Sebastian Thrun hat für Google selbstfahrende Autos und die digitale Brille entwickelt, neuerdings konstruiert er elektrische Flugtaxis. Der deutsche Hightech-Visionär ist überzeugt, dass künstliche Intelligenz die Welt verbessert und uns selbstbestimmter macht.

Sie gehören zu den Pionieren der künstlichen Intelligenz (KI). Schon 2005 hat Ihr Forschungsteam in Stanford das erste Rennen für autonome Autos durch die Wüste von Nevada gewonnen. Was fasziniert Sie daran, Maschinen intelligenter zu machen?
Erstens glaube ich, dass künstliche Intelligenz (KI) der Menschheit helfen kann, wichtige und grosse Probleme zu lösen. Zweitens will ich meine Arbeit in den Dienst der Menschen stellen. Angesichts der Tatsache, dass wir so viele Fortschritte in der Technologie machen, habe ich mich gefragt: Wie können wir Menschen auf der ganzen Welt – nicht nur ein paar Studenten an teuren Universitäten – dazu befähigen, die neuen Technologien zu beherrschen, damit sie auf der digitalen Welle reiten können, anstatt von einem Tsunami mitgerissen zu werden? Die Antwort: Wir stellten Vorlesungen amerikanischer Elite-Universitäten kostenfrei ins Netz. Daraus ist die Online-Lernplattform Udacity entstanden.

Als Gründer von Googles Zukunftsfabrik X haben Sie die KI-Revolution in den letzten zwei Jahrzehnten wesentlich mitgeprägt. Bedrohen die wachsenden Möglichkeiten der intelligenten Maschinen den freien Willen und die Selbstbestimmung des Menschen?
Im Gegenteil. Wenn wir auf die letzten 150 Jahre zurückblicken, hat uns die Technologie viel mehr freien Willen und Selbstbestimmung gebracht. Vor 500 Jahren hatten wir massenweise Kriege und Hungersnöte. Heute haben wir Nahrung in Hülle und Fülle, wir haben ein Dach über dem Kopf, Energie im Überfluss. Die Technologie hat uns mit Sicherheit mehr Entscheidungsfreiheit gegeben, und das wird sich nur noch verstärken.

Sebastian_Thrun_Biobox
Künstliche Intelligenz wird uns nicht ersetzen, sondern ergänzen. Sie gibt den Menschen neue Fähigkeiten und ein perfektes Gedächtnis an die Hand.

Wozu ist die KI-Technologie heute in der Lage?
Maschinelles Lernen ist einfach zu erklären. Traditionell musste ein Software-Ingenieur darüber nachdenken, was in der Welt passieren könnte, und Regeln dazu schreiben, wie ein Computer darauf reagieren sollte. Das ist aber nicht die Art und Weise, wie wir zum Beispiel Kinder erziehen.

Sondern?
Wir lehren sie durch Vorbilder und sie bilden dann ihre eigenen Regeln. Denken Sie nur daran, wie Kinder in ihrem ersten Lebensjahr durch Versuch und Irrtum das Muster entdecken, das für einen stabilen Gang sorgt. Dieser Paradigmenwechsel – weg von starren Regeln, hin zum Lernen aus Vorbildern – hat nun auch die Computerwelt erreicht. KI-Systeme sind darum heute in der Lage, Hautbilder, Gehirnscans oder Röntgenbilder zu lesen und Krankheiten wie Krebs mit der gleichen Genauigkeit zu erkennen wie die bestausgebildeten und höchstbezahlten Ärzte. Dieses Niveau des Bildverständnisses war noch vor fünf Jahren völlig undenkbar.

Ihr neuestes Start-up Kitty Hawk, das von Google-Gründer Larry Page mitfinanziert wird, will selbstfliegende Lufttaxis bauen. Das klingt noch mehr nach Science-Fiction als Ihre bisherigen Projekte.
Unsere Vision ist es, elektrische Lufttaxis anzubieten, um zum Beispiel die Fahrt zur Arbeit sicherer und effizienter zu machen. Wir arbeiten derzeit an einem Prototyp namens Heaviside. Es ist ein schnelles und leises Fahrzeug für einen Passagier, das auf einer Fläche von 10 m2 starten und landen kann, welche nicht einmal asphaltiert sein muss.

Wie realistisch ist das? Wir versuchen ja schon seit Jahren vergeblich, das autonome Fahren auf unseren Strassen möglich zu machen?
Das wird sogar schneller Realität sein als am Boden. Schliesslich gibt es in der Luft keine Kollisionsgefahr und faktisch existiert dort schon seit zwanzig Jahren autonome Mobilität: Auf einem kommerziellen Langstreckenflug ist der Autopilot während mehr als 99 Prozent der Zeit eingeschaltet und kann ein Flugzeug sogar landen.

Flugtaxi_1

Das selbstfliegende Elektrotaxi «Heaviside» von Kitty Hawk

Kehren wir zur Erde zurück. Die Menschen sind zunehmend besorgt, dass sie durch Roboter, Automatisierung und KI ersetzt werden. Sehen Sie die Gefahr, dass der Mensch überflüssig wird?
Ich denke, die Menschen sollten verstehen, dass es die Pflicht eines jeden ist, informiert und ausgebildet zu bleiben. Aber KI wird uns nicht ersetzen, sie wird uns ergänzen. Sie gibt den Menschen neue Fähigkeiten und ein perfektes Gedächtnis. Mit KI könnten wir künftig jedes Gesicht erkennen, jede Sprache sprechen. Das sind grundsätzlich positive Dinge, die die Gesellschaft weiterbringen. Es ist ähnlich, wie wir einst die Gesellschaft mit der Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrizität, des Automobils oder des Telefons verbessert haben. All diese Dinge haben die Gesellschaft gestärkt. KI ist da keine Ausnahme.

Was ist Ihre grösste Sorge bezüglich KI?
Dass die Gesellschaft KI voreilig zu einer Gefahr erklärt und die Chancen dieser Technologie durch übereilte Regulierung zerstört. Gut eingesetzt, könnte KI die Menschheit in vielerlei Hinsicht stärker machen. Ich hoffe wirklich, dass wir die Geduld und die Bereitschaft haben, diese Möglichkeiten zu erforschen. Für mich ist KI nichts anderes als ein Werkzeug, genau wie eine Schaufel. Es ist eine bessere Schaufel, aber es sind immer noch Menschen, die mit dieser Schaufel nach Gold graben.

Es gibt viele kluge Leute, die sich Sorgen machen, dass diese Schaufeln irgendwann das Sagen haben könnten und nicht die Menschen ...
Wir haben uns längst schon mit Technologien umgeben, die in bestimmten Bereichen kompetenter und leistungsfähiger sind als wir selbst. Niemand kann so schnell rennen, wie ein Auto fahren kann. Niemand kann über eine so weite Entfernung sprechen, wie ein Mobiltelefon es kann. Dass es also Technologien gibt, die unsere Fähigkeiten in bestimmten Dimensionen übersteigen, ist nicht neu für uns. Was ich für wichtig halte, ist, dass letztlich der Mensch das Sagen hat und die Technologie beherrscht. Und ich sehe keinen Grund, warum sich daran etwas ändern sollte – ausser vielleicht in verrückten Science-Fiction-Filmen.

Meine grösste Sorge ist, dass die Gesellschaft die künstliche Intelligenz durch übereilte Regulierung zerstört.

Was denken Sie: Braucht es eine Roboterethik oder vielmehr eine Ethik für Roboterhersteller und -anwender?
Zweiteres. Wir müssen als Gesellschaft darüber nachdenken, wie wir dieses wichtige Werkzeug auf eine verantwortungsvolle Weise nutzen können, die mit unserer Moral im Einklang steht. Zudem sollten die Systeme nicht nur effizient sein, sondern sich auch so verhalten, dass sie zentrale Werte wie etwa die Freiheit des Individuums oder das Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht verletzen. Das erreichen wir etwa, indem wir Programmierer darin ausbilden, Systeme zu entwickeln, die Datenschutz und Privatsphäre garantieren.

Aufgrund der neuen Technologien verlieren wir Stück für Stück viele unserer Fähigkeiten, weil es so bequem ist. Droht dieses «De-Skilling», die Fülle der menschlichen Erfahrung zu reduzieren?
Als ich ein Kind war, musste ich die Rechtschreibung lernen. Und jetzt hilft mir mein E-Mail-System dabei, richtig zu buchstabieren. Eine Maschine, die an meiner persönlichen Schwäche arbeitet, nämlich meiner Unfähigkeit, richtig zu schreiben, hat mich also befähigt, ein kompetenterer und professionellerer Mensch zu sein. Das Gleiche könnte man über selbstfahrende Autos oder Antiblockiersysteme sagen. Die Vorstellung, dass Maschinen, die Dinge für uns erledigen, uns unsere Autonomie nehmen, entspringt einem Nullsummendenken. Das ist ein grundlegender Denkfehler. Diese Technologien erweitern nur unsere Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen.

Zweifeln Sie denn gar nie am Segen des technologischen Fortschritts?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unser Leben dank der Technologie noch viel besser werden kann und der Zugriff auf Bildung, Gesundheit, Nahrung und Sicherheit dadurch demokratisiert wird. Ganz abgesehen davon: Was wäre denn die Alternative? Ohne Optimismus werden wir die Welt nur schwer verändern können.

Sebastian_Thrun_Biobox
Sebastian Thrun

Sebastian Thrun (53) wuchs in Deutschland auf und studierte Informatik, Wirtschaft und Medizin. Seit 1995 arbeitet er in den USA, ab 2003 als Professor an der Eliteuniversität Stanford, wo er zum Direktor des Stanford Artificial Intelligence Laboratory ernannt wurde. 2011 wechselte er als Vice President zu Google und gründete die Forschungsabteilung Google X, in der Innovationen wie die «Street-View-Autos» und Google Glass entstanden. 2012 öffnete Thrun die Türen der Online-Universität Udacity und wurde von der US-Fachzeitschrift «Foreign Policy» auf Platz vier der «100 einflussreichsten Denker der Welt» gelistet. Seit 2018 ist Sebastian Thrun CEO der Flugtaxi-Firma Kitty Hawk.

Das könnte Sie auch interessieren

Wissen

Verena Pausder: «Wir müssen in Europa runter vom Sofa»

Mehr lesen

Wissen

«Der Untergang ist abgesagt»

Mehr lesen

Wissen

Superstar, Sündenbock, Steuerzahler?

Mehr lesen