Eine Langzeitstudie zeigt: Die Finanzkompetenz nimmt im Alter messbar ab. Ökonomin Olivia S. Mitchell erklärt, weshalb ältere Menschen anfälliger für Betrug werden, warum Frauen besonders betroffen sind und wie Familien frühzeitig gegensteuern können.

Frau Mitchell, Ihre neue Studie zur Finanzkompetenz im Alter setzt neue Standards. Was macht sie so besonders?
Zum ersten Mal konnten wir dieselben Menschen über viele Jahre hinweg begleiten und beobachten, wie sich ihre Finanz- und Gesundheitskompetenz mit dem Alter verändert. Frühere Studien haben Finanzkompetenz jeweils nur zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen. Unser Ansatz zeigt hingegen nicht nur Unterschiede zwischen Altersgruppen, sondern auch tatsächliche Veränderungen bei denselben Personen über die Zeit. Und wir sehen dabei ein sehr klares Muster: Sowohl bei Männern als auch bei Frauen nimmt die Finanzkompetenz mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab.

Wie stark ist dieser Rückgang?
Im Durchschnitt sinkt die Finanzkompetenz zwischen Ende 60 und Anfang 80 um 12 Prozent. Mich hat vor allem überrascht, wie konstant dieser Rückgang ist. Es ist kein plötzlicher Einbruch, sondern ein schleichender Leistungsabfall um etwa einen Prozentpunkt pro Jahr.

Ich habe das auch bei meiner eigenen Mutter erlebt: In ihren letzten Lebensjahren bezahlte sie plötzlich Rechnungen mehrfach oder verlängerte Zeitschriftenabos wiederholt, ohne es zu bemerken.

Weshalb wird der Rückgang besonders ab 80 Jahren sichtbar?
Nicht weil sich mit 80 plötzlich etwas verändert. Vielmehr summieren sich die Effekte des kognitiven Alterns über viele Jahre hinweg. Im hohen Alter werden die Folgen einfach deutlicher sichtbar. Finanzkompetenz wirkt wie ein Schutzschild. Wenn dieses jedes Jahr um etwa einen Prozentpunkt dünner wird, verlieren Menschen zunehmend die Fähigkeit, komplexe Entscheidungen zu treffen oder Warnsignale zu erkennen – etwa bei Anlagebetrug.

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Im Durchschnitt sinkt die Finanzkompetenz zwischen Ende 60 und Anfang 80 um 12 Prozent.

Verlieren die Menschen eher Wissen oder die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen?
Vor allem Wissen und Zahlenverständnis. Menschen verlieren mit zunehmendem Alter den sicheren Umgang mit grundlegenden Finanz- und Gesundheitsfragen. Besonders problematisch ist, dass ihnen selbst dieser Verlust oft nicht bewusst ist. Das Selbstvertrauen nimmt meist nicht im gleichen Mass ab. Im Gegenteil: Manche werden sogar selbstsicherer, obwohl ihre tatsächliche Leistung nachlässt. Das ist gefährlich, weil sie nicht erkennen, dass ihre Entscheidungen immer fehleranfälliger werden.

Woran können Angehörige erkennen, dass etwas nicht mehr stimmt?
Ein Warnsignal ist, wenn jemand plötzlich Mühe mit Berechnungen oder Finanzfragen hat, die früher problemlos bearbeitet werden konnten. Viele Betroffene merken das selbst nicht. Deshalb sind Vertrauenspersonen so wichtig, die solche Auffälligkeiten erkennen. Bei meiner Mutter war das mehrfache Bezahlen derselben Rechnungen ein erster Hinweis, genauer hinzuschauen.

Sie haben gemeinsam mit Annamaria Lusardi die «Big Three» der Financial Literacy entwickelt. Warum sind sie gerade im Alter so zentral?
Weil sie das Fundament jeder finanziellen Entscheidung bilden: Zinseszins, Inflation und Risikostreuung. Wer diese Konzepte nicht (mehr) versteht, kann unrealistische Renditeversprechen, versteckte Risiken oder betrügerische Angebote deutlich schwerer erkennen. Dadurch steigt die Anfälligkeit für Fehlentscheide und Finanzbetrug.

Und gleichzeitig werden die Betrugsmaschen immer raffinierter?
Absolut. Durch neue Technologien wie künstliche Intelligenz wirken Betrugsmaschen immer überzeugender. Menschen werden mit täuschend echten Stimmen, automatisierten Anrufen oder personalisierten Nachrichten konfrontiert. Gerade ältere Menschen sind besonders gefährdet, weil mit sinkender Finanzkompetenz auch die Fähigkeit abnimmt, solche Informationen kritisch zu prüfen.

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Frauen und Männer verlieren ihre Finanzkompetenz zwar ähnlich schnell, aber Frauen starten oft von einem tieferen Ausgangsniveau.

Was sind die grössten finanziellen Risiken im hohen Alter?
Drei Risiken stechen besonders hervor. Erstens irreversible Fehlentscheidungen, etwa wenn Vorsorgegelder zu früh bezogen werden. Zweitens ein falscher Umgang mit den Ersparnissen, sodass das Geld nicht bis zum Lebensende reicht. Viele unterschätzen das sogenannte Langlebigkeitsrisiko und rechnen nicht damit, deutlich älter zu werden als erwartet. Und drittens Betrug.

Das grösste Problem dabei: Im hohen Alter fehlt oft die Zeit, finanzielle Fehlentscheidungen oder finanzielle Verluste wieder auszugleichen.

Sind Frauen und Männer gleichermassen gefährdet?
Frauen und Männer verlieren ihre Finanzkompetenz zwar ähnlich schnell, aber Frauen starten oft von einem tieferen Ausgangsniveau – das sehen wir weltweit.

Hinzu kommt, dass Frauen im Durchschnitt länger leben und somit mehr Jahre mit abnehmender Finanzkompetenz verbringen. Gleichzeitig übernehmen in vielen Haushalten nach wie vor Männer die Finanzentscheidungen. Wenn der Partner verstirbt, fehlt vielen Frauen die Routine im Umgang mit komplexen finanziellen Fragen.

Was sollten Paare anders machen?
Finanzielle Entscheidungen sollten nie vollständig an eine Person delegiert werden. Beide Partner sollten verstehen, wie Haushaltsbudget, Vorsorge, Versicherungen und Anlagen funktionieren. Sonst droht nach einem Todesfall schnell ein «Kompetenzschock».

Welche Verantwortung haben Familien, wenn sie merken, dass die Urteilsfähigkeit der Eltern nachlässt?
Angehörige sollten schrittweise und respektvoll eingreifen, ohne älteren Menschen vorschnell die Selbstständigkeit zu nehmen. Denn diese möchten verständlicherweise so lange wie möglich unabhängig bleiben. Entscheidend ist darum, frühzeitig Schutzmechanismen einzurichten anstatt erst in einer Krise zu reagieren. Hilfreich ist etwa eine Vertrauensperson mit Einsicht in Bankkonten. So können bei ungewöhnlichen Transaktionen Angehörige informiert werden, ohne der betroffenen Person sofort die Kontrolle zu entziehen. Ich empfehle ausserdem, Vorsorgevollmachten rechtzeitig zu regeln.

Im hohen Alter fehlt oft die Zeit, finanzielle Fehlentscheidungen oder finanzielle Verluste wieder auszugleichen.

Wann sollten Angehörige mit der finanziellen Fürsorge beginnen und solche Gespräche führen?
Viel früher, als die meisten denken. Ich sage meinen Studierenden – viele sind in ihren Zwanzigern –, dass sie schon jetzt mit ihren Eltern über Pensionierung, Testament oder Pflege sprechen sollten. Es ist deutlich einfacher, Rollen und Zuständigkeiten festzulegen, bevor eine Krise entsteht.

Sie sprechen auch von einem «Finanz-Autopiloten». Was meinen Sie damit?
Ein «Finanz-Autopilot» meint, finanzielle Abläufe so weit wie möglich zu automatisieren. Das kann die mentale Belastung reduzieren und Fehler vermeiden. Automatische Rechnungszahlungen oder regelmässige Sparbeiträge helfen sehr. Für manche ältere Menschen können auch lebenslange Rentenzahlungen sinnvoll sein, weil sie Stabilität schaffen und vor Fehlentscheidungen schützen.

Kann eine bessere Finanzbildung den Rückgang der Finanzkompetenz im Alter bremsen?
Ja. Je mehr Finanzwissen Menschen im Laufe ihres Lebens aufbauen, desto widerstandsfähiger sind sie im Alter. Idealerweise beginnt Finanzbildung sehr früh. Als meine Kinder klein waren, führte ich etwa eine «Bank of Mom» ein: Wenn sie sich etwas Grösseres leisten wollten, mussten sie dafür sparen oder arbeiten. Solche Lektionen bleiben wichtig – auch Jahrzehnte später.

Fünf Warnzeichen für nachlassende Finanzkompetenz im Alter

Achten Sie bei sich selbst oder bei Angehörigen auf folgende Signale:

  1. Nachlassendes Erinnerungsvermögen
    Kürzlich getätigte Überweisungen oder Einkäufe werden vergessen oder es besteht Unsicherheit, ob sie überhaupt erfolgt sind.
  2. Unsicherheit bei den «Big Three»
    Die drei grundlegenden Finanzkonzepte Zinseszins, Inflation und Risikostreuung lassen sich nicht mehr erklären oder einordnen.
  3. Schwierigkeiten bei komplexen Entscheidungen
    Finanzentscheidungen wie die Wahl zwischen verschiedenen Krankenversicherungen, Vorsorge- oder Rentenoptionen fällt plötzlich deutlich schwerer als früher.
  4. Plötzliches Interesse an «zu guten» Angeboten
    Ungewöhnliche Offenheit gegenüber Gewinnspielen, riskanten Geldanlagen oder dubiosen Werbeanrufen kann auch eine sinkende Urteilsfähigkeit hinweisen.
  5. Häufung von Zahlungsfehlern
    Vergessene Rechnungen, Mahnungen oder doppelte Zahlungen können ein erstes Warnsignal im Alltag sein.
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Olivia S. Mitchell

Olivia S. Mitchell ist Professorin an der Wharton School der Universität von Pennsylvania und zählt international zu den führenden Expertinnen für Altersvorsorge, Finanzbildung und Langlebigkeitsrisiken. Zusammen mit Anamaria Lusardi ist sie die Mitbegründerin der drei Kernfragen (the «Big Three»), die heute weltweit als Standard zur Erforschung der Financial Literacy gelten. Mitchell hat über 200 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht und zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Das Weltwirtschaftsforum zählte sie 2015 zu den zehn einflussreichsten Ökonominnen weltweit.

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