An bestimmten Orten auf der Welt sollen Menschen dank Ernährung, Bewegung und enger sozialer Beziehungen besonders alt werden. Doch inzwischen werden im öffentlichen Diskurs auch einzelne Zweifel laut: Bringen die sogenannten «Blue Zones» tatsächlich aussergewöhnlich viele Hundertjährige hervor oder beruht der Mythos auf fehlerhaften Daten und geschicktem Marketing?

Gibt es Regionen, in welchen Menschen tatsächlich besonders häufig 100 Jahre alt werden? Seit mehr als 20 Jahren fasziniert diese Frage Forschende und die Öffentlichkeit gleichermassen. Ihren Ursprung nahm die Geschichte auf Sardinien: Als der Demograf Michel Poulain und der Mediziner Gianni Pes um das Jahr 2000 auf der Mittelmeerinsel erstmals Dörfer mit einer überdurchschnittlich hohen Zahl an Hundertjährigen erforschten, umkreisten sie diese auf ihrer Landkarte mit einem blauen Stift. Der US-Journalist Dan Buettner griff diese Markierungen später auf und machte diese Regionen als «Blue Zones» weltweit bekannt. Zu den ursprünglichen fünf Blue Zones zählen laut Buettner nebst Teilen der italienischen Insel Sardinien auch Nicoya in Costa Rica, die griechische Insel Ikaria sowie die japanische Inselgruppe Okinawa; ob die Kleinstadt Loma Linda in Kalifornien ebenfalls dazu gehört, ist umstritten. Eine neu von Michel Poulain identifizierte Blue Zone ist hingegen Martinique.

Die «Power 9»

Auf den ersten Blick scheinen die fünf von Buettner beschriebenen Blue Zones nur wenig gemeinsam zu haben, liegen sie doch über verschiedene Kontinente verstreut. Bei näherer wissenschaftlicher Untersuchung zeigte sich jedoch, dass die Menschen in diesen Regionen neun grundlegende Verhaltensweisen teilen, die zu ihrer überdurchschnittlichen Lebenserwartung und Gesundheit beitragen könnten. Buettner fasst diese Merkmale unter dem Begriff der «Power 9» zusammen: Zu diesen gehören unter anderem viel Alltagsbewegung, bewusste Entspannung, sehr reduzierter Fleischkonsum und ein gesellschaftliches Zugehörigkeitsgefühl durch starke soziale Netzwerke und lebenslange Freundschaften.

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Den Menschen in den Blue Zones wird unterstellt, sie würden ihre verstorbenen Familienmitglieder gerne im Kühlschrank aufbewahren, um deren Rente zu kassieren.

Besonderer Lebensstil oder fehlerhafte Daten

In den vergangenen Jahren ist die wissenschaftliche Kritik am Konzept der Blue Zones jedoch lauter geworden. Im Zentrum der Debatte um die Blue Zones steht die Frage, ob die aussergewöhnlich hohe Zahl von Hundertjährigen in den besagten Regionen tatsächlich auf einen besonderen Lebensstil zurückzuführen ist. Oder spielen fehlerhafte Altersdaten eine grössere Rolle als bisher angenommen? Demograf Saul Justin Newman argumentiert beispielsweise, dass einige Regionen mit auffällig vielen sehr alten Menschen zugleich eine Geschichte unvollständiger Geburtsregister und anderer Dokumentationsprobleme aufweisen. Einige der gemeldeten Altersrekorde könnten daher auf Fehler, Falschmeldungen oder Verwechslungen zurückgehen.

Andere kritische Stimmen verweisen zudem auf einen weiteren Widerspruch: Einige Blue Zones sind gleichzeitig von Armut, geringer Bildung oder vergleichsweise schwachen Gesundheitssystemen geprägt. Das erschwert die Vorstellung, dass die beobachtete Langlebigkeit allein durch einen besonders gesunden Lebensstil erklärt werden kann. Hinzu kommt, dass die meisten Erkenntnisse zu Ernährung, Bewegung und sozialen Beziehungen auf Beobachtungsstudien beruhen. Solche Studien zeigen Zusammenhänge, können aber nur begrenzt nachweisen, welche Faktoren tatsächlich ursächlich für ein langes Leben sind. Die Kritik bedeutet allerdings nicht, dass die Grundideen der Blue Zones widerlegt wären. Viele der dort beschriebenen Verhaltensweisen gelten unabhängig davon als gesundheitsfördernd. Umstritten bleibt jedoch, ob sie die hohe Zahl von Hundertjährigen tatsächlich erklären können und wie verlässlich die zugrunde liegenden Altersdaten sind. Aus Sicht der Kritiker sind die Blue Zones daher weniger ein Beweis als eine interessante Hypothese über die Ursachen eines langen Lebens.

Hype um des Profites Willen?

Rund um das anhaltende Interesse an den Blue Zones ist zudem ein profitables Ökosystem entstanden. Teil dieses Ökosystems ist der Journalist Dan Buettner selbst, der das Konzept durch Bücher, Vorträge, Dokumentationen und Medienpartnerschaften weltweit bekannt gemacht hat. Je attraktiver und überzeugender die Erzählung erscheint, desto grösser bleibt das Interesse an Vorträgen, Beratungsangeboten und Medienprojekten.

Die Vorstellung, dass ein langes Leben durch einfache Verhaltensweisen erreichbar ist, vermittelt Hoffnung und Orientierung. Wissenschaftlich komplexere Erklärungen – etwa das Zusammenspiel von Genetik, Zufall, sozialen Faktoren und medizinischer Versorgung – sind für die breite Öffentlichkeit weniger eingängig.

Auch Medienhäuser und Streaming-Plattformen profitieren von den Blue Zones: Geschichten über abgelegene Inseln, fitte Hundertjährige und die Geheimnisse eines langen Lebens lassen sich leichter erzählen und vermarkten als statistische Debatten über Datenqualität oder demografische Methoden.

Was davon hat trotz aller Kritik Bestand?

Die eigentliche Frage bleibt: Wie belastbar sind die Altersdaten und welchen Anteil haben Ernährung, Bewegung, soziale Bindungen, Genetik und andere Faktoren tatsächlich an der Langlebigkeit?

Prof. Daniela Jopp ist an der Université de Lausanne leitende Projektverantwortliche der Studie SWISS100, der ersten landesweiten Studie über Hundertjährige in der Schweiz. Sie findet klare Worte für die anhaltende Kritik an den Blue Zones: «Den Menschen in den Blue Zones wird unterstellt, sie würden ihre verstorbenen Familienmitglieder gerne im Kühlschrank aufbewahren, um deren Rente zu kassieren. Diese Unterstellung ist schlicht unverschämt. In Sardinien gibt es beispielsweise in jeder Gemeinde sehr genaue Aufzeichnungen aller Geburten und Sterbefälle und auch die Kirchenbücher liefern aufschlussreiche Daten. Zudem erhalten Hundertjährige sowohl in Costa Rica wie auch in Japan jährliche Besuche von Gemeinde- oder Regierungsbeamten.» 

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Eine grosse Zahl der Schweizer Hundertjährigen hat regelmässigen Kontakt zu vielen Familienmitgliedern.

Sie hat mit ihrer Forschungsgruppe viele Hundertjährige in der Schweiz befragt. Jopp weiss darum auch, welche der bekannten Kriterien der Blue Zones sich auch bei den Hundertjährigen der Schweiz als relevante Faktoren zeigen: «Eine grosse Zahl der Schweizer Hundertjährigen hat regelmässigen Kontakt zu vielen Familienmitgliedern. Aus vielen Studien mit Personen jeden Alters wissen wir, dass eine soziale Einbindung sehr wichtig für das Wohlbefinden ist und dass die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit vergleichbar damit sind, am Tag eine Packung Zigaretten zu rauchen. In den Blue Zones kann man zudem beobachten, dass alte und sehr alte Menschen sehr angesehen und weiterhin ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind – da könnten andere Länder sich etwas davon abschauen.» Auch andere zentrale Faktoren wie gesunde Ernährung, aktiv bleiben und sich bewegen – also Aspekte, die nicht nur in den Blue Zones zu einem vorteilhaften Lebensstil gehören – konnte ihre Forschungsgruppe bei den Schweizer Hundertjährigen als relevante Faktoren beobachten.

Neue Erkenntnisse

Neben den Verhaltensweisen, die auch aus früheren Studien als einem langen Leben zuträglich definiert wurden, ist der Schweizer Forschungsgruppe auch ein neuer Faktor aufgefallen: «Biologisch besitzen die in unserer Studie erfassten Hundertjährigen ein Proteinprofil, das eher dem von viel jüngeren Menschen entspricht. Auffällig sind dabei Proteine, die im Zusammenhang mit dem Stoffwechsel und Entzündungen stehen und beispielsweise den Körper vor oxidativem Stress schützen.» Zudem hat Daniela Jopp eine weitere Besonderheit überrascht: «Die Schweizer Hundertjährigen sind mit ihrem Leben zufrieden. Ich wusste schon aus früheren Studien, dass viele sehr alte Menschen ein hohes Wohlbefinden aufweisen, aber in der Schweiz gaben 92% an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Das ist bemerkenswert!»

Was wir von Hundertjährigen lernen können: Erkenntnisse aus einer schweizweiten Studie

SWISS100 ist die erste landesweite Studie über Hundertjährige in der Schweiz. Sie wurde von Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen durchgeführt. Das Projekt begann im Jahr 2020; die aktive Datenerhebung endete 2025. Unter der Leitung von Prof. Dr. Daniela Jopp fanden Forschende aus Soziologie, Psychologie und Medizin verschiedene Faktoren, die ein besonders langes Leben ermöglichen, und untersuchten die Lebensqualität im hohen Alter.

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