Wer clever sparen und Vermögen aufbauen will, muss mehr im Blick haben als Zahlen. Behavioural-Finance-Studien zeigen: Diese zehn psychologischen Verzerrungen beeinflussen unsere Finanzentscheidungen oft zum Schlechteren.
1. Selbstüberschätzung (Overconfidence Bias)
Wenn Anlegende sich für klüger halten, als sie sind
Viele Anlegerinnen und Anleger überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten. Sie glauben, sie seien schlauer als der Markt und könnten dank ihres «goldenen Händchens» überdurchschnittliche Renditen erwirtschaften. Ein typisches Beispiel: Ein Privatanleger verkauft regelmässig Fondsanteile, um in vermeintlich bessere Aktien zu investieren, weil er glaubt, jede Marktentwicklung genau vorhersehen zu können. Am Ende fressen Transaktionskosten und Fehlentscheidungen aber seine Gewinne auf. Studien von Barber & Odean zeigen, dass Übermut zu übermässigem Handel und damit zu schlechteren Renditen führt.
Tipp: Langfristige Strategien wählen, das Portfolio breit diversifizieren und Entscheidungen auf überprüfbare Daten statt auf die Intuition stützen.
2. Herdentrieb (Social Proof)
Alle machen es, also mache ich es auch
Das Gegenteil der Selbstüberschätzung ist der Herdentrieb. Statt auf eigene Analysen zu vertrauen, investiert man in bestimmte Wertpapiere oder Assets, weil «alle es tun». Die Forschung zeigt, dass dieses Verhalten zu Spekulationsblasen bzw. Panikverkäufen mit enormen Verlusten führen kann. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind die Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende, Kryptohypes oder Meme-Stocks (Aktien, deren Kurse durch Social-Media-Hypes statt durch Fundamentaldaten getrieben werden).
Tipp: Informiere dich gründlich über Fundamentaldaten, bevor du investierst, und orientiere dich nicht an der Mehrheit oder an (Social-Media-)Trends. Bei Fragen oder Unsicherheiten kann eine Beratung durch Fachleute helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen.
3. Heimmarkt-Falle (Home Bias)
Heimatliebe kostet Rendite
Menschen investieren ihr Geld oft am liebsten dort, wo sie sich auskennen - also im eigenen Land. Schweizer setzen vorzugsweise auf den SMI, Deutsche auf den DAX und Amerikanerinnen auf den S&P 500. Wer jedoch etwa 90 Prozent seines Portfolios in heimische Aktien und Fonds steckt, verpasst häufig Wachstum und attraktive Chancen auf globaler Ebene. Die Forschung, etwa von French&Poterba, zeigt: Der Home Bias schränkt die Diversifikation ein und reduziert damit langfristig die Rendite.
Tipp: Streue das Portfolio weltweit, um Risiken zu reduzieren und Chancen auf attraktive Renditen zu erhöhen. Decke dabei nicht nur verschiedene Länder, sondern auch verschiedene Branchen ab.
4. Verlustangst (Loss Aversion)
Verluste wiegen schwerer als Gewinne
Viele Menschen neigen dazu, Verluste um jeden Preis zu vermeiden – oft auf Kosten höherer Gewinne. Die Erklärung dafür liefert die Prospect-Theorie von Kahnemann & Tversky: Der Schmerz, Geld zu verlieren, wird als mindestens doppelt so intensiv empfunden wie die Freude über einen Gewinn in derselben Höhe. Diese Verlustangst beeinflusst das Verhalten beim Investieren massiv: Manche Menschen vermeiden es komplett, ihr Geld anzulegen, andere halten zu lange an Verlustpositionen fest, nur um die Verluste nicht zu realisieren. Und wieder andere verkaufen Gewinnertitel zu früh aus Angst, die bereits erzielten Gewinne wieder zu verlieren. So werden Renditechancen oft unbewusst geschmälert.
Tipp: Sei kritisch, aber handle überlegt. Plane Schwankungen ein, denke langfristig und triff emotionsfreie Entscheidungen.
5. Der Rezenzeffekt (Recency Bias)
Vergangenes vergessen, Aktuelles überbewerten
Der Rezenzeffekt beschreibt die menschliche Tendenz, Ereignissen der jüngeren Vergangenheit mehr Bedeutung beizumessen als solchen, die länger zurückliegen. Dieses Kurzzeitdenken führt gemäss der Behavioural-Finance-Forschung dazu, dass Anlegerinnen und Anleger Risiken überschätzen und Chancen übersehen, die sich erst über längere Zeiträume zeigen. Bekannte Beispiele dafür sind die Finanzkrise 2008 und der Corona-Crash 2020. Viele Privatanlegende verkauften damals panisch ihre Aktien, ohne aus vergangenen Börsenschwankungen ihre Schlüsse zu ziehen. Nur wenige Wochen später begann sich der Markt jeweils zu erholen.
Tipp: Betrachte Daten über Jahre, nicht Wochen oder Monate. Regelmässige, strukturierte Portfolio-Reviews verhindern zudem, dass kurzfristige Schwankungen den Entscheidungsprozess dominieren.
6. Die Ankerfalle (Anchoring)
Der erste Eindruck bleibt hängen
Beim Treffen von Entscheidungen lassen sich Menschen aber nicht nur von aktuellen Ereignissen (Recency Bias), sondern oft auch von früheren Referenzwerten leiten – genau das beschreibt der Ankereffekt. Gemäss Tversky & Kahneman können solche «Anker» unsere Wahrnehmung und unsere Urteile stark verzerren. Beim Investieren zeigt sich dies häufig in der Fixierung auf den ursprünglichen Kaufpreis einer Aktie: Fällt der Kurs einer Aktie beispielsweise von 200 Euro auf 150 Euro, empfinden viele Anlegende sie als «günstig» und kaufen nach, selbst wenn sich die Fundamentaldaten verschlechtert haben. Steigt der Kurs hingegen auf 220 Euro, zögern Anleger zu investieren oder verkaufen sogar, weil der ursprüngliche Kurs von 200 Euro weiterhin als «fairer» Wert wahrgenommen wird, obwohl das Unternehmen heute objektiv mehr wert sein könnte.
Tipp: Verlasse dich nicht auf historische Preise, die dir präsentiert werden. Suche immer nach den aktuellen Fakten und Daten, bevor du eine Entscheidung triffst.
7. Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)
Wir sehen, was wir sehen wollen
Der Mensch liebt es, Recht zu haben. Und genau hier kommt der Confirmation Bias ins Spiel. Er beschreibt die Tendenz, vermehrt nach Informationen zu suchen, die die eigene Entscheidung bestätigen, während andere Informationen gerne ausgeblendet werden. So lesen Anlegerinnen und Anleger oft nur Berichte, die ihre Meinung stützen, und übersehen Warnsignale. Studien zeigen, dass dieser Confirmation Bias zu Fehleinschätzungen und riskanten Investments führt.
Tipp: Prüfe bewusst auch Gegenargumente, konsultiere mehrere Quellen und hinterfrage diese kritisch.
8. Mentale Buchführung (Mental Accounting)
Die Tücke der Töpfe im Kopf
Menschen neigen dazu, Geld je nach Herkunft oder Verwendungszweck unterschiedlich zu behandeln. Diese Tendenz, Geld im Kopf in verschiedene Töpfe einzuteilen, wird als «mentale Buchführung» bezeichnet. Richard Thaler zeigte, dass dieses Denken häufig zu irrationalen Finanzentscheidungen führt. Ein klassischer Fall: Unerwartet «gewonnenes» Geld wie eine Steuerrückzahlung wird oft wie ein Bonus betrachtet und schnell ausgegeben, statt damit Schulden zu tilgen oder fürs Alter vorzusorgen. Ebenso verbreitet ist die Illusion des Sparens: Wer regelmässig Geld auf ein Sparkonto überweist, gleichzeitig aber auf dem Zahlungskonto hohe Ausgaben für Impulskäufe zulässt, untergräbt den Effekt des Sparens. Das Geld wird dabei nicht als Gesamtes betrachtet, sondern künstlich getrennt – oft mit teuren Konsequenzen.
Tipp: Geld ist Geld – egal woher es kommt. Behandle alle Einnahmen als ein gesamtes Budget und vermeide künstliche «Töpfe». Das schafft Klarheit und hilft, finanzielle Entscheidungen rationaler zu treffen.
9. Aufschieberitis (Prokrastination)
Wer wartet, verliert
Prokrastination beschreibt die Tendenz, unangenehme oder komplexe Entscheidungen aufzuschieben – auch dann, wenn das negative Konsequenzen hat. Studien belegen, dass Aufschieberitis direkt mit schlechtem Spar- und Anlageverhalten zusammenhängt: Wer finanzielle Entscheidungen vertagt, spart weniger, investiert seltener und gerät häufiger in finanzielle Engpässe. Besonders gravierend sind die Auswirkungen auf die Altersvorsorge. Obwohl vielen Menschen bewusst ist, dass sie möglichst früh damit beginnen sollten, schieben sie den Abschluss eines Sparplans hinaus und verpassen dadurch den entscheidenden Zinseszinseffekt.
Tipp: Starte klein – aber starte sofort. Setze automatische Spar- und Investitionspläne auf, sodass Entscheidungen nicht ständig verschoben werden können.
10. Überoptimismus (Optimismus-Bias)
Die Falle der blinden Zuversicht
Optimismus kann beim Sparen und Investieren ein starker Motivator sein: Wer an eine positive finanzielle Zukunft glaubt, beginnt eher früh mit der Altersvorsorge und spart regelmässig. Übermässiger Optimismus verzerrt jedoch die Risikowahrnehmung. Tali Sharot hat aufgezeigt, dass Menschen Risiken wie Jobverlust, Krankheit oder Marktrückgänge oft unterschätzen. Sie legen zu wenig Geld zurück oder ignorieren potenzielle Verluste – mit der Folge, dass ihr Portfolio langfristig instabil wird.
Tipp: Plane einen Notgroschen ein, berechne deine Sparrate realistisch und berücksichtige mögliche Risiken objektiv, unabhängig von deiner Zuversicht.
Was ist Behavioural Finance?
Behavioural Finance (auf Deutsch: Verhaltensökonomie der Finanzen) untersucht, wie menschliches Verhalten und Psychologie Finanzentscheidungen beeinflussen. Anders als die klassische Finanztheorie, die davon ausgeht, dass Menschen immer rational handeln, zeigt Behavioural Finance, dass Emotionen, Gewohnheiten und Denkfehler oft zu irrationalen Entscheidungen führen. Ziel der Behavioural Finance ist es, solche Verhaltensmuster zu verstehen und klügere Finanzentscheidungen zu treffen.