Warum sparen manche Leute jeden Cent, während andere zwanghaft Geld ausgeben? Finanzpsychotherapeutin Vicky Reynal verrät, wie frühe Erfahrungen unsere Geldgewohnheiten prägen – und wie wir sie als Erwachsene ändern können.

Manche sparen wie besessen, andere geben Geld mit grosser Leichtigkeit aus. Wann entsteht unsere Beziehung zu Geld?
Viel früher, als die meisten denken. Unser Gefühl der Wertschätzung, unsere Bindungsmuster und unsere Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, entwickeln sich in der Kindheit – und zeigen sich später im Finanzverhalten. Wenn jemand Probleme hat, seine Gefühle zu regulieren, dann hat er oft auch Probleme damit, seine Ausgaben zu regulieren, und schwankt zwischen extremer Sparsamkeit und zwanghaftem Geldausgeben hin und her.

Geht es bei Geldgewohnheiten also weniger um Zahlen und mehr um Emotionen?
Bei vielen meiner Klientinnen und Klienten, ja. Geld dient oft fälschlicherweise dazu, unbewusste Gefühle auszudrücken. Manche Menschen verweigern sich schöne Dinge, die man mit Geld kaufen kann, weil sie finden, sie verdienen sie nicht, oder weil sie Angst vor ihrer eigenen Gier haben. Andere geben impulsiv Geld aus, um Angst, Einsamkeit oder Langeweile zu lindern. Das Verhalten mag irrational erscheinen, emotional macht es aber oft durchaus Sinn.

Vicky_Reynal_Portrait
Geldprobleme hängen nicht damit zusammen, wie viel Geld man hat.

Welche Arten von «finanziellen Traumata» gibt es?
Da gibt es offensichtliche. Ist Ihre Familie zum Beispiel Konkurs gegangen, ruft das wahrscheinlich bei Ihnen Geldsorgen hervor oder die Angst, die Fehler der Eltern zu wiederholen. Aber noch interessanter finde ich die nichtfinanziellen Erfahrungen, weil sie tendenziell eine noch tiefgreifendere Wirkung haben.

Zum Beispiel?
Verlassen zu werden früh im Leben oder in der Schule gemobbt zu werden. Bindungsmuster spielen eine grosse Rolle. Jemand mit einem ängstlichen Bindungsverhalten kann Geld dazu nutzen, Menschen an sich zu binden – zum Beispiel, indem er gegenüber Freunden oder Partnern übertrieben grosszügig ist. Schenken wird zu einem Weg, sich Liebe und Bestätigung zu sichern. Bei anderen können ungelöste Bindungsprobleme zu einem chronischen übermässigen Ausgabeverhalten führen.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen?
Ich hatte mal einem Mann in den Zwanzigern, der anfangs mit einem problematischen Ausgabenverhalten zu mir kam. Er lebte noch zu Hause. Als wir es genauer analysierten, wurde klar, dass sein Ausgabeverhalten von Trennungsangst getrieben war, der Angst, das Elternhaus zu verlassen, selbstständig zu werden und möglicherweise die emotionale Nähe zu den Eltern zu verlieren.

Wie beeinflussen diese frühen Erfahrungen unseren Umgang mit Geld?
Das Verhalten kann von relativ gewöhnlich bis stark destruktiv reichen. Einige Menschen entwickeln unhaltbare Einkaufsgewohnheiten, andere spielen, haben finanzielle Geheimnisse, bestehlen ihren Arbeitgeber oder verschwenden ihre Ersparnisse durch «Findom», was für Finanzdominanz steht, eine sexuelle Neigung, bei der man Lust daraus gewinnt, Geld zu geben, ohne dafür etwas Greifbares zu erhalten.

Vicky_Reynal_Aufmacherbild
Geld ist stark mit dem Selbstwert verknüpft, was es unglaublich schwierig macht, offen über dieses Thema zu sprechen.

Eine weitere Konsequenz, die Sie in Ihrem Buch Money on Your Mind beschreiben, ist das, was Sie «finanzielle Anorexie» nennen. Wie äussert sich das?
Das ist eine extreme Einschränkung der Ausgaben. Ich arbeitete mal mit einem Mann, der sehr gut verdiente, aber nicht einmal einen Wintermantel besass und fast stolz darauf war, dass ihm die Kälte nichts ausmachte. Er war mit einer Mutter aufgewachsen, die sich selbst immer alles verweigerte, und er hatte früh gelernt, dass Verzicht eine Tugend war.

Was steckt hinter dieser Art des extremen Verzichts?
Treiber ist oft eine Mischung aus Kontrolle und Angst – Angst vor Gier, Angst vor Kontrollverlust und Angst, andere mit den eigenen Bedürfnissen zu belasten. Aus psychologischer Sicht ähnelt das sehr stark der Anorexie: Verzicht wird zu einer Quelle für Selbstwert.

Das Gegenteil ist emotionales Ausgeben oder die sogenannte «Shopping-Therapie». Warum hilft das, zumindest vorübergehend?
Weil beim Einkaufen Dopamin freigesetzt wird. Die Erleichterung ist jedoch nur von kurzer Dauer. Mit der Zeit müssen die Menschen immer mehr und schneller Geld ausgeben, um den gleichen emotionalen Effekt zu erzielen. Manchmal kaufen Menschen auch Dinge in der Hoffnung, sich zu verändern. Eine meiner Klientinnen war süchtig nach Designerhandtaschen. Als Kind war sie von einem Elternteil verlassen und vom anderen emotional vernachlässigt worden. «Dinge bleiben», sagte sie mir. «Menschen gehen.» Die Taschen wurden zu einem Ersatz für emotionale Sicherheit.

Umfragen zufolge hatten rund zwei von fünf Personen schon mal Geldgeheimnisse vor ihrem Partner.

Mit diesen Mustern gehen oft grosse Scham und Schuldgefühle einher. Warum hat Geld diese beiden Effekte?
Weil den meisten von uns nie beigebracht wurde, wie man richtig mit Geld umgeht. Wir vergleichen uns ständig mit anderen und gehen davon aus, dass es den anderen besser geht. Geld ist stark mit dem Selbstwert verknüpft, was es unglaublich schwierig macht, offen über dieses Thema zu sprechen.

Und warum sabotieren sich Menschen manchmal finanziell?
Oft, weil sie finden, sie verdienen es nicht, oder weil sie Angst haben, Forderungen zu stellen. Ich habe mit Menschen zusammengearbeitet, die hervorragende Arbeit leisten, aber es nicht schaffen, Rechnungen zu verschicken. Vergangene Demütigungen oder frühere Kritik bringen sie immer noch zum Schweigen.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, wenn es um schädlichen Umgang mit Geld geht?
Es gibt Muster, aber sie sind eher sozial als biologisch bedingt. Viele Frauen fühlen sich in Bezug auf Geld weniger zuversichtlich, auch wenn sie gleich viel verdienen wie ihr Partner, oft, weil sie in ihrer Kindheit nie gesehen haben, dass ihre Mutter sich um die Finanzen kümmerte.

Sie schreiben auch über Geldgeheimnisse. Warum verstecken Menschen ihr Finanzverhalten?
Geldgeheimnisse sind weiter verbreitet, als die meisten Menschen denken. Umfragen zufolge hatten rund zwei von fünf Personen schon mal Geldgeheimnisse vor ihrem Partner. Oft sind das versteckte Schulden, geheim gehaltene Anschaffungen oder Rechnungen, die man vor dem Betreten des Hauses noch schnell entsorgt.

Wieso diese Geheimnisse?
In der Regel ist es die Angst vor Verurteilung. Aber es kann komplexer sein. Manche nutzen Geheimnisse als passiv-aggressive Reaktion auf emotionale Enttäuschung. Andere haben finanzielle Geheimnisse als Schutz, wenn sich Intimität unsicher anfühlt.

Finanzielle Anorexie ist eine extreme Einschränkung der Ausgaben. Treiber ist oft eine Mischung aus Kontrolle und Angst – Angst vor Gier, Angst vor Kontrollverlust und Angst, andere mit seinen Bedürfnissen zu belasten.

Wer kommt zu Ihnen? Nur reiche Leute?
Überhaupt nicht. Ich arbeite mit Menschen aus dem ganzen Spektrum zusammen, von äusserst vermögenden bis hin zu Klientinnen und Klienten mit weniger als 1000 Pfund auf ihrem Konto. Geldprobleme hängen nicht damit zusammen, wie viel Geld man hat.

Viele Menschen kämpfen tagtäglich mit den Lebenshaltungskosten. Einige sehen die Probleme Ihrer Klientinnen und Klienten womöglich als Luxusprobleme an.
Ich verstehe diese Sichtweise, aber das sind keine Luxusprobleme. Ich sehe Menschen in echter Not. Einige denken an Suizid, weil sie ihr Leben nicht geniessen können. Andere stecken in Beziehungen fest, in denen sie immer nur geben und nichts im Gegenzug erhalten. Viele haben bereits Coachings, Bücher oder Finanzberatung ausprobiert – sie wissen, was zu tun ist, aber emotional sind sie nicht in der Lage, zu handeln. Für sie ist Therapie oft der letzte Ausweg.

Was braucht es, um wieder eine gesunde Beziehung zu Geld aufzubauen?
Am Anfang steht die Neugierde: Warum handle ich so? Woher kommen diese Muster? Wir müssen die Erfahrungen, Gefühle und Wünsche hinter unserem Geldverhalten verstehen. Veränderung braucht Zeit, aber Bewusstsein schafft Wahlmöglichkeiten – und mit Wahlmöglichkeiten kommt mehr Selbstbestimmung.

Und zum Schluss: Kann uns Geld glücklich machen?
Geld kann Komfort und Erfahrungen bieten, aber innere Konflikte kann es nicht lösen. Neben der Befriedigung der Grundbedürfnisse wird seine Macht oft überschätzt. Wahres Glück kommt von Beziehungen und einem Sinn im Leben sowie einem Gefühl, die Kontrolle über unser eigenes Leben zu haben.

Vicky_Reynal_Portrait

Vicky Reynal

Vicky Reynal ist Autorin des preisgekrönten Buches Deine Psyche, dein Umgang mit Geld und du (Kösel Verlag, 2025) und schreibt eine wöchentliche Kolumne als «Money Psychotherapist» in der Times und der Sunday Times. Sie betreibt eine Psychotherapiepraxis in London und Abschlüsse in Psychologie und Psychotherapie sowie einen MBA der London Business School und eröffnet eine einzigartige Perspektive auf die Psychologie der persönlichen Finanzen.

Vicky_Reynal_Cover_Money_on_Your_Mind_DE
Vicky_Reynal_Cover_Money_on_Your_Mind_DE

Das könnte Sie auch interessieren

Wissen

Money und Mindset: Wie wir besser mit Geld umgehen

Mehr lesen

Wissen

Michael Mary: «Geld ist das letzte Tabu in der Liebe»

Mehr lesen

Wissen

Die besten Tricks, um Geld zu sparen

Mehr lesen