Wenn sogar Einstein ins Grübeln gerät

Selbstbestimmt leben – das wollen laut einer Swiss Life-Studie neun von zehn Senioren. Selbstbestimmung setzt freien Willen voraus. Ob es den aber gibt, darüber streiten seit Jahrhunderten grosse Geister – von Konfuzius bis Kant, von Spinoza bis Sartre. Findet die moderne Hirnforschung eine endgültige Antwort?

Albert Einstein war wieder einmal dabei, sich seine geliebte Pfeife anzuzünden, als er plötzlich innehielt und ins Grübeln geriet: «Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will, und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden?» Und weiter rätselte Einstein: «Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt?» Das Jahrhundertgenie musste sich eingestehen: «Ich weiss ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen.»

Gibt es den freien Willen – oder gibt es ihn nicht? Wen diese Frage verwirrt, befindet sich in bester Gesellschaft.

Skeptische Hirnforschung

Unser Hirn, aber auch unsere Lebenserfahrungen und die Einflüsse unserer Umwelt: Alle diese Faktoren prägen unser Wollen. «Wir sind meistens auf Autopilot unterwegs», bilanziert der amerikanische Journalist Malcom Gladwell in seinem Buch «Blink» den Stand der Forschung. Der deutsche Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz bringt es auf die paradoxe Formel: «Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.» Zahlreiche Experimente über elektrische Reizmuster im Hirn kommen zum Schluss, dass eine Entscheidung bereits gefallen ist, bevor wir überhaupt Zeit haben, uns bewusst Gedanken über Für und Wider zu machen.

Fundament des Zusammenlebens

So viel Skepsis überrascht, ist die Selbstbestimmung doch der zentrale Wert unserer modernen Welt. Bezeichnenderweise stammt die leidenschaftlichste Verteidigung des freien Willens vom grössten Denker der Aufklärung, dem deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804). Er sieht darin das Fundament jeder Moral. Nicht anders der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi: «Der Mensch ist durch seinen Willen sehend, aber auch durch seinen Willen blind. Er ist durch seinen Willen frei, aber auch durch seinen Willen Sklave. Er ist durch seinen Willen redlich und durch seinen Willen ein Schurke.»

Aber andere, nicht minder bedeutende Denker zweifeln an der Existenz eines freien Willens. Zu ihnen zählt etwa der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860): «Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.»

Ist unsere Gesellschaft, ist die moderne Welt überhaupt denkbar ohne das Konzept des freien Willens? Fest steht: Gäbe es den freien Willen nicht, geriete das Fundament unseres Zusammenlebens ins Wanken. Denn wer wäre dann noch verantwortlich für seine Taten und Unterlassungen? Ohne freien Willen wäre ethisches Handeln schlicht unmöglich. Aber die Konsequenzen beträfen längst nicht nur juristische Themen. Selbstbestimmung ist die Voraussetzung menschlicher Würde.

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Der Wert der Selbstbestimmung wird in seiner ganzen Tragweite erst deutlich, wenn wir uns die Alternative vergegenwärtigen: Fremdbestimmung.

Unterschiedliche Menschenbilder

Der Wert der Selbstbestimmung wird in seiner ganzen Tragweite erst deutlich, wenn wir uns die Alternative vergegenwärtigen: Fremdbestimmung. Nicht zufällig war es der Vater des Souveränitätsbegriffs, der französische Staatstheoretiker Jean Bodin (1529-1596), der als Erster so argumentierte: «Natürliche Freiheit bedeutet für uns, ausser Gott keinem lebenden Menschen unterworfen zu sein und von niemand anderem Befehle entgegennehmen zu haben als von sich selbst, das heisst von der eigenen Vernunft, die stets im Einklang mit dem Willen Gottes steht.»

Selbstbestimmung versus Fremdbestimmtheit – lassen sich zwischen den beiden so verschiedenen Menschenbildern überhaupt Brücken bauen? Ja, ist der Schweizer Philosoph und Romancier Peter Bieri überzeugt. Seinen Vorschlag zur Güte nennt Bieri «bedingte Freiheit». «Auch wenn meine Innenwelt aufs Engste verflochten ist mit dem Rest der Welt», begründet der Philosoph seine Position, «so gibt es doch einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Leben, in dem jemand sich so um sein Denken, Fühlen und Wollen kümmert, und einem anderen Leben, dass der Person nur zustösst und von dessen Erleben sie wehrlos überwältigt wird.» Bieris Fazit: «Selbstbestimmung zu verstehen heisst, diesen Unterschied auf den Begriff zu bringen.»

Zunehmende Relevanz

Fest steht: Diese Debatte wird uns noch lange beschäftigen; und der Gegensatz zwischen der Hirnforschung und unserem Menschenbild dürfte sich weiter zuspitzen. Und auch die Relevanz in einer Gesellschaft, in der immer mehr ältere Menschen auf einem selbstbestimmten Leben bestehen.

Gut möglich, dass wir nie eine abschliessende Antwort erhalten werden. Wie schrieb doch der englische Dichter Samuel Johnson (1709-1784) ohne Angst vor Widersprüchlichkeit: «Alle Theorie spricht gegen den freien Willen; alle Erfahrung dafür.»

Fotos: iStock/Gilithuka, iStock/Dirk Freder, Keystone/AP Photo, iStock/Chris van de Velde, Kate Stafford/CC BY-SA 2.0/Wikimedia Commons, iStock/Africanway, Julius Nielsen/University of Copenhagen, Manfred Heyde/CC BY-SA 3.0/Wikimedia Commons, Keystone/DPA/Wildlife/N.Wu, Alamy

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