Mit zunehmender Lebenserwartung wird es immer wichtiger, die mittlere Lebensphase erfolgreich zu bewältigen. Die Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello über die unterschätzte Midlife-Crisis und ihre Relevanz für ein gutes Altern.

Der Begriff Midlife-Crisis wurde bereits 1957 vom kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques geprägt. Trotzdem titelte die New York Times erst kürzlich: «Die Midlife-Crisis ist sehr real und nichts, über das man scherzen sollte.» Nehmen wir das Phänomen zu wenig ernst?
Tatsächlich wurde das Thema Midlife-Crisis in der Entwicklungspsychologie lange Zeit vernachlässigt. Medial wurde es sehr klischiert und lächerlich dargestellt, als Eitelkeits-Phänomen des graumelierten Playboys auf dem Motorrad, mit der jungen Geliebten auf dem Rücksitz. Aber mit der steigenden Lebenserwartung rückt die mittlere Lebensphase – gemeint sind damit heute die Jahre zwischen 40 und 55 – zunehmend in den Fokus der Forschung. Und sie wird endlich als das betrachtet, was sie ist: als eine sehr krisenanfällige Übergangsphase mit der niedrigsten Lebenszufriedenheit.

Ab wann sinkt die Lebenszufriedenheit?
Etwa ab Ende 30, Anfang 40. Ab Mitte 50 geht es wieder aufwärts. Diese U-Kurve des Glücks haben Forscherinnen und Forscher in vielen verschiedenen Kulturen entdeckt. In Europa erreichen die Menschen den Tiefpunkt der Lebenszufriedenheit mit 46 Jahren, in den Schwellenländern mit 43 Jahren. Viele Menschen kommen gut damit klar, aber immerhin jede bzw. jeder Fünfte leidet in dieser Phase zum Teil unter erheblichen psychischen Problemen.

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Wie wir die mittlere Phase unseres Lebens gestalten, ist entscheidend für ein gutes, selbstbestimmtes Altwerden.

Was sind die häufigsten Folgen?
Das Risiko einer Depression steigt in dieser Zeit signifikant – unabhängig von Geschlecht, Einkommen und Familienstand. Herzerkrankungen, Schlafprobleme und Alkoholmissbrauch nehmen zu. Die Phase zwischen Ende 40 und Anfang 50 ist auch jene mit den höchsten Suizid-, Burnout- und Scheidungsraten. Das ist nicht nur für die Betroffenen und ihr Umfeld sehr belastend, sondern auch ein grosser Kostentreiber im Gesundheitswesen, da es zu massiven Arbeitsausfällen kommen kann.

Handelt es sich hierbei um eine grosse Gesundheitskrise, über die niemand spricht?
Das könnte man so ausdrücken. Umso mehr, wenn man bedenkt, wie gross diese Bevölkerungsgruppe infolge des demografischen Wandels geworden ist. Mehr als ein Drittel der Menschen in der Schweiz sind zwischen 40 und 64 Jahre alt. In Deutschland und Frankreich sowie in den meisten anderen Ländern Mitteleuropas sieht es ähnlich aus.

Woher kommt dieses grosse Unbehagen in der Mitte des Lebens? Mit 40 befinden sich doch die meisten Menschen auf ihrem Zenit.
Die Säulen Gesundheit, Arbeit und Beziehung, auf denen wir unser Leben in der ersten Lebenshälfte aufbauen, geraten ab dem 40. Altersjahr häufig ins Wanken: Unser Körper macht eine hormonelle Veränderung durch und die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Beruflich gehört man immer früher zum «alten Eisen» und in der Familie kommt es zu Veränderungen: Die Kinder werden langsam flügge, während die eigenen Eltern zunehmend auf Hilfe angewiesen sind und versterben. Von den 40- bis 45-Jährigen haben noch mehr als die Hälfte beide Elternteile, zehn Jahre später gilt das nur noch für 20 Prozent. Es ist eine turbulente und anstrengende Zeit, die häufig im Gefühl mündet, gelebt zu werden, anstatt zu leben.

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Gut zu altern, ist nicht nur ein biologisches oder ein gesellschaftliches Schicksal, sondern vor allem eine Frage der individuellen Selbstbestimmung.

Ist die Midlife-Crisis im Kern eine Selbstbestimmungskrise?
Ja, auch. Vor allem aber ist es eine Sinnkrise. Das Lebenszeitfenster wird kleiner und viele Menschen fragen sich: «War‘s das jetzt?» Hatten sie bis zu diesem Zeitpunkt noch klare Perspektiven und Ziele, so gehen diese in der Lebensmitte oft verloren. Vieles scheint erreicht und gleichzeitig wird uns schmerzlich bewusst, dass wir nicht mehr alle Pläne verwirklichen können. Manche plagt deshalb die Angst, zu viele Kompromisse eingegangen zu sein und das Leben nicht wirklich gelebt zu haben.

Sind Frauen und Männer gleichermassen betroffen?
Ja, es trifft beide Geschlechter, sie gehen aber unterschiedlich damit um. Frauen haben in der Regel ein stärkeres Beziehungsnetz, in dem sie früher und vermehrt über Probleme sprechen und nach Hilfe fragen. Männer warten oft zu lange ab, wenn sich Krisen anbahnen. Sie reagieren sich etwa mit Sport ab oder trinken Alkohol. Statt die Gründe für die Krise zu hinterfragen, versuchen sie diese eher auszusitzen. Das führt dann häufig zu explosiven Reaktionen und zu radikalen Brüchen im beruflichen Umfeld oder in der Beziehung.

Sie haben auch untersucht, wie man aus diesem Lebenstief wieder herausfindet. Was ist der Schlüssel?
Krisen sind immer auch ein Zeichen dafür, dass es eine Veränderung braucht. Die Unzufriedenheit in der mittleren Lebensphase erfüllt einen wichtigen Zweck: Sie gibt uns die Möglichkeit, uns neu zu erfinden. Entscheidend dafür ist neben einem guten sozialen Netzwerk vor allem die Fähigkeit zur Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit. Wer sich mit seiner Unzufriedenheit aktiv auseinandersetzt und sich mit anderen austauscht, ist zufriedener als jemand, der sich als Opfer der Umstände betrachtet.

Die Unzufriedenheit in der mittleren Lebensphase erfüllt einen wichtigen Zweck: Sie gibt uns die Möglichkeit, uns neu zu erfinden.

In den letzten 50 Jahren ist die Lebenserwartung in Europa um fast zehn Jahre gestiegen. Hat sich dadurch die Lebensmitte verändert?
Die zentralen Herausforderungen sind gleichgeblieben; die hormonellen Umstellungen finden immer noch im selben Alter statt, die Eltern werden nach wie vor alt und die Altersguillotine auf dem Arbeitsmarkt droht sogar eher früher als später. Aber die gute Nachricht lautet: Nie zuvor hatten die Menschen so gute Möglichkeiten, ihr Leben neu zu gestalten. Früher war man mit 50 Jahren bereits uralt, heute hat man im Schnitt bei guter Gesundheit noch rund 30 Jahre vor sich. Sich zu trennen oder beruflich umzusatteln, ist gesellschaftlich viel besser akzeptiert. Die Ausgangslage ist damit einfacher geworden.

Ab Mitte Fünfzig steigt die durchschnittliche Lebenszufriedenheit wieder an. Inwiefern beeinflusst die Art und Weise, wie wir unser Leben zwischen 40 und 55 gestalten, die zweite Lebenshälfte?
Wie wir die mittlere Phase unseres Lebens gestalten, ist entscheidend für ein gutes, selbstbestimmtes Altwerden. Wer sich mit 45 vernünftig ernährt, wird das mit grosser Wahrscheinlichkeit auch 20 Jahre später noch tun. Wer mit 48 chronisch unzufrieden ist, wird das vermutlich auch mit 70 Jahren noch sein.
Wir sollten uns einen Lebensstil aneignen, der auf Stimulation ausgerichtet ist, und zwar auf der kognitiven, emotionalen, sozialen und körperlichen Ebene. Das heisst, es lohnt sich, ein Leben lang unser Gehirn zu beschäftigen, intime und soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen und körperlich aktiv zu sein. Dabei gilt: lieber früh als spät, aber auch lieber spät als gar nicht.

Worin liegt das Geheimnis für Glück bis ins hohe Alter?
Analysiert man die Lebensläufe der sogenannten «Happy Survivors» – also der gesunden und zufriedenen Hochbetagten – stellt man immer wieder fest: Es handelt sich in der Regel um Männer und Frauen, die in der Lebensmitte gelernt haben, sich freizumachen von dem, was andere sagen oder was gerade Mode ist. Sie sind selbstbestimmt ihren eigenen Weg gegangen. In der ersten Lebenshälfte müssen wir oft noch zahlreiche Kompromisse eingehen, in der zweiten Lebenshälfte dagegen weniger. Das ist eine der grossen Chancen, die sich uns in der Lebensmitte bieten: Gut zu altern ist nicht nur ein biologisches oder ein gesellschaftliches Schicksal, sondern vor allem eine Frage der individuellen Selbstbestimmung.

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Pasqualina Perrig-Chiello

Pasqualina Perrig-Chiello (71) ist eine Schweizer Entwicklungspsychologin und führende Expertin in der europäischen Altersforschung. Die emeritierte Professorin der Uni Bern erforscht seit Jahrzehnten biografische Übergänge, Generationenbeziehungen und auch das Wohlbefinden und die Gesundheit über die verschiedenen Lebensphasen. Sie hat dazu bereits mehrere Werke verfasst und Anfang Februar 2024 erscheint ihr neuestes Buch «Own your age. Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte» (Beltz Verlag).

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