Mit 40 nicht mehr arbeiten müssen: Für Anhängerinnen und Anhänger der FIRE-Bewegung ist das die Verheissung finanzieller Freiheit. Was ohne besondere Umstände eine radikale Sparstrategie bedingt, führt jedoch zu einer viel grundsätzlicheren Frage: Wie viel Geld brauchen wir für das Leben, das wir führen möchten? Und was passiert, wenn Arbeit tatsächlich zur Option wird?
Kein Warten auf den Zahltag, von dem die nächste Miete abhängt. Keine ungeliebte Stelle behalten müssen, nur weil das Einkommen gebraucht wird. Für Anhängerinnen und Anhänger der FIRE-Bewegung ist genau dies das Ziel. FIRE steht für «Financial Independence, Retire Early», also finanzielle Unabhängigkeit und frühzeitiger Ruhestand. Das Prinzip dahinter ist einfach: einen ungewöhnlich grossen Teil des Einkommens sparen, das Geld langfristig investieren und so genügend Vermögen aufbauen, damit die Erträge schon in verhältnismässig jungen Jahren die eigenen Lebenshaltungskosten decken können.
Die Vorstellung einer vollständigen Pensionierung mit 40 hört sich spektakulär an. Doch FIRE muss nicht bedeuten, den Laptop für immer zuzuklappen. Finanzielle Unabhängigkeit kann auch heissen, das Arbeitspensum zu reduzieren, ein Sabbatical einzulegen, oder einen schlechter bezahlten, aber erfüllenderen Beruf auszuüben. Arbeit soll damit – zumindest in der Theorie – von einer finanziellen Notwendigkeit zu einer bewussten Entscheidung werden.
Geld als gespeicherte Lebenszeit
Grundlegende Gedanken, die später für FIRE wichtig wurden, erschienen bereits 1992 im Buch «Your Money or Your Life» von Vicki Robin und Joe Dominguez. Darin betrachten die US-amerikanischen Autoren Geld als etwas, für das Menschen «Lebensenergie» eintauschen: in Form von Arbeitszeit, Aufmerksamkeit und Fähigkeiten. Das verändere die Perspektive des Konsums. Es gehe nicht mehr nur um die Frage, ob man sich eine bestimmte Ausgabe leisten kann, sondern auch darum, ob sie einem die Lebenszeit wert ist, die man investieren musste, um das dafür nötige Geld zu verdienen. Die Autoren regen dazu an, alltägliche Ausgaben bewusster mit den eigenen Prioritäten abzugleichen. Brauche ich tatsächlich ein grösseres Auto oder eine grössere Wohnung? Und wie viel zusätzliche Lebensqualität bringen sie mir?
Die Rechnung hinter der Freiheit
Eine der bekanntesten, aber auch umstrittenen Faustregeln der FIRE-Bewegung lautet: Wer ungefähr das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben investiert hat, nähert sich finanzieller Unabhängigkeit. Ein vereinfachtes Schweizer Beispiel zeigt, wie stark der Lebensstil diese Rechnung beeinflusst. Wer langfristig CHF 80’000 pro Jahr benötigt, käme nach dieser Faustregel auf ein Zielvermögen von CHF 2 Millionen. Bei jährlichen Ausgaben von CHF 70’000 wären es CHF 1,75 Millionen. CHF 10’000 weniger Ausgaben pro Jahr bedeuten also CHF 250’000 weniger benötigtes Vermögen.
Die 4-Prozent-Regel
Hinter dem Faktor 25 steckt die sogenannte 4-Prozent-Regel. Sie geht auf Untersuchungen zur nachhaltigen Vermögensentnahme im Ruhestand zurück. Daraus wurde eine einfache Faustregel populär: Im ersten Jahr werden rund vier Prozent des ursprünglichen Vermögens entnommen. Danach wird dieser Betrag jeweils an die Inflation angepasst. Wer beispielsweise mit einem Vermögen von einer Million Franken startet, würde im ersten Jahr CHF 40’000 entnehmen. Bei einer Inflation von zwei Prozent wären es im zweiten Jahr CHF 40’800.
Für die FIRE-Bewegung gibt es dabei allerdings einen entscheidenden Haken: Wer bereits mit 40 finanziell unabhängig werden will, muss deutlich längere Zeiträume berücksichtigen. Die zugrunde liegenden Studien lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres übertragen. Hinzu kommt, dass sie auf historischen Daten des US-Kapitalmarkts beruhen. Künftige Renditen, Inflation, Steuern, Gebühren und schlechte Börsenjahre können die Rechnung erheblich verändern. Die 4-Prozent-Regel ist daher vor allem eine Faustregel. Sie liefert eine Grössenordnung, aber keine Garantie dafür, dass das Geld ein Leben lang reicht.
In der Schweiz wird die Rechnung aufgrund des Vorsorgesystems noch etwas komplexer. Die Altersvorsorge beruht auf drei Säulen: der staatlichen, der beruflichen und der privaten Vorsorge. Wer lange vor dem ordentlichen Referenzalter finanziell unabhängig sein möchte, muss deshalb mehr berücksichtigen als die Grösse seines Wertschriftendepots.
Was passiert, wenn das Ziel erreicht ist?
Die Idee hinter FIRE hilft, ein finanzielles Ziel messbar zu machen. Einnahmen, Ausgaben, Sparquote, Rendite, Zielvermögen: Das alles lässt sich in eine Tabelle eintragen. Schwieriger wird es bei der Frage, wie das Leben danach aussehen soll. Der ehemalige Bank-Manager Eric Sim erreichte in seinen Vierzigern selbst finanzielle Unabhängigkeit und verliess seine frühere Karriere. Seine Erfahrung macht ihn zu einer kritischen Stimme gegenüber FIRE: «Geld allein reicht nicht für einen erfüllenden Ruhestand», schreibt er in einem Beitrag für das CFA Institute. Wer sich während seiner besten Jahre ausschliesslich auf den Vermögensaufbau konzentriere, riskiere, Beziehungen, Interessen und eine Identität ausserhalb der Arbeit zu vernachlässigen. Denn finanzielles Vermögen sei nur eine Form von Kapital. Daneben stünden beispielsweise «Human Capital» – Fähigkeiten, Wissen, Erfahrung und persönliche Entwicklung – sowie «Social Capital», also Beziehungen und soziale Netzwerke. Damit rückt eine andere Frage in den Vordergrund: Was möchte ich tun, wenn ich nicht mehr arbeiten muss?
Arbeit gibt uns mehr als ein Einkommen
Arbeit finanziert unseren Lebensunterhalt. Doch für viele Menschen erfüllt sie weitere Funktionen. Sie strukturiert den Alltag, bringt uns mit anderen Menschen zusammen, fördert Fähigkeiten und kann Anerkennung, Identität und das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden. Das zeigt auch eine Studie von Karsten I. Paul und Bernad Batinic zu den sogenannten latenten Funktionen von Arbeit: Zeitstruktur, soziale Kontakte, Sinnhaftigkeit, Status und regelmässige Aktivität. Die Forschenden kommen zum Ergebnis, dass Erwerbstätige bei vier dieser fünf Funktionen höhere Werte aufweisen als Personen ausserhalb des Erwerbslebens. Wer früh aus dem Erwerbsleben aussteigt, gewinnt deshalb nicht einfach viele Stunden freie Zeit. Es verändern sich gleichzeitig der Tagesrhythmus, das soziales Umfeld und ein Teil des Selbstverständnisses und der Identität.
FIRE als Denkanstoss
Die wenigsten Menschen werden mit 40 in den Ruhestand gehen. Viele wollen das vermutlich auch gar nicht. Trotzdem enthält die FIRE-Bewegung einen bemerkenswerten Denkanstoss: Sie regt uns dazu an, Geld und Zeit gemeinsam zu betrachten.