Je mehr Frauen erwerbstätig sind, desto wohlhabender ist ein Land. Das belegt die Ökonomin Linda Scott in ihrem neuen Bestseller «Das weibliche Kapital». Und sie ist überzeugt: Finanzielle Unabhängigkeit sei der Schlüssel für weibliche Selbstbestimmung.

Frauen stellen nicht nur die Hälfte der Menschheit, sie sind auch für die Hälfte des Weltbruttoinlandsprodukts und der Nahrungsmittelversorgung verantwortlich. Und trotzdem werden Frauen in der Wirtschaft bis heute weltweit benachteiligt. Je nach Weltregion reicht diese Diskriminierung von einem Lohngefälle zwischen den Geschlechtern bis hin zur Enteignung von Gütern und des eigenen Körpers. Das Resultat: Durch die ungleiche Bezahlung und den ungleichen Zugang zu wirtschaftlicher Partizipation der Geschlechter gehen der globalen Wirtschaft jedes Jahr 160 Billionen Dollar verloren.

Das schreibt Linda Scott in ihrem Lebenswerk «Das weibliche Kapital» und plädiert darin für die globale wirtschaftliche Ermächtigung der Frauen. Die renommierte Oxford-Ökonomin ist überzeugt: «Finanzielle Unabhängigkeit ist der Schlüssel für weibliche Selbstbestimmung.» Und sie sagt: «Gleichberechtigung ist kein Luxusprojekt, sondern Grundlage unseres Wohlstandes. Wenn wir die Frauen wirtschaftlich ermächtigen, gewinnen wir alle.» Im Interview hat Linda Scott acht Vorschläge zur wirtschaftlichen Stärkung der Frauen genannt.

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Finanzielle Unabhängigkeit ist der Schlüssel für weibliche Selbstbestimmung.

1. Durchsetzung der Lohngleichheit
«Die Gerichte in Europa und Nordamerika haben es durchwegs versäumt, die Gesetze zur Lohngleichheit aufrechtzuerhalten und die Last der Durchsetzung den Frauen aufgebürdet. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass Frauen gewinnen, wenn sie sich dazu entscheiden, einen Fall vor Gericht zu bringen. Und das finanzielle Risiko eines Misserfolgs macht eine solche Klage für die meisten unerschwinglich. Arbeitgeber können es sich also leisten, Frauen weniger zu bezahlen, weil sie mit grösster Wahrscheinlichkeit keine Konsequenzen zu befürchten haben. Aber letztendlich sind meiner Meinung nach die Regierungen Schuld und sollten zur Verantwortung gezogen werden.»

2. Aufbau einer universellen Kinderbetreuung
«In den entwickelten Ländern tragen Frauen etwa 40 Prozent zum gesamten BIP bei. Und doch machen es diese Gesellschaften den Frauen schwer, zu arbeiten. Das grösste Hindernis für eine wirtschaftliche Partizipation von Frauen ist die Kinderbetreuung. Der Aufbau eines universellen, qualitativ hochwertigen Betreuungssystems bedeutet daher genauso eine Investition in die wirtschaftliche Infrastruktur wie der Bau von Strassen und Flughäfen. Durch ein solches System könnten mehr Frauen mehr arbeiten, was die Wirtschaft signifikant stimulieren und das Steueraufkommen erhöhen würde. Der Zuwachs wäre also mehr als gross genug, um die Investition zurückzubezahlen.»

3. Ein soziales Sicherheitsnetz für nicht arbeitende Mütter
«Eine Frau, die ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit aufgibt, um sich allein auf den männlichen Haushaltsvorstand zu verlassen, wirft meines Erachtens den wirtschaftlichen Wert ihrer Ausbildung weg, macht sich selbst viel anfälliger für eine Zukunft in Armut und öffnet sich einer höheren Wahrscheinlichkeit von häuslicher Gewalt. Die Forschung zeigt eindeutig, dass es Kindern besser geht, wenn ihre Mütter arbeiten. Wenn wir trotz dieser Tatsachen glauben, dass es für Familien besser ist, wenn Frauen zu Hause bleiben, dann sollten wir bereit sein, Frauen, die zu Hause bleiben, für ihre Aufopferung und ihre Leistung zu entschädigen.»

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Gleichberechtigung ist kein Luxusprojekt, sondern Grundlage unseres Wohlstandes. Wenn wir die Frauen wirtschaftlich ermächtigen, gewinnen wir alle.

4. Raus aus der Home-Office-Falle (oder: Abschied von der Home-Office-Illusion)
«Wie die meisten Menschen habe auch ich lange gedacht, dass die Arbeit von zu Hause aus viele Probleme für Mütter lösen würde, die ihre Karriere aufrechterhalten wollen. Doch die Erfahrung mit Corona hat meine Meinung geändert. Als die Schulen geschlossen wurden, übernahm ich die 24/7-Betreuung meiner vierjährigen Enkelin, damit meine Tochter, die Ärztin in der Notaufnahme ist, weiterarbeiten konnte, ohne uns dem Virus auszusetzen. Es blieb mir kaum Zeit, E-Mails zu beantworten, geschweige denn, mich mit einem komplexen Forschungsprojekt zu beschäftigen. Und ehrlich gesagt war ich so müde, dass ich jeden freien Moment zum Schlafen nutzen wollte. Es wurde schmerzlich deutlich, dass es ein grausamer Scherz ist, von einer Frau zu erwarten, dass sie sich um Haus und Kinder kümmert und gleichzeitig in einem Vollzeitjob leistungsfähig bleibt. Sicherlich werden wir uns nach dieser Pandemie von der Illusion verabschiedet haben, dass Home-Office die wirtschaftliche Kluft zwischen den Geschlechtern lösen wird.»

5. Mehr gemischtgeschlechtliche Teams
«Gemischtgeschlechtliche Teams sind erfolgreicher. Warum? Die Investitionstendenzen von Männern und Frauen ergänzen sich gegenseitig. Die Forschung zeigt, dass Frauen mehr auf die langfristigen Vorteile einer Investition achten als auf die kurzfristigen Gewinne, denen die Märkte traditionell nachjagen. Ein geschlechtergerechtes Arbeitsumfeld verhindert auch, dass unerwünschter Verbrüderungsdruck Entscheidungen verzerrt. Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen der Gender-Performance eines Unternehmens und seinem finanziellen Wert. So übertraf der Bloomberg-Gender-Equality-Index für Finanzunternehmen 2019 die Bloomberg-Financial-Service-Indizes sowie die MSCI-Financial-Indizes. Das zeigt: Geschlechtergerechte Unternehmen sind auch die besseren Investments.»

6. Mehr Geschäftskredite für Frauen
«In den USA, wie auch in den meisten anderen Ländern, sind Frauen im Unternehmensbesitz unterrepräsentiert. Frauen besitzen dort etwa ein Drittel aller Unternehmen, aber sie erhalten weniger als 5 Prozent der herkömmlichen Geschäftskredite. Als direkte Folge des ungleichen Zugangs zu Kapital sind nur 16 Prozent der Arbeitgeber und nur 10 Prozent der wachstumsstarken Firmen in Frauenhand. Diese Lücke bedeutet weniger Arbeitsplätze und weniger Steuereinnahmen, als es sein könnten, wenn die Banken (und andere Investoren) nicht von geschlechterspezifischen Investitionskriterien geleitet würden. Ein grosser Schritt in Richtung positiver Veränderung wäre es, den Banken zu erlauben, Daten über die geschlechterspezifische Zusammensetzung ihres Kundenstamms zu sammeln und dann eine öffentliche Berichterstattung über ihre Entscheidungen nach Geschlecht zu verlangen.»

Der einzige Bereich in der Weltwirtschaft, in dem Frauen nahezu die totale Kontrolle haben, ist der Konsum.

7. Mehr Landbesitz für Frauen
«Die eingeschränkte Kontrolle von Frauen über Kapital wurzelt in einem weltweiten strukturellen Ausschluss. 4000 Jahren war es Frauen, meist per Gesetz, verboten, Land zu besitzen. Dieser Ausschluss war so mächtig, dass Männer heute mehr als 80 Prozent der weltweiten Fläche besitzen. Der ungleiche Zugang zu Land verringert das Bruttoinlandsprodukt in landwirtschaftlichen Volkswirtschaften um etwa 3 bis 4 Prozent, was die Armut verewigt und erheblich zur Ernährungsunsicherheit beiträgt. Die UNO schätzt, dass wir 150 Millionen chronisch hungernde Menschen auf der Welt ernähren könnten, wenn wir die Bedingungen für Frauen beim Landbesitz ausgleichen würden.»

8. «Nutzt eure Konsumkraft!» (oder: die 80-Prozent-Weihnachtsstrategie)
«Der einzige Bereich in der Weltwirtschaft, in dem Frauen nahezu die totale Kontrolle haben, ist der Konsum. In den westlichen Nationen treffen Frauen über 70 Prozent der Kaufentscheidungen. Ihre Macht wird besonders in der Weihnachtszeit sichtbar, in der die Vorbereitungen für die Feiertage und der Kauf von Geschenken fast ausschliesslich unter weiblicher Kontrolle stehen. Und die westlichen Volkswirtschaften sind in erheblichem Masse auf das Weihnachtsgeschäft als Quelle des Wachstums angewiesen. Deshalb schlage ich vor, dass sich die Frauen dieser Länder zusammenschliessen und ihre Ausgaben in der Weihnachtszeit um jeweils 20 Prozent reduzieren (daher die ‹80-Prozent-Weihnachtsstrategie›). Dies sollen sie jedes Jahr tun, bis das geschlechtsspezifische Lohngefälle endlich geschlossen ist. Ich schlage vor, dass die Kampagne mit Weihnachten in den westlichen Ländern beginnt und dann durch andere wichtige kulturelle Feiertage wie das Mondneujahr, Diwali, Ramadan und Chanukka um die Welt rollt.»

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Linda Scott

Linda Scott ist emeritierte Professorin für Entrepreneurship und Innovation an der Universität Oxford. Sie ist für ihre jahrzehntelange Forschung zur wirtschaftlichen Rolle der Frauen rund um den Globus vom Prospect Magazine zweimal unter die Top 25 of Global Thinkers gewählt worden. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit berät sie UN-Panels, Think Tanks und international tätige Unternehmen. Mit «Das weibliche Kapital» (Hanser Verlag) hat sie 2020 ihr Lebenswerk vorgelegt. Das Buch wurde inzwischen bereits in 12 Sprachen übersetzt.

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