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«Die Folgen der steigenden Lebenserwartung werden in fast allen Lebensbereichen unterschätzt»

Fortschritte in Medizin und Technologie und ein wachsendes Bewusstsein für die Vorteile einer gesünderen Lebensweise sorgen dafür, dass in Europa viele Menschen weit über 80 oder gar 90 Jahre alt werden. Doch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklung werden stark unterschätzt. Patrick Frost, CEO der Swiss Life-Gruppe, spricht im Interview über das grundlegende Bedürfnis des Menschen, dieses längere Leben selbstbestimmt und in Würde zu gestalten. Er zeigt auch neue Perspektiven zur Debatte über den Anstieg der Lebenserwartung auf und äussert sich optimistisch über ein erfülltes Leben im Alter.

Warum müssen wir über die längere Lebenserwartung neu nachdenken?

Meiner Ansicht nach werden die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der steigenden Lebenserwartung in fast allen Lebensbereichen enorm unterschätzt. Das Thema ist aber zentral, denn wir Menschen haben das grundlegende Bedürfnis, selbstbestimmt und in Würde zu leben.

Das Besondere an der steigenden Lebenserwartung ist, dass sie uns alle betrifft. Wir sprechen hier von einem weltweiten Phänomen, das uns als Individuen wie auch als Familienmitglieder gleichermassen betrifft und starke Auswirkungen auf Staat und Wirtschaft hat.

Über die negativen Aspekte der Langlebigkeit – die Verteilung des Wohlstands, die Überlastung des Staates – hat die Öffentlichkeit schon viel berichtet. Fakt ist aber auch, dass wir gesünder und länger leben. Der Anstieg der Lebenserwartung ist somit eine positive Entwicklung.

Was bedeutet es für Sie, ein längeres, selbstbestimmtes Leben zu führen?

Sich auf ein längeres Leben vorzubereiten, bedeutet, vorauszuplanen, um seine eigenen Ziele zu erreichen und das zu tun, was man sich wünscht. Es liegt an uns, die Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen. Wir müssen früh die richtigen Vorbereitungen treffen, um davon dann zu profitieren, wenn wir älter sind.

Ich denke eine wichtige Aufgabe für jeden von uns ist, dass wir für ein sozial aktives Leben im Alter sorgen und dafür stabile Beziehungen aufbauen. Auch sollten wir auf unsere Gesundheit achten. Wir müssen selbst auf eine gute Zukunft hinarbeiten, und die Basis dafür bilden sicherlich auch positive Erinnerungen an die Vergangenheit.

Als Finanzinstitut nimmt Swiss Life eine wichtige Rolle in der Gesellschaft ein, da wir mit unserem Angebot darauf abzielen, dass der Einzelne über die finanziellen Mittel verfügt, um sein Leben wirklich selbstbestimmt bis ins hohe Alter geniessen zu können. Mit anderen Worten sorgen wir dafür, dass unsere Kunden ihr langes Leben so führen können, wie sie es sich vorstellen.

Was mich als Privatperson angeht: Ich mache mir natürlich Gedanken darüber, dass die Generation meiner Töchter – die älteste ist erst zwei – in einer vollkommen anderen Welt alt werden wird. Ich wünsche mir, dass meine Töchter im Rückblick erkennen werden, dass die Generation ihrer Eltern als erste den Rahmen geschaffen hat, um ein längeres, selbstbestimmtes Leben zu unterstützen und zu ermöglichen.

«Ich mache mir natürlich Gedanken darüber, dass die Generation meiner Töchter – die älteste ist erst zwei – in einer vollkommen anderen Welt alt werden wird.»

Vor welchen Hindernissen stehen die Europäer heute, wenn sie ein längeres, selbstbestimmtes Leben vorbereiten und geniessen wollen?

In Europa haben wir in der Regel feste Vorstellungen davon, wann wir in den Ruhestand treten wollen. Für die meisten Menschen ist das früher als das übliche, vom Staat festgesetzte Rentenalter. 

Der Wunsch, möglichst früh aus dem Arbeitsleben auszutreten, ist aber eines der grössten Hindernisse für ein längeres, selbstbestimmtes Leben, denn wer weniger lange arbeitet, kann auch weniger lange sparen. Einer der wichtigsten Aspekte für ein langes, glückliches Leben im Alter ist, dass man sich weiter in die Gesellschaft einbringt, und das heisst oft, auch weiter berufstätig zu sein.

Allerdings ist das in der Regel nicht so einfach. Der Staat trennt streng zwischen Arbeitsleben und Ruhestand. Ausserdem orientieren wir uns oft an unseren Eltern, die sich vielfach auch frühzeitig aus der Arbeitswelt zurückgezogen haben.

Wir haben aber jetzt die grosse Chance, diese Hindernisse in der Arbeitswelt zu überwinden, da die Gesellschaft immer mehr wahrnimmt, dass wir Menschen in der Lage sind, länger zu arbeiten. Zudem gibt es in vielen Bereichen der Wirtschaft kaum noch körperliche Arbeit, sodass das Alter kein Hindernis für eine Weiterbeschäftigung sein sollte.

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Patrick Frost betont, dass der Anstieg der Lebenserwartung eine positive Entwicklung ist.

An welchen Ländern können wir uns orientieren, wenn es darum geht, die Menschen bei der Vorbereitung auf ein längeres Leben zu unterstützen?

Die Schweiz ist bei der Förderung einer Kultur des langfristigen Sparens sehr erfolgreich. Hier geben der Staat und das System der beruflichen Vorsorge Anreize, damit die Menschen auch mit über 65 Jahren weiter sparen.

Ein weiteres Beispiel sind die nordischen Länder, die die Menschen schrittweise auf ein längeres Arbeitsleben vorbereiten, indem sie die Beiträge an die durchschnittliche Lebenserwartung koppeln. Dasselbe gilt für Grossbritannien und die USA, wo flexible Arbeitsgesetze die Beschäftigung älterer Menschen erleichtern.

Insgesamt gesehen ist das Bild allerdings nicht so positiv: In vielen Ländern sind die öffentlichen Finanzen aus dem Gleichgewicht geraten. Die Staaten sind überfordert und können die finanziellen Herausforderungen der steigenden Lebenserwartung kaum bewältigen. Gerade da, wo die Staatsfinanzen so unter Druck stehen, ist es umso wichtiger, die Verantwortung für die Vorsorge in die eigene Hand zu nehmen.

Von wem sollten sich die Rentner von morgen bei der Vorbereitung auf einen längeren Ruhestand helfen lassen?

Viele Menschen verlassen sich im Leben auf die Unterstützung von Familie und Freunden, aber wenn es um finanzielle Dinge geht, holen sie sich ihre Hilfe eher ausserhalb dieses Netzwerks.

Finanzdienstleister sind bei der Planung eines längeren, selbstbestimmten Lebens eine wichtige unabhängige Anlaufstelle. Wir können den Menschen helfen, ihre künftigen Ziele aktiv zu erreichen, indem wir langfristige Finanzpläne erstellen und aufzeigen, wie es sich künftig auszahlt, wenn sie jetzt sparen.

Ausserdem sehen wir unsere Aufgabe in der Aufklärung, denn wer über finanzielle Zusammenhänge Bescheid weiss, trifft auch bei der Vorsorge für ein längeres Leben leichter die richtigen Entscheidungen.

Was braucht es denn eigentlich konkret, um ein längeres Leben vorzubereiten und geniessen zu können?

Letztlich geht es dabei immer um Vertrauen.
Sparer brauchen Vertrauen in eine solide Rechtsordnung, die sicherstellt, dass beispielsweise gemachte Zusagen während der gesamten Lebensdauer einer Pensionskasse auch eingehalten werden. Die Finanzbranche muss dieses Streben nach Vertrauen und Sicherheit sehr ernst nehmen.

Mit zunehmendem Alter verändert sich auch die Bereitschaft und Fähigkeit der Menschen, sich um finanzielle Angelegenheiten zu kümmern. Darauf müssen Finanzdienstleister mit entsprechender Beratung und geeigneten Produkten reagieren. Wir müssen den Kunden Instrumente an die Hand geben, die sich daran orientieren, welche Kompetenzen bestehen und in welcher Phase der Vermögensbildung sie sich befinden.

Die Finanzbranche bietet seit Jahrhunderten Produkte an, die die Kunden im Alter absichern sollen. Wie muss die Branche ihr Verständnis von Langlebigkeit und Selbstbestimmung ändern, um der aktuellen Lage der Menschen in Europa heute besser gerecht zu werden?

Im Grunde ändert sich an unserer Tätigkeit nichts: Wir sorgen dafür, dass Menschen im Ruhestand finanziell abgesichert sind. Aber wir sprechen die Menschen anders an. Wir reden über die Chancen und stellen die positiven Aspekte des längeren Lebens in den Vordergrund.

Wir weisen noch immer auf künftige Einkommenslücken und mögliche Risiken hin, aber wir zeigen den Menschen auch, was sie zusätzlich tun können, um länger finanziell unabhängig leben zu können. Wir entwickeln Produkte, die für die Generation von heute relevant sind, bieten mehr Flexibilität und arbeiten mit anderen Unternehmen zusammen, um für verschiedenste Bedürfnisse die richtigen Lösungen zu finden. Auch Erbschaftsplanung und Steuerberatung werden immer wichtiger. Das betrifft nicht nur uns, sondern auch Rechtsanwälte und Finanzberater.

«Wir müssen den Kunden Instrumente an die Hand geben, die sich daran orientieren, welche Kompetenzen bestehen und in welcher Phase der Vermögensbildung sie sich befinden.»
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CEO der Swiss Life-Gruppe Patrick Frost erwähnt die wichtige Rolle von Swiss Life bei der Aufklärung der Kunden über finanzielle Zusammenhänge.

Welches sind die wichtigsten Ziele für Individuen, aber auch für Arbeitgeber, Politiker und Dienstleister, wenn es darum geht, dass die Europäer ein längeres, selbstbestimmtes Leben vorbereiten und geniessen können?

Die finanzielle Absicherung im Alter beginnt immer beim Individuum. Es liegt an uns, die letzten Jahrzehnte unseres Lebens selbst in die Hand zu nehmen, und wenn wir bei der Vorbereitung auf diesen Teil des Lebens Hilfe brauchen, sollten wir uns beraten lassen.

Die Arbeitgeber müssen die Hürden abbauen, die immer noch verhindern, dass Menschen länger arbeiten können, und die Politik muss die Beschäftigung über das normale Renteneintrittsalter hinaus fördern. 

Ausserdem muss die Politik einen Rechtsrahmen schaffen, der die Probleme einer alternden Gesellschaft richtig angeht und die dauerhafte Tragfähigkeit der europäischen Sozialversicherungssysteme sicherstellt. Wir brauchen ein breiteres kollektives Konzept für den Sozialvertrag.

Dienstleister wiederum, darunter auch die Versicherer, müssen neue Produkte, Dienstleistungen und Beratungskompetenzen entwickeln, die diesen gesellschaftlichen Wandel aufgreifen und den Menschen die Möglichkeit geben, ihre späteren Jahre sinnvoll zu planen und ihnen mit Zuversicht und Freude entgegenzublicken.

Wann rechnen Sie mit einem spürbaren Wandel der Einstellungen gegenüber dem Alter, sprich weg von einer negativen zu einer positiven Beurteilung der höheren Lebenserwartung?

Das geschieht teilweise schon jetzt. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass wir fast alle gewonnenen Jahre gesund verbringen können.

Swiss Life hat sich vorgenommen, das Thema des «längeren, selbstbestimmten Lebens» zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion zu machen. Wir wollen dafür sorgen, dass dieses Thema in der Gesellschaft die Aufmerksamkeit erfährt, die es angesichts seiner enormen Bedeutung für die Generation von heute verdient.

Als Finanzdienstleister stellen wir dabei natürlich die wirtschaftliche Seite des längeren, selbstbestimmten Lebens in den Mittelpunkt. Ich spreche hier aber nicht von einer negativen Betrachtung. Unser Ziel ist, dass die Menschen die vielen Möglichkeiten, die ein längeres Leben eröffnet, optimistisch betrachten. Wir helfen Menschen bei der Erreichung ihrer langfristigen Ziele. Das ist unsere Aufgabe. 

Interview: Gill Wadsworth / Bilder: Gerry Nitsch

 

«Als Finanzinstitut zielt Swiss Life darauf ab, dass der Einzelne über die finanziellen Mittel verfügt, um sein Leben wirklich selbstbestimmt bis ins hohe Alter geniessen zu können.»