Sie machte graue Haare salonfähig und beweist, dass man auch als Babyboomerin ein Social-Media-Star werden kann. Die Pariser Mode-Ikone und Erfolgsautorin Sophie Fontanel über Eleganz, Sanftheit und selbstbestimmtes Älterwerden.

Madame Fontanel, trotz Covid-19-Krise fand auch diesen Herbst die Pariser Fashion Week statt. Wie wirkt sich die Pandemie auf die Modeszene aus?
Die Szene ist natürlich besorgt, da keiner so genau weiss, wo wir uns hinbewegen. Aber sie ist auch sehr energiegeladen. Es war alles sehr farbenfroh und leuchtend. Man meinte ja kurzzeitig, die Mode würde diese Zeit des Zuhausebleibens nicht überleben und wir würden in Zukunft nur noch in Leggins rumlaufen, aber ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Mir hat diese Fashion Week bestätigt, was ich schon lange glaube: Dass uns die Mode hilft, das Leben zu meistern.

Ihre Beziehung zur Mode ist eine Familienangelegenheit. Ihre Grossmutter ist, so will es die Familienlegende, mit einer Vogue-Seite im Ärmel aus Armenien geflüchtet. Als sie später in Paris lebte, nähte sie die Schnitte der Couture-Häuser nach. Wie hat Ihre Grossmutter Ihr Gefühl für Mode und Stil geprägt?
Sie war essenziell. Sie hat in Frankreich sehr schnell begriffen, dass man sich durch Kleidung und Stil behaupten kann, dass Mode ein Vehikel der Integration ist. Sie wollte Teil der Gesellschaft werden, ohne dabei unterzugehen und ihre Besonderheit und ihre Exotik zu negieren. Sie wollte gesehen werden, ohne die anderen damit vor den Kopf zu stossen. Und sie sagte oft: «Eleganz ist der erschwinglichste Luxus, den du dir gönnen kannst».

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Das Ergrauen zwingt uns, zu uns selbst zu stehen und nicht mehr zu schummeln. Das ist gut. Das ist selbstbestimmt.

Diese Eleganz sei allerdings zunehmend im Begriff zu verschwinden, kritisierten Sie jüngst in Ihrem TED-Talk. Wie kommen Sie darauf?
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe die Mode. Ich gehöre zu diesem Milieu, ich liebe die Freiheit und den Mut, Dinge auszuprobieren. Aber ich hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass die Eleganz, also die Suche nach einer gewissen Allüre, nach etwas Eigenem, immer unwichtiger wird. Das hat mich gestört.

Ist das der Grund, weshalb Sie 2015 das Frauen- und Modemagazin ELLE verliessen, wo sie 15 Jahre lang als Kolumnistin und ein Jahr sogar als Modechefin tätig waren?
Nein. Bei ELLE war man damals überzeugt, dass die sozialen Netzwerke überbewertet würden und eine vorübergehende Angelegenheit wären. Sie sagten mir, dass ich in diesen Netzwerken, vor allem auf Instagram, zu präsent sei, zu viel rede und dass ich überhaupt zu alt sei, um den Puls der Zeit zu spüren.

Die Ironie der Geschichte ist, dass Sie durch diesen Rauswurf ganz neu aufgeblüht sind. Heute inszenieren Sie sich selbst humorvoll im Pariser Chic und gehören mit über 200 000 Instagram-Followern zu den erfolgreichsten Babyboomern in den sozialen Medien. Was reizt Sie daran?
Das ist einfach: Ich bin jetzt frei. Instagram war für mich eine enorme Befreiung, ein Neuanfang. Dank Social Media repräsentiere ich niemanden mehr, kein Medium, keine Marke, nur noch mich selbst. Das ändert alles. Vor allem auch in Bezug auf meine Texte: Bei ELLE wurde alles Korrektur gelesen, oft bat man mich, Dinge zu ändern. Jetzt entscheide ich alleine, was rausgeht und wie.

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Dank Social Media repräsentiere ich niemanden mehr, kein Medium, keine Marke, nur noch mich selbst.

Würden Sie sich als Influencerin bezeichnen?
Ich mag solche Begriffe nicht, zumal ich keine bezahlten Posts mache und ich die meisten meiner Kleider auf Flohmärkten und in Vintage-Läden kaufe. Ich folge keinen Trends und präsentiere auf meiner Seite auch nicht die neuesten Kollektionen. So gesehen bin ich keine Influencerin. Allerdings kann man wohl sagen, dass ich einen gewissen Einfluss habe.

Ihren Einfluss haben Sie auch dafür genutzt, die Frauen zu ermutigen, zu ihren grauen Haaren zu stehen. Sie beschlossen, Ihre Haare nicht mehr zu färben, und dokumentierten das allmähliche Ergrauen auf Instagram. Später wurde daraus der Roman «Glückssträhnen», der für Furore sorgte. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Er hat mich selbst überrascht. Aber unterschätzen Sie nicht den Druck, der auf Frauen lastet und sie dazu drängt, ihr Alter zu verbergen. Meine Freundin, die Modedesignerin Inès de La Fressange, zum Beispiel meinte tatsächlich, es sei eine Frage der Höflichkeit, nicht mit grauen Haaren herumzulaufen. Sie dachte, ich sei verrückt geworden, und war besorgt, dass ich nie mehr einen Mann finden würde. Die Vorstellung, graue Haaren seien unsexy, ist einer der häufigsten Einwände. Es gibt ja auch wenige Beispiele für das Gegenteil: Oder kennen sie eine sexy Hollywood-Heldin mit grauem Haar?

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Sanftheit wird oft belächelt und als Feigheit ausgelegt, doch das Gegenteil ist richtig: Es ist eine grosse Stärke.

Kritiker und viele Frauen feierten Ihr Buch als feministischen Akt, als eine Befreiung vom Diktat des Jugendwahns.
In allererster Linie war es ein Akt der Selbstbestimmung. Und er hat mir gezeigt, dass die Schönheit sehr viel reicher, viel komplexer ist, als wir glauben.

Inwiefern?
Ich habe bemerkt, dass dieses Weiss und Grau auf meinem Kopf leuchtet, fast wie Schnee. Das ist wunderschön und es zieht die Blicke auf sich. Es ist das Gegenteil von sich gehen lassen. Davon mal abgesehen, zwingt uns das Ergrauen auch, zu uns selbst zu stehen, nicht mehr zu schummeln. Das ist gut. Das ist selbstbestimmt. Ich finde, es liegt eine besondere Schönheit im Alter. Eine grosse Sanftheit.

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Darüber zu sprechen, dass man keinen Sex mehr hat, ist in unserer Zeit unerhört subversiv.

Die Sanftheit ist etwas, das Sie besonders auszeichnet. So haben sie zum Beispiel auf Ihrem Account eine Ode auf die Sanftheit veröffentlicht. Liegt die wahre Kraft heute vielleicht dort?
Ja, ich denke, die Sanftheit wird oft belächelt und als Feigheit ausgelegt, doch das Gegenteil ist richtig: Es ist eine grosse Stärke. In meinem Fall ist es aber noch einfacher: Ich kann gar nicht anders. Ich habe als junges Mädchen eine sexuelle Erfahrung gemacht, die mich sehr verletzt und traumatisiert hat.

Sie beschlossen, sexuellen Beziehungen irgendwann ganz aus dem Weg zu gehen. Auch darüber haben Sie ein Buch geschrieben und ein weiteres Tabu gebrochen. In «Das Verlangen» erzählen Sie, wie Sie zehn Jahre ohne Sex lebten. Es war ein Skandal, sogar die New York Times berichtete darüber.
Absolut. Zu beschliessen, keinen Sex mehr zu haben, oder besser gesagt, darüber zu sprechen, dass man keinen Sex mehr hat, ist in unserer Zeit unerhört subversiv. Man hat zwar mittlerweile akzeptiert, dass die Leute nicht alle die gleiche Sexualität haben, aber eine haben sollten sie auf jeden Fall. Ich konnte irgendwann nicht mehr. Ich brauchte eine Pause, musste herausfinden, was gut für mich ist. Wissen Sie, man wird heute andauernd dazu aufgerufen: Tut es! Macht es! Ich glaube, dass das nicht gut ist. Man respektiert das Tempo der Leute damit nicht und man lässt ihnen nicht die Zeit, eine selbstbestimmte Sexualität zu entwickeln.

Photo credit: © François Bouchon 

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Sophie Fontanel

Die Pariser Modejournalistin, Buchautorin und Stil-Ikone Sophie Fontanel (58) wurde mit ihrer als radikal interpretierten Entscheidung, ihre Haare nicht mehr zu färben, berühmt. Ihr Buch «Glückssträhnen» wurde ein Bestseller, sie selbst zum grauhaarigen Role Model. Ehemals Reporterin und Modechefin bei Elle und Moderatorin beim Privatsender Canal+, schreibt sie inzwischen regelmässig für das Magazin L’Obs. Über 200 000 Instagram-Follower verfolgen zudem täglich ihre «Outfit of the day»-Spiegel-Selfies. Ihr Stil: ein eklektischer Mix aus Vintage-Teilen, Herrengarderobe und Designerstücken. Sie hat mehrere Bücher veröffentlich, darunter «Das Verlangen» (Kailash) und «Glückssträhnen. Eine Liebeserklärung an meine weissen Haare» (Ebersbach & Simon).

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