.

6. Was glauben Sie: Bis zu welchem Alter wird Ihre Generation dereinst arbeiten müssen?
Ich gehe davon aus, dass wir in vierzig Jahren nicht von heute auf morgen in Pension gehen. Das Modell des linearen Aufstiegs wird wohl einem Glocken-Modell weichen, bei dem man mit der Zeit das Pensum abbaut und mit über 70 Jahren noch beschäftigt sein wird. Mir macht jeder Tag Freude und ich sehe die Arbeit nicht als Muss, sondern primär als Freude und Erfüllung.

7. Was wollen Sie in den nächsten ein, zwei Jahren konkret erreichen?
Wir bekämpfen die Altersreform 2020 im September, so dass die Schweizer Politik endlich die Herausforderungen der demografischen Entwicklung grundlegend anpacken kann, um die Last auf den Schultern von uns Jungen zu mindern.

 

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Zur Person

Andri Silberschmidt (23) ist seit 2016 Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz. Politisch fokussiert er sich unter anderem auf die Themen Altersvorsorge, Bildungspolitik und den Wirtschaftsstandort Schweiz. Bei der Abstimmungskampagne gegen die AHVplus-Initiative führte er erfolgreich ein nationales und überparteiliches Jugendkomitee an. Beruflich arbeitet er als Portfoliomanager bei einer Bank und studiert nebenberuflich Betriebsökonomie. Zudem betreibt er seit kurzem einen Pop-Store mit Sushi-Burritos. Er lebt in Zürich.

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