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Finanzkompetenz: Wissen ist Macht

  • Die Finanzkompetenz, welche für das wirtschaftliche Wohlergehen des Einzelnen zentral ist, lässt europaweit zu wünschen übrig.
  • Staat, Bildungseinrichtungen und Arbeitgeber müssen sich gemeinsam bemühen, die Vermittlung von Finanzwissen zu verbessern.
  • Internet und Technologie werden in Europa bei der Aufklärung der Bürger an Bedeutung gewinnen. 
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Die Verantwortung für finanzielle Angelegenheiten hat sich von den Institutionen auf das Individuum verlagert. Wer sich in Finanzdingen gut auskennt, kann die Chancen nutzen, die dieses neue Umfeld für die Vermögensbildung bietet. Ohne solide Finanzkompetenz jedoch kann dieses Mass an Auswahl und Einfluss in finanziellen Fragen heikel sein.

«Angesichts der grossen wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft in Europa steht, benötigen Menschen jeden Alters Wirtschafts- und Planungskompetenz, um ihren Bedarf an finanzieller Absicherung beurteilen zu können», sagt Michaela Koller, Generaldirektorin von Insurance Europe, dem europäischen Dachverband der Erst- und Rückversicherungswirtschaft.

Europäern mangelt es an Finanzkompetenz

Nach ersten Ergebnissen einer weltweiten OECD-Studie von 2015 zur Finanzkompetenz könnte «ein grosser Teil der Menschen von Initiativen zur Änderung ihres Verhaltens profitieren».1  Eine andere Studie zur Finanzkompetenz, die 2014 von McGraw Hill veröffentlicht wurde, ergab, dass nur 52% der EU-Bürger finanzkompetent waren.2  Dabei gab es in der EU zwar Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, doch selbst der Höchstwert lag nur bei 65%.

Diese geringe Finanzkompetenz ist Koller zufolge bedenklich, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft insgesamt. «Aufklärung über Finanz- und Versicherungsfragen kann Menschen befähigen, in finanziellen Belangen fundierter zu entscheiden, und ihnen helfen, erfüllter und besser zu leben» , erklärt sie, «und dies wiederum fördert das Wirtschaftswachstum.»

52%
Eine Studie von McGraw Hill von 2014 ergab, dass nur 52% der EU-Bürger finanzkompetent waren.

Gezielte Förderung nötig

Um die Finanzkompetenz der Bevölkerung zu verbessern, muss der Staat die finanzielle Bildung weiterhin entschlossen fördern, auch wenn er sich an der langfristigen Vermögensbildung nicht mehr mit eigenen Beiträgen beteiligt.

Olivier Salles, Leiter des Referats Finanzdienstleistungen für Privatkunden und Zahlungsverkehr in der Generaldirektion Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion der Europäischen Kommission, meint: «Aktivitäten im Bereich der finanziellen Bildung sollten auf nationaler Ebene von öffentlichen Stellen gefördert und unterstützt werden, z. B. von Bildungsministerien und Finanzmarktregulatoren. Deren Aufgabe ist es, Konsumenten und Bildungszentren auf die Bedeutung von finanzieller Bildung hinzuweisen.»

Der Staat kann es sich jedoch nicht leisten, isoliert vorzugehen: Auch der Privatsektor muss die Massnahmen unterstützen. Nach einem OECD-Papier von 2012 zur Formulierung einer nationalen Strategie für finanzielle Bildung kommt Privatunternehmen – insbesondere Finanzinstituten «aufgrund ihres Know-hows und ihrer Ressourcen» – eine wichtige Rolle zu.3

Flore-Anne Messy, Administratorin in der OECD-Direktion für Finanz- und Unternehmensangelegenheiten, erklärt: «Bei der Festlegung der Ziele und Aktivitäten zur Verbesserung des Zugangs zu Finanzdienstleistungen sollte die Federführung bei öffentlichen Stellen liegen, während andere – private und zivilgesellschaftliche – Interessenträger die Umsetzung und Auswertung bestimmter Programme unterstützen können.»
 

«Aufklärung über Finanz- und Versicherungsfragen kann Menschen befähigen, in finanziellen Belangen fundierter zu entscheiden, und ihnen helfen, erfüllter und besser zu leben.»
Michaela Koller, Generaldirektorin von Insurance Europe

Es ist nie zu früh anzufangen

Ein Test der Finanzkompetenz von 15-Jährigen, den die OECD 2012 in 13 Ländern durchführte, ergab, dass etwa jeder siebte Schüler «nicht in der Lage war, selbst einfache Entscheidungen über alltägliche Ausgaben zu treffen», und nur jeder zehnte «komplexe Aufgaben lösen» konnte.4

Der Studie zufolge erfüllte beispielsweise in Frankreich jeder fünfte Schüler nicht einmal die Grundanforderungen an die Finanzkompetenz. Diese Schüler könnten «bestenfalls den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Wünschen erkennen, einfache Entscheidungen über alltägliche Ausgaben treffen und den Zweck alltäglicher Finanzdokumente, etwa einer Rechnung, benennen».5

«Eltern müssen viel Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Sie müssen sie befähigen, in der modernen Gesellschaft zurechtzukommen, und dazu gehört auch Finanzkompetenz.»
Markus Leibundgut, CEO von Swiss Life Deutschland
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In ihrer Studie zur finanziellen Bildung in Schulen von 2012 empfiehlt die OECD, Schulen sollten finanzielle Zusammenhänge in ihre Lehrpläne aufnehmen, damit sich Kinder von klein auf das Wissen und die Fähigkeiten aneignen können, die zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Finanzen führen.6

Doch die Verantwortung dafür, Kindern das finanzielle Rüstzeug zu vermitteln, das sie zum Haushalten und Sparen benötigen, liegt natürlich nicht bei den Schulen allein. Markus Leibundgut, CEO von Swiss Life Deutschland, sieht auch die Familien in der Pflicht: «Eltern müssen viel Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Sie müssen sie befähigen, in der modernen Gesellschaft zurechtzukommen, und dazu gehört auch Finanzkompetenz.»  

Zudem schlägt er vor, Finanzthemen in Berufsausbildung oder Studium zu integrieren, um die Finanzkompetenz zu fördern. Für Auszubildende und Studenten wäre die Vermittlung finanzieller Kenntnisse eine Massnahme, die ihnen hilft, später im Arbeitsalltag ihre Finanzen in den Griff zu bekommen. «Es ist relativ leicht, Finanzkompetenz systematisch in die Lehrpläne aufzunehmen», erklärt Leibundgut.

Das Informationszeitalter

Wenn finanzielle Bildung EU-weit im Rahmen von Berufsausbildungen und an Schulen angeboten würde, verbesserte dies die Aussichten künftiger Generationen. Doch was wäre mit denen, die ihre formale Ausbildung längst abgeschlossen haben?

Für Menschen, die ohne Unterstützung nicht wissen, wann sie wo wie viel anlegen sollen, hält Salles den Zugang zu einer bezahlbaren unabhängigen Finanzberatung für wichtig: «Die Konsumenten müssen darüber aufgeklärt werden, wie wichtig Finanzplanung ist, und Zugang zu einer kostengünstigen unabhängigen Beratung haben, wann immer eine wichtige finanzielle Entscheidung ansteht.»

Salles nennt automatisierte oder digitale Beratung als mögliches Mittel, um finanzielle Unterstützung für den Massenmarkt anzubieten. «Robo-Beratung» ist in den Industrieländern bereits auf dem Vormarsch. Im Dezember 2015 veröffentlichten die europäischen Aufsichtsbehörden ein Diskussionspapier zur Zunahme digitaler Beratungsplattformen mit Blick auf eine wirksame EU-weite Regulierung.Auch Smartphones und Online-Tools ermöglichen einen einfachen Zugang zu finanzieller Bildung.

Professor Erwin Heri leitet Fintool, eine Schweizer Website für Finanzkompetenz, die unabhängige Aufklärungsvideos in deutscher Sprache anbietet. Die Abonnenten erhalten die kostenlosen Videos direkt per E-Mail. Heri zufolge ist ein erfolgreiches «Finformationsvideo» unterhaltsam und relevant, aber vor allem muss es kurz und knapp sein: «Wir richten uns nicht an Banker, sondern an normale Bürger, die das Bedürfnis haben, ihre Finanzkompetenz zu verbessern.»

«Die Konsumenten müssen darüber aufgeklärt werden, wie wichtig Finanzplanung ist, und Zugang zu einer kostengünstigen unabhängigen Beratung haben, wann immer eine wichtige finanzielle Entscheidung ansteht.»
Oliver Salles, Leiter des Referats Finanzdienstleistungen für Privatkunden und Zahlungsverkehr in der Generaldirektion Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion der Europäischen Kommission

Einfachheit ist Trumpf

Die Finanzbranche wird seit Langem dafür kritisiert, dass sie Konsumenten mit Fachchinesisch verwirrt und allzu komplizierte Produkte anbietet.

Zur Verbesserung der Finanzkompetenz stehen Banken, Versicherer und Finanzdienstleister generell unter dem Druck, entweder die Produkte selbst zu vereinfachen oder die Sprache, mit der sie sie vermarkten. Messy von der OECD erklärt: «Die Erhöhung der Vergleichbarkeit, Eignung und Angemessenheit von Informationen über Finanzprodukte ist ein wünschenswertes Ziel, um die Menschen bei Entscheidungen in Finanzfragen zu unterstützen.»

Doch Salles von der EU warnt vor einer übermässigen Vereinfachung, denn wenn Produkte zu stark zurückgestutzt würden, seien die Ziele der Anleger damit womöglich nicht zu erreichen. «Eine Produktvereinfachung könnte in manchen Bereichen helfen, in anderen dagegen kontraproduktiv sein. Bei Patentrezepten wie der Vereinfachung oder Standardisierung von Produkten ist Vorsicht geboten, denn sie führen nicht unbedingt dazu, dass sie leichter zu verstehen sind.»

Für Leibundgut von Swiss Life Deutschland kommt es darauf an, sich einfach auszudrücken und sicherzustellen, dass das Thema relevant ist. «Wir bemühen uns sehr, die Dokumente, in denen die Funktionsweise unserer Produkte und Services erläutert wird, einfacher zu gestalten und auch die Produktbedingungen zu vereinfachen. Wir schulen unabhängige Vermittler sowie unsere eigenen Finanzberater und Mitarbeiter darin, Finanz- und Versicherungslösungen anschaulich zu erklären und aufzuzeigen, worin konkret der individuelle Mehrwert für den Kunden liegt.»

Nur wenn die Produkte und die Ausdrucksweise verständlich sind, ist es realistisch, dass sich Menschen für Finanzkompetenz interessieren. Transparenz, Einfachheit und Fairness sind entscheidende Voraussetzungen für die Verbesserung der Finanzkompetenz – und somit auch dafür, dass Bürger ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können.

Definition von Finanzkompetenz
Kombination aus Bewusstsein, Wissen, Fähigkeiten, Einstellung und Verhalten, die notwendig ist, um fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen und letztlich für das eigene finanzielle Wohl zu sorgen.
Quelle: OECD