Vom Finanzunternehmer zum Wildtierschützer und erfolgreichsten Schweizer Instagrammer: Dean Schneider lebt im südafrikanischen Reservat «Hakuna Mipaka Oasis» seinen Traum. Woher nimmt er den Mut für ein selbstbestimmtes Leben? Und wie lernt man, mit Löwen zu kommunizieren?

Sie haben mit 24 Jahren Ihre Finanzberatungsfirma mit 45 Angestellten aufgegeben, um im Busch von Südafrika ein Wildtierreservat aufzubauen. Wie kam das?
Die Tierwelt hat mich schon von klein auf fasziniert. Wir hatten daheim stets viele Haustiere und als ich als Sechsjähriger die Wildlife-Sendungen des legendären «Crocodile Hunter» Steve Irwin sah, zogen mich auch die Wildtiere in ihren Bann – ganz egal, ob klein oder gross, ob harmlos oder gefährlich.

Trotzdem wurden Sie nicht Tierarzt oder Zoowärter, sondern Finanzberater.
Ja. Ich war von Geld getrieben und baute eine eigene Firma auf. Ich hatte alles, wonach unsere moderne Gesellschaft strebt: Erfolg, Karriere, Geld – sogar einen Ferrari und einen Maserati. Aber schon bald befriedigte mich das nicht mehr. Ich wollte etwas Emotionaleres. Ich wollte eine Aufgabe, die mich innerlich erfüllt.

Vom selbstbestimmten Leben träumen die meisten Menschen, wie auch eine aktuelle Umfrage von Swiss Life zeigt. Woher nahmen Sie den Mut, Ihren Traum zu leben?
Die Basis von Selbstbestimmung ist Leidenschaft. Bei mir war der finale Auslöser für meine Leidenschaft ein Firmenausflug nach Südafrika, wo ich wilden Tieren erstmals näherkam. Bei der ersten Berührung eines Löwen passierte etwas mit mir, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Auf dem Rückflug in den Zürcher Betondschungel fühlte ich mich fehl am Platz und hatte plötzlich Tränen in den Augen. Mir wurde klar: Ich habe nur ein Leben. Ich will die Zeit so sinnvoll wie möglich nutzen und meine Energie in etwas stecken, an das ich wirklich glaube. Zwei Jahre später gab ich mein Leben in der Schweiz auf und gründete mein Wildtierreservat in Südafrika.

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Bei der ersten Berührung eines Löwen passierte etwas mit mir, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt.

Wie reagierte Ihr Umfeld?
Mit blankem Unverständnis. Aber klar, jetzt wo der Erfolg da ist, haben es alle von Anfang an gewusst (lacht).

Seit 2017 leben Sie auf Ihrem Reservat «Hakuna Mipaka Oasis» mit mehreren Tausend Tieren, darunter Impalas, Kudus, Zebras, aber auch Hyänen, Schlangen und Raubkatzen. Kann man mit allen Tieren eine soziale Beziehung aufbauen?
Es gibt Arten, mit denen das sehr schwierig ist. Grundsätzlich sind gejagte Tiere wie Erdmännchen schreckhafter als die Jäger. Aber auch unter den Jägern gibt es grosse Unterschiede. So sind Leoparden oder auch Gepardenweibchen hundertprozentige Einzelgänger. Die engste Beziehung erlauben Rudeltiere wie Affen, Hyänen oder Löwen. Wobei das Sozialverhalten der Hyänen wiederum viel komplexer ist als jenes von Löwen. Die Könige der Tiere bringt fast nichts aus der Ruhe.

Wie lernten Sie, mit den sechs Löwen Ihres Rudels zu kommunizieren?
Dafür gibt es kein Handbuch, sondern nur «Learning by doing». Ich habe die Löwen beobachtet und ihre Körpersprache gelernt. Ich pflege eine «Tier-Tier-Beziehung», wie ich das nenne. Ich kommuniziere und verhalte mich nicht wie ein Mensch, sondern wie sie. Zur Begrüssung gehe ich auf die Knie und drücke den eigenen Kopf gegen den ihren.

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Sollten mich die Löwen angreifen, dann ist das ganz allein mein Fehler – dann habe ich ihnen nicht richtig zugehört.

Was sind Sie für die Löwen: Freund, Vater, Rudelführer?
Die Rolle des Rudelführers gehört dem Stärksten und das ist Dexter. Als die Löwen noch ganz jung waren, war ich so etwas wie der Vater und inzwischen sehen sie mich wohl eher als einen Bruder. Wobei sie mich nicht genau gleich behandeln wie ihresgleichen. Beim Raufen zum Beispiel nutzen sie nur fünfzig Prozent ihrer Kraft und die Klauen bleiben glücklicherweise meistens drin.

Trotzdem lassen uns einige Ihrer viral gegangenen Videos den Atem stocken. Etwa wenn ein 200-Kilo-Löwe auf Sie springt. Wie reagieren Sie in brenzligen Situationen?
Gelegentlich wollen mich die Löwen testen und schauen, wie viel ich mitmache. Oder ich gerate in einen Streit unter ihnen. Aber in der Regel kündigt sich die Gefahr an, denn Löwen kommunizieren immer: mit jedem Ton, mit jeder Geste, mit jedem Blick. Je nach Situation laufe ich dann weg oder signalisiere mit Geräuschen, dass sie eine Grenze überschritten haben. Manchmal muss ich mich auch körperlich verteidigen, indem ich ihnen einen Klaps gebe oder sie wegschubse.

Ihr Vorbild Steve Irwin starb 2006 bei Unterwasseraufnahmen an den Folgen des Stichs eines Stachelrochens. Tragen Sie für den Notfall eine Waffe auf sich?
Nein, wozu auch? Wenn sie mich erledigen wollen, dann geht das sowieso viel zu schnell. Zudem lässt sich das nicht vergleichen: Steve war nicht Teil der Rochenfamilie, aber ich gehöre zum Löwenrudel. Meine Tiere würden mich niemals grundlos angreifen. Sollte es trotzdem einmal dazu kommen und sollten sie mich töten, dann ist das ganz allein mein Fehler – dann habe ich ihnen nicht richtig zugehört und ihre Signale falsch interpretiert.

Auf Social Media sind Ihre faszinierenden Fotos und Videos ein Hit, Sie haben sogar mehr Instagram-Follower als Roger Federer. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Ich bin authentisch, ich zeige mein echtes Leben, nichts ist gespielt. Zudem bin ich jung und versuche nicht bierernst und allzu pädagogisch rüberzukommen. Mir geht es aber immer um eine Balance zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung. Ich zeige nicht nur Kuschelvideos, sondern auch Fütterungen, in denen die Löwen ein ganzes Zebra fressen. Ich versuche, über die Tiere und ihre Fähigkeiten aufzuklären und die Menschen für das Artensterben und den Tierschutz zu sensibilisieren. Um noch mehr Publikum zu erreichen, produziere ich gerade eine Miniserie über mein Leben.

Kürzlich waren Sie sogar Gast in der berühmten US-Talkshow von Ellen DeGeneres, die Ihnen einen 10’000-Dollar-Check überreichte.
Das war toll, hat aber nicht mein Leben verändert. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass man durch andere Celebrities berühmt wird. Viel wichtiger ist guter Content. Mit einem guten Video gewinne ich über Nacht 40’000 neue Follower.

Finanziert sich das Reservat ausschliesslich durch Social Media?
Nein. Mit Instagram verdiene ich keinen Rappen, weil ich keine Marken-Deals mache wie die Influencer. Mit dem Youtube-Kanal verdiene ich je nach Klickzahlen ein paar tausend Franken pro Monat. Aber meine Haupteinnahmequelle für das Tierfutter und die Löhne der 14 Mitarbeitenden sind Spenden. Leider merken wir momentan die Folgen der Pandemie, die Leute haben weniger Geld zur Verfügung.

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Das Zusammenleben mit den Tieren hat mich gelehrt, die Menschen zu akzeptieren, wie sie sind – und nicht wie ich sie gerne hätte.

Warum bieten Sie keine Safaris an?
Weil diese 400 Hektaren Land allein den Tieren gehören. Es ist eine Oase, die ihnen ein schönes, lebenslanges Zuhause gibt. Ein Teil des Reservats ist für in Gefangenschaft geborene Tiere reserviert, die aus teilweise desaströsen Bedingungen gerettet wurden. Das restliche Land ist für wilde Tiere da, die in Freiheit leben.

Was sagen Sie zur Kritik, Sie würden Ihre Tiere «vermenschlichen»?
Kritiker gibt’s immer, besonders im Internet. Aber ich vermute, die meisten von ihnen sind noch nie einem Löwen gegenübergestanden. Statt auf die absurden, weltfremden Vorwürfe einzugehen, stecke ich meine Zeit und Energie lieber in meine Mission.

Wie hat Sie das Leben unter Tieren verändert?
Ich fühle ich mich gesünder, seit ich so oft in der Natur bin. Ich brauche viel weniger Schlaf, da ich gedanklich und körperlich ganz in meinem Element bin und endlich etwas aus innerer Überzeugung tue. Und schliesslich hat mich das Zusammenleben mit den Tieren auch gelehrt, die Menschen mit deren Augen zu sehen. Sie zu akzeptieren, wie sie sind – und nicht wie ich sie gerne hätte.



Das Wildtierreservat «Hakuna Mipaka Oasis» wird durch die «Dean Schneider Foundation» finanziert, die die Bedeutung von einem gesunden Ökosystem hervorheben und das Bewusstsein für die Natur und die Tierwelt schärfen will. Mehr Informationen darüber und die Möglichkeit, zu spenden, finden Sie hier.

All Photos: © Dean Schneider

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Dean Schneider

Dean Schneider (29) wuchs in Dübendorf bei Zürich auf und gründete mit 20 ein erfolgreiches Finanzberatungsunternehmen. 2017 verkaufte er die Firma, um in Südafrika das Wildtierreservat «Hakuna Mipaka Oasis» aufzubauen. Mittlerweile leben auf den 400 Hektaren Land mehrere Tausend Tiere und über 250 verschiedene Arten. Sein intimes Leben mit den Tieren dokumentiert Dean Schneider in den sozialen Medien mit faszinierenden Bildern und Videos, die ihn international bekannt gemacht haben. Mit 9,9 Millionen Instagram-Followern schlägt er inzwischen sogar Roger Federer (8,8 Millionen) und ist damit der erfolgreichste Schweizer Social Media-Persönlichkeit.

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