Routine macht dumm

Lernen ist keine Frage des Alters. Aber: Mit Kreuzworträtseln und Sudokus ist es nicht getan. Wer sein Gehirn in Form halten will, muss sich an Neues wagen, sagt Lernforscher Christian Stamov Roßnagel.

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Lernfähig bis ins höchste Alter: Die US-Amerikanerin Nola Ochs beendete 2007 ihr Geschichtsstudium an der Fort Hays State University mit 95 Jahren und gilt als älteste weibliche Hochschulabsolventin aller Zeiten. (AP Photo/Charlie Riedel)

Die Menschheit wird immer gesünder und älter. Können wir auch immer länger lernen?
Das werden erst Langzeitstudien abschliessend beantworten können. Was wir aber heute schon wissen: Die Kapazität unseres Gehirns wird massiv unterschätzt. Die Lernfähigkeit bleibt nämlich bis ins hohe Alter erhalten.

Nimmt die Lernfähigkeit mit dem Älterwerden nicht kontinuierlich ab?
Ich will nicht unterstellen, dass 90-Jährige künftig die gleiche kognitive Leistung erbringen können wie 30-Jährige. Natürlich gibt es ein altersbedingtes Nachlassen. Aber bis mindestens 70 müssen wir uns keine Sorgen machen. So lange lernt man praktisch genauso gut wie jüngere Menschen. Das Hauptproblem ist laut unseren Untersuchungen ein ganz anderes: Mit zunehmendem Alter stimulieren wir das Gehirn immer weniger, weil unsere Lernbereitschaft systematisch sinkt.

Wieso das?
Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen fragen wir uns je älter, desto mehr: Was bringt es mir? Ab der Lebensmitte beginnt unsere Perspektive zu drehen: Was bleibt noch an Zeit? Lohnt sich da das Investment ins Lernen? Und wenn ich finanziell oder karrieremässig nichts davon habe, dann lass ich es eben bleiben. Und manchmal schützt man sich mit einer nachlassenden Lernbereitschaft auch vor den unangenehmen Auswirkungen einer jugendzentrierten Lernkultur.

Was verstehen Sie darunter?
Dass wir in der Regel sehr schnell getaktet lernen müssen. Wenn jemand eine Frage mehr stellt oder ein paar Übungen mehr braucht, dann wird er schon misstrauisch beäugt oder hämisch belächelt. Deshalb sagen sich viele: Das tue ich mir nicht mehr an. Bei einer Befragung in einem Unternehmen hatten wir das Beispiel eines Mitfünfzigers, der die Computerschulung in der Firma ablehnt, aber privat eifrig den Umgang mit Excel lernt, weil er Kassenwart des Turnvereins ist. Als wir nach den Gründen fragten, antwortete dieser: Klar, im Verein gehöre ich zu den Jüngeren, in der Firma bin ich einer der Älteren – dort sehe ich alt aus.

Trauen wir den Älteren zu wenig zu?
Ja, es existiert ein gesellschaftliches Missverständnis, das zur «selbsterfüllenden Prophezeiung» wird. Kann ein 60-Jähriger eine Handy-App nicht benutzen, zweifelt man an seinen kognitiven Fähigkeiten. Hat ein 25-Jähriger Probleme damit, denkt jeder: Diese App ist nicht benutzerfreundlich. Wir schieben vieles automatisch auf das Alter und diese Haltung verinnerlichen die Älteren.

«Die Kapazität unseres Gehirns wird massiv unterschätzt. Die Lernfähigkeit bleibt nämlich bis ins hohe Alter erhalten.»

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Nicht das Alter, sondern Vorurteile vermindern also unsere Lernbereitschaft?
Ja, die falsche Selbsteinschätzung hemmt uns, wie wir in einer Studie zeigen konnten. Wir haben mit einer Gruppe von Arbeitnehmern zwischen 50 und 60 Jahren zehn Stunden lang «Lernexperimente» gemacht und ihnen gezeigt: Ihr könnt genauso gut lernen wie eure 30-jährigen Kollegen. Das Resultat: Einige Monate später schnitten sie bei Lern- und Motivationstests tatsächlich genauso gut ab wie die jüngeren Kollegen und brauchten 20 Prozent weniger Lernzeit als vorher. Bei einer Vergleichsgruppe waren die älteren Mitarbeiter unverändert in Sachen Motivation und Lernleistung – offenbar, weil sie in dem Glauben gelassen worden waren, dass sie langsamer lernen als Jüngere.


Wieso haben dann Eltern bei Kombinatorik- oder Rechenaufgaben gegen ihre jugendlichen Kids keine Chance, von den Grosseltern ganz zu schweigen.
Grundsätzlich gilt: Je breiter, umfassender und komplizierter die Herausforderungen sind, desto kleiner sind die Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren. Bei Rechenaufgaben handelt es sich aber um „Mikroaufgaben“, für die wir einen winzigen Teilbereich der kognitiven Leistungen des Gehirns brauchen. Vorwissen und Strategie spielen dabei eine geringe Rolle, entscheidend sind die Reaktions- und Bearbeitungszeit. Da schneiden Jüngere tatsächlich besser ab. Auch beim Lernen von neuen Sprachen dürften Jüngere zwar schneller sein als die Älteren, aber nicht besser. Wenn ein Älterer eine neue Sprache lernt, kann er am Ende das gleiche Ergebnis erreichen wie ein Jüngerer.

Wie sehr lassen sich die kognitiven Fähigkeiten trainieren?
Gemäss Testdaten ist es ohne weiteres möglich, durchschnittliche 60-Jährige auf das Leistungsvermögen durchschnittlicher 40-Jähriger zu bringen. Und eine Studie der Universität von San Francisco hat gezeigt, dass sogar noch mehr möglich ist: Dort brachte es eine Gruppe von 60- bis 85-Jährigen nach nur zwölf Stunden Training innert vier Wochen in einer anspruchsvollen Konzentrationsaufgabe auf bessere Leistungen als durchschnittliche 20-Jährige.

«Die geistige Fitness gehört neben Sport und gesunder Ernährung zu den drei Säulen der nichtfinanziellen Altersvorsorge.»

Seniorenuniversität

Vorreiterrolle von Frankreich

Europaweit bilden sich immer mehr ältere Menschen an Seniorenuniversitäten weiter. Begonnen hat der Boom in Frankreich, wo man die ständige Weiterbildung als Beitrag zum Erhalt der „santé publique“ erkannte. 1973 wurde in Toulouse die erste «Université du 3e âge» (Universität des Dritten Lebensalters) gegründet, inzwischen sind es über 60. 1975 entstand in Genf die erste Schweizer Seniorenuniversität (2013: 13), Deutschland folgte in den frühen 1980er-Jahren (2013: über 50). Die europäischen Seniorenuniversitäten sind im Netzwerk «Learning in Later Life» zusammengeschlossen. Hier sind alle Institutionen nach Ländern aufgeführt: www.uni-ulm.de/LiLL/2.0/D/2.2.frames.html

Also täglich ein Kreuzworträtsel oder Sudoku und wir bleiben geistig topfit?
So einfach ist es leider nicht. Die Verbesserungen, die Sie bei solchen Aufgaben erzielen, übertragen sich leider nicht auf andere Bereiche wie die allgemeine Konzentrationsfähigkeit. Entscheidend beim Lernen ist zudem das Vermeiden von Automatisierung. Das Wichtigste ist, immer dranzubleiben, immer wieder Neues zu lernen, nicht der Routine anheimzufallen. So bleibt das Gehirn in Form. Und je länger wir es stimulieren, umso länger arbeitet es – «use it or lose it». Wer rastet, der rostet.  

Und der Lohn ist ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben im Alter, wie es 91 Prozent der über 65-Jährigen laut einer Umfrage von Swiss Life anstreben?
Genau. Die geistige Fitness gehört neben Sport und gesunder Ernährung zu den drei Säulen der nichtfinanziellen Altersvorsorge. Lebenslanges Lernen ist also eine der allerbesten Altersvorsorgen, die wir selbst steuern können.

Biografie

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Christian Stamov Roßnagel ist Professor für Organisationspsychologie am «Center on Lifelong Learning and Institutional Development» der Jacobs University Bremen und Autor des Sachbuchs «Mythos: alter Mitarbeiter: Lernkompetenz jenseits der 40?»(Beltz Verlag).

1 «Video game training enhances cognitive control in older adults».
Gazzaley
, A., University of San Francisco (2013).
www.nature.com/nature/journal/v501/n7465/full/nature12486.html#affil-auth

2«Die Freiheit selbst zu bestimmen» – eine Umfrage von Swiss Life (2016).
https://www.swisslife.com/de/hub/die-freiheit-selbst-zu-bestimmen.html

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