Sie ist die Tochter berühmter Eltern und hat als Sängerin, Schauspielerin und Model selber Karriere gemacht. Ein Gespräch mit Sophie Auster über das Klischee der Prominententöchter, ihr neues Album und warum ein selbstbestimmtes Leben Raum für Schwächen lassen muss.

Sie waren gerade einmal 18, als Sie unter dem Titel «Sophie Auster» Ihr erstes Album veröffentlichten. Wussten Sie damals wirklich schon, wer Sophie Auster ist?
Ich wusste wohl schon ziemlich genau, wer ich selbst war, aber nicht unbedingt, wer ich als Künstlerin sein wollte. Das lag auch an der Zufälligkeit, mit der dieses Album entstanden ist. Ich hatte in meiner Freizeit angefangen, französische Gedichte zu vertonen, die mein Vater in seiner Jugend übersetzt hatte, und sie mit einer kleinen Band aufzunehmen und damit in Clubs aufzutreten. Eine Freundin unserer Familie hörte die Songs und durch eine glückliche Verkettung von Umständen landete das Album bei einem Pariser Label, das es zusammen mit ein paar meiner eigenen Songs veröffentlichte. Erst der überraschende Erfolg brachte mich dazu, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich mich künstlerisch präsentieren wollte.

Wie gut muss man sich kennen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen?
Gut genug, um zu wissen, dass man weitermachen muss, egal was passiert. Wir alle werden von Selbstzweifeln geplagt und fragen uns manchmal: Warum tue ich das überhaupt? Aber irgendwo tief in sich drin ist man davon überzeugt, dass man etwas zu sagen hat. Das verleiht einem die Kraft, Widerstände zu überwinden. Es hilft auch, sich mit Menschen zu umgeben, die an einen glauben. Ich hatte das Glück, bei Eltern aufzuwachsen, die mich immer unterstützt haben.

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Wahre Selbstbestimmung, wahre Stärke besteht nicht darin, immer stark zu sein. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie man mit den eigenen Schwächen umgeht.

Ihre Eltern sind das bekannte Schriftstellerehepaar Siri Hustvedt und Paul Auster. Empfanden Sie deren Berühmtheit als Fluch oder als Segen?
Anfangs haben sich mir dadurch sicher gewisse Möglichkeiten geboten, die ich sonst nicht gehabt hätte. Doch wer denkt, ich sei deshalb überall auf offene Türen gestossen, täuscht sich. Die Literatur und die Musik sind zwei sehr verschiedene Welten. Nur wenige Leute, mit denen ich in der Musikwelt zu tun habe, kennen meine Eltern. Wenn ich auftrete, bin ich einfach Sophie, nicht die Tochter von Siri Hustvedt und Paul Auster. In diesem Geschäft wird einem nichts geschenkt.

Trotzdem wollten Sie bereits als kleines Kind Sängerin und Schauspielerin werden. Gefällt Ihnen das Rampenlicht?
Ja. Ich liebe es, aufzutreten. Ich geniesse die Aufmerksamkeit. Ich mag den Austausch mit dem Publikum. Allerdings sind diese Momente der Euphorie nur eine Seite. Etwas ganz anderes ist es, langfristig die nötige Energie für die harte Arbeit aufzubringen. Man muss die Höhen und die Tiefen aushalten können, die mit einem solchen Leben verbunden sind.

Wie viel Raum lässt ein selbstbestimmtes Leben für Schwäche?
Wer sich keine Schwäche erlaubt, ist verloren. Wahre Selbstbestimmung, wahre Stärke besteht nicht darin, immer stark zu sein. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie man mit den eigenen Schwächen umgeht.

Ihr jüngstes Album «Next Time» wirkt verglichen mit den drei vorangegangenen geradezu poppig. Wie haben Sie zu diesem neuen Ton gefunden?
Lange Zeit haben mich vor allem meditative, traurige Stoffe zu den Geschichten inspiriert, die ich mit meinen Songs erzählen will. Mit optimistischem Material brachte ich nichts Rechtes zustande. Aber dann hat sich etwas in mir gelöst. Ich verspürte plötzlich das Bedürfnis, mich gehen zu lassen, eine Art von Erstarrung abzuschütteln. Ich dachte auch an das Publikum. Wer ein Konzert besucht, will Spass haben und einen Abend lang der Wirklichkeit entkommen. Mein nächstes Album wird mehr Tanzsongs enthalten, als ich bisher je geschrieben habe. Darin steckt die Lust auf ein neues Abenteuer und das Vertrauen darauf, dafür bereit zu sein.

Sie wurden manchmal dafür kritisiert, über keinen klaren Stil zu verfügen. Warum wollen Sie sich nicht festlegen lassen?
Ich ziehe es vor, in keiner bestimmten Schublade festzustecken. Ich finde es viel interessanter, mit jedem einzelnen Projekt ein kohärentes Ganzes zu schaffen, etwas, das über eine eigene Symmetrie und einen Fluss verfügt. Das gibt mir auch die Freiheit, die verschiedenen Seiten meiner Persönlichkeit auszudrücken: Melancholie und Introvertiertheit, Übermut und Fröhlichkeit.

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Wenn ich auftrete, bin ich einfach Sophie, nicht die Tochter von Siri Hustvedt und Paul Auster. In diesem Geschäft wird einem nichts geschenkt.

Anders als beim Schreiben von Songs, sind Sie als Schauspielerin auf einem Filmset ständig von anderen Leuten umgeben. Wie haben Sie die Arbeit an Ihrem letzten Film «The Zurich Affair» erlebt?
Ich liebe den gemeinschaftlichen Aspekt der Arbeit beim Film. Während der Dreharbeiten wachsen die Schauspieler und die Crew zu einer richtigen Familie zusammen. Das geniesse ich übrigens auch, wenn ich mit meinen Musikern unterwegs bin. Mit den Leuten von «The Zurich Affair» bin ich noch immer befreundet. Wir haben überall in der Schweiz gedreht und eine wunderbare Zeit miteinander verbracht.

In dem Film spielen Sie Mathilde Wesendonck, die Frau eines Industriellen, die während Richard Wagners Exil in Zürich zu seiner Muse wurde, vielleicht zu mehr. Was hat Sie an diesem Stoff fasziniert?
Es war nicht Richard Wagners Musik, wie ich gestehen muss. Mozart und Bach sind mir lieber. Mich hat die Geschichte beeindruckt: Mathilde hat Wagner zu vielen seiner romantischen Werke inspiriert und war dabei selbst Dichterin und Schriftstellerin. Aber sie wurde mit ihrem Talent in der Frauenfeindlichkeit ihrer Epoche schlicht zermalmt. Ich fand es wichtig, ihr endlich eine Stimme zu verleihen.

Welches sind Ihre eigenen Erfahrungen in zwei Industrien – Musik und Film –, die dafür berüchtigt sind, Frauen zu diskriminieren?
#MeToo hat sicher viel in Bewegung gebracht. Es wird jedoch eine neue Generation nötig sein, um das System von Grund auf zu verändern. Von sexueller Belästigung bin ich zum Glück verschont geblieben. Aber ich bin vielen Typen begegnet, die mit Frauen aus Prinzip verletzend und herablassend umgehen. Es ist demütigend von Männern, die keine Ahnung haben, wovon sie reden, wie ein kleines Mädchen behandelt zu werden.

Sie waren selbst noch ein kleines Mädchen, als Sie in diesem Geschäft anfingen – als Neunjährige spielten Sie Ihre erste Filmrolle. Jetzt sind Sie 34. Wie erleben Sie Ihr Alter in einer Branche, die stets nach dem Jüngsten, Frischesten und Neusten sucht?
Es hat Vor- und Nachteile. Ich kenne viele Künstler, die erst im Alter richtig in Fahrt kommen, und Junge, die nach einem Hit für immer verschwinden. Dabei bestehen heute gerade in der Musikindustrie viel mehr Möglichkeiten als früher, mit seinen Werken auch ohne ein Label präsent zu bleiben. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Altersdiskriminierung abgenommen hat. Mich haben all die Jahre, die ich nun schon dabei bin, selbstsicherer und entschlossener gemacht.

Woran messen Sie Erfolg?
Erfolg ist für mich, zu tun was ich liebe, und davon leben zu können. Mich zu hundert Prozent meiner Leidenschaft widmen zu können und nicht noch anderen Arbeiten nachgehen zu müssen, um über die Runden zu kommen. Das heisst nicht, dass es immer ein Honiglecken ist. Aber es ist das, was ich unter einem selbstbestimmten und erfüllten Leben verstehe.

Images: MCT Agentur / Aaron Stern / Ellinor Stigle

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Sophie Auster

Sophie Auster (34) ist Musikerin, Model und Schauspielerin. Sie wurde als Tochter des Schriftstellers Paul Auster und der Autorin Siri Hustvedt in New York geboren. Mit neun Jahren hatte sie ihre erste Filmrolle, mit 18 veröffentlichte sie ihr erstes Musikalbum. Ihr aktueller Film «The Zurich Affair» wurde 2021 beim Zurich Film Festival uraufgeführt. In diesem Historiendrama übernimmt sie die Rolle von Mathilde Wesendonck, der geliebten von Richard Wagner. In ihrem neuesten Album «Next Time» wagt sich die Jazz- und Folksängerin erstmals an die Popmusik heran. Sophie Auster ist ab März 2022 auf Europatournee und unter anderem auch in Wien und in Zürich zu sehen.

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