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«Unternehmen brauchen Mitarbeitende verschiedener Generationen»

  • Der Arbeitsmarkt wird sich an ältere Erwerbstätige anpassen und Unternehmen müssen für Arbeitskräfte verschiedener Generationen attraktiver werden.
  • Qualifizierte und erfahrene Arbeitskräfte ab 50 Jahren suchen nach Möglichkeiten, sich für freiberufliche Tätigkeiten zu bewerben.
  • Ältere Arbeitnehmer können sich als Mentoren und Teamplayer positionieren. Sie verfügen über wichtige Soft Skills, die von Unternehmen gesucht werden.
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Françoise Gri ist Präsidentin des Verwaltungsrats von Viadeo. Viadeo ist ein führendes französisches soziales Netzwerk für berufliche Kontakte, das weltweit über 65 Millionen Mitglieder zählt, davon 10 Millionen in Frankreich. Das US-Magazin Fortune zählt Gri zu den 50 einflussreichsten Unternehmerinnen der Welt. Françoise Gri hat zwei Werke veröffentlicht: «Plaidoyer pour un emploi responsable» und «Womenpower, femme et patron».

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation auf dem französischen Arbeitsmarkt für Ältere ein, wenn immer mehr Menschen länger arbeiten? 
Wir stehen in Frankreich gerade an einem zentralen Scheideweg. Hierzulande wurden schon immer zu wenig ältere Menschen beschäftigt. Früher lag das Land bei der Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen 17 Prozentpunkte hinter anderen hochentwickelten Ländern. In den letzten Jahren haben wir diese Quote um 10 Punkte verbessert. Das ist viel. Die Menschen verstehen inzwischen, dass ihre Renten nicht so hoch sein werden, wie sie erwartet hatten, und auch in Zukunft nicht besser werden. Deshalb arbeiten sie nun länger. Manche finden das in Ordnung, andere dagegen machen sich Sorgen, weil sie erkennen, dass sich am Arbeitsplatz alles ändert. Morgen werden andere Qualifikationen benötigt als heute, und es besteht die Gefahr, dass sie den Anforderungen nicht mehr gerecht werden. 

«Die Menschen verstehen inzwischen, dass ihre Renten nicht so hoch sein werden, wie sie erwartet hatten.»

Wird dies den französischen Arbeitsmarkt in den nächsten zehn Jahren dramatisch verändern?
Ja, natürlich. Bisher ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung über 60 in einem Beschäftigungsverhältnis. Aufgrund von Engpässen bei der Vorsorge müssen die Menschen jedoch länger arbeiten und auch unterschiedliche Positionen annehmen. In vielen Arbeitsmärkten der Welt ist dies bereits der Fall, in Frankreich jedoch nicht. Hierzulande sieht man nur selten über 60-Jährige, die in Bereichen wie dem Einzelhandel arbeiten, aber der Arbeitsmarkt wird sich ändern. 

Welche Beschäftigungsbereiche werden von Menschen ab 50 oder ab 60 am häufigsten angestrebt?
Qualifizierte und erfahrene Arbeitskräfte über 60 sind zu teuer, um wieder in Vollzeit eingestellt zu werden. Sie suchen daher nach Möglichkeiten, sich für eine freiberufliche Mitarbeit zu bewerben. Etwa 28 % der Mitglieder auf unserer Plattform für freie Mitarbeiter sind über 50 Jahre alt, von den Mitgliedern des gesamten Netzwerks dagegen sind es nur 15 %. Wer sich in einem sozialen Netzwerk engagiert, ist oft auch proaktiver bei der Suche nach einer freiberuflichen Tätigkeit. Plattformen wie Viadeo helfen diesen Personen, ihre Erfahrungen und Qualifikationen in Szene zu setzen. Wenn ältere Arbeitskräfte dank Viadeo besser zeigen können, wie sie ihre Erfahrung als Mentoren gewinnbringend für andere einsetzen können, kann sich ihr Zugang zum Arbeitsmarkt wirklich verändern.

Welche Qualifikationen und Eigenschaften schätzen Arbeitgeber bei älteren Arbeitskräften am meisten?  
Soft Skills sind sehr wichtig. Zwei Drittel der Arbeitsplätze bleiben unbesetzt, weil Unternehmen die Soft Skills, die sie suchen, nicht finden. Ältere Menschen sind hier oft im Vorteil, aber sie müssen das geschickt nutzen und sich als Mentoren und Teamplayer positionieren. Es gibt viel, was sie in diesem Bereich tun können.

«Die Unternehmen müssen für Arbeitskräfte aus verschiedenen Generationen attraktiver werden.»
28%
der Mitglieder auf der Plattform für freie Mitarbeiter von Viadeo sind über 50 Jahre alt.

Glauben Sie, dass Unternehmen ihre Arbeitsumgebungen oder Arbeitsbedingungen anpassen, um älteren Arbeitskräften entgegenzukommen? Und wenn ja, wie?
Die Unternehmen müssen für Arbeitskräfte aus verschiedenen Generationen attraktiver werden und auch an ihren Diversity-Grundsätzen arbeiten. Sie müssen den Menschen helfen, Generationsunterschiede zu überwinden. Schon Kleinigkeiten können zu Frustrationen führen, etwa Fragen der Pünktlichkeit oder des Verhaltens in Meetings. Junge Leute sind in Meetings oft parallel auf digitalen Kanälen aktiv, was ältere Menschen bisweilen als respektlos empfinden. Allgemein geht es bei vielen Problemen im Grunde um Respekt.

«Es gibt viele ältere Menschen, die sich mit digitalen Tools ganz gut auskennen.»

Wie schätzen Sie die Technologiekompetenz von älteren Arbeitskräften ein? Meiden ältere Arbeitskräfte eine Beschäftigung in technischen Bereichen?  
Viele ältere Arbeitskräfte, die in technischen Bereichen arbeiten, sind Experten auf ihrem Gebiet. Manche von ihnen haben in den letzten Jahren enorme Veränderungen erfahren. Ein grosser Teil der älteren Arbeitskräfte kann technologieunterstützte Aufgaben weiterhin problemlos bewältigen. Bei Bürotätigkeiten ist die Hürde dagegen tendenziell höher. Büroangestellte sind oft von technologischen Veränderungen abgekoppelt. Beim Thema Digitalkompetenz und Alter gibt es allerdings auch viele Stereotype. Bei der Beurteilung dieser Kompetenz sind wir oft sehr oberflächlich. Es gibt viele ältere Menschen, die sich mit digitalen Tools ganz gut auskennen.

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