Social-Media-Kanäle können den Einstieg in Finanzthemen erleichtern. Beim Konsum solcher Inhalte ist aber auch ein kritischer Blick angesagt. Nicht alle Beiträge sind fundiert und nicht alle Ratschläge lassen sich auf die eigene Situation anwenden.
Social Media ist heute für viele Menschen nicht nur ein Ort für Austausch und Unterhaltung, sondern auch eine schnelle Informationsquelle für Finanzthemen. Auf Instagram, YouTube, TikTok oder LinkedIn klären sogenannte «Finfluencer» kurz und leicht verständlich über Themen wie Geldanlage, Vorsorge und Vermögensaufbau auf. Insbesondere jüngere Generationen nutzen soziale Medien, um sich über Börsentrends, Anlagemöglichkeiten und Finanzstrategien zu informieren. Studien zeigen, dass solche Plattformen für junge Erwachsene mittlerweile wichtige Informationsquellen rund um das Thema Geld sind.
Das «Vorsorge-Panorama Schweiz» von Swiss Life zeigt: 13% der 18- bis 24-Jährigen sowie 15% der 25- bis 34-Jährigen holen sich Rat bei Finfluencern, während ältere Gruppen dies kaum bis gar nicht tun. Umgekehrt werden Bankberater umso häufiger genannt, je älter die Umfrageteilnehmenden sind. Ähnliches zeigt sich in Deutschland: Laut Befragungsdaten informieren sich 21% der 18- bis 34-Jährigen hauptsächlich mittels sozialer Medien über Finanzthemen, während es in älteren Altersgruppen nur 5% sind. Zudem geben 27% der unter 35-Jährigen an, «Finfluencer» als wichtige Informationsquelle zu nutzen (bei älteren Personen: 8%). In Frankreich ist dieser Effekt sogar noch deutlicher: Eine OECD-Studie im Auftrag der französischen Finanzaufsicht AMF zeigt, dass für 41% der 18- bis 24-Jährigen Social Media die wichtigste Informationsquelle zu Finanzthemen ist.
Neue Zugänge zur Finanzbildung
Durch die den Plattformen eigene Art, Inhalte aufzubereiten, kann über Social Media der Einstieg in komplexe Finanzthemen erleichtert werden: Viele Inhalte sind visuell gestaltet, verständlich erklärt und setzen wenig Vorwissen voraus. Die Bandbreite reicht von Budgettipps über langfristigen Vermögensaufbau bis hin zu nachhaltigen Anlagen und neuen digitalen Investmentformen.
Die Vorteile? In den Kommentaren stellen Nutzende Fragen und starten Diskussionen oder teilen ihre persönlichen Erfahrungen. Dies hilft anderen wiederum, die Social-Media-Inhalte einzuordnen. Für viele Nutzerinnen und Nutzer senkt das die Hemmschwelle und kann eine gute Gelegenheit bieten, um sich erstmals intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.
Wo Vorsicht geboten ist
Soziale Medien folgen oft demselben Prinzip: Inhalte werden zugespitzt, emotionalisiert oder als grosse Erfolge dargestellt, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Dadurch gehen Beiträge über hohe Renditen oder schnelle Gewinne häufig viral, während Risiken und Kosten ausgeblendet werden. Zusätzlich werden dabei teilweise auch fragwürdige oder wenig regulierte Anlagemöglichkeiten beworben, deren Risiken und Hintergründe kaum offengelegt werden. Das kann falsche Erwartungen wecken und den Eindruck vermitteln, bestimmte finanzielle Entscheidungen seien für alle gleich sinnvoll. In Wirklichkeit hängen sie jedoch stark von der persönlichen Situation, den Zielen, dem Zeithorizont und der Risikobereitschaft ab – Aspekte, die sich in kurzen Posts kaum differenziert darstellen lassen.
Beispiel: GameStop-Hype
Ein bekanntes Beispiel ist der GameStop-Hype, bei dem sich über soziale Medien verbreitete Erfolgsgeschichten stark von den tatsächlichen Risiken unterschieden. Während des Hypes um die Aktie von GameStop Anfang 2021 verbreiteten sich auf Plattformen wie Reddit und TikTok zahlreiche Beiträge über angeblich «sichere» und schnelle Gewinne. Viele Nutzer zeigten Screenshots von hohen Profiten und stellten die Aktie als einmalige Chance dar. Was dabei häufig ausgeblendet wurde:
- die extreme Volatilität der Aktie
- dass viele späte Käufer hohe Verluste erlitten, als der Kurs wieder fiel
- dass frühe Investoren oder professionelle Trader ihre Gewinne bereits realisiert hatten
- die spekulative Natur des Investments (kein nachhaltiger Anstieg des Unternehmenswerts)
Viele Privatanleger stiegen erst auf dem Höhepunkt ein und verloren innerhalb kurzer Zeit erhebliche Summen, als der Kurs einbrach.
Studien und Hinweise von Aufsichtsbehörden zeigen entsprechend ein gemischtes Bild: Social Media kann den Zugang zu Finanzthemen erleichtern, ist aber auch mit Risiken verbunden. So können Inhalte interessengeleitet oder irreführend sein, etwa durch stark vereinfachte Darstellungen, versteckte Werbung oder weil Empfehlungen nicht zur individuellen Situation passen. Zudem kann die Finanzkompetenz je nach Land und Bevölkerungsgruppe stark variieren. Die FINMA zum Beispiel führt eine Warnliste mit potenziell unbewilligten Anbietern und empfiehlt Anlegerinnen und Anlegern, sich vor Investitionen gründlich zu informieren.
Checkliste: Zehn Prüfpunkte zur Nutzung von Social Media für Anlageinformationen
- Profil und Expertise prüfen: Wer ist Absender des Inhalts? Welche Qualifikation oder Erfahrung ist erkennbar? (vgl. FINMA)
- Quellen kritisch prüfen: Worauf stützen sich die Aussagen? Gibt es nachvollziehbare Daten, Studien oder seriöse Referenzen? (vgl. ESMA)
- Reichweite nicht mit Qualität gleichsetzen: Likes, Kommentare und Followerzahlen sind kein verlässlicher Indikator für inhaltliche Substanz. (vgl. FCA)
- Keinen Zeitdruck zulassen: Anlageentscheide sollten ohne Druck getroffen werden. Aufforderungen wie «Jetzt sofort» sind ein Warnsignal. (vgl. FCA)
- Gesamtkontext berücksichtigen: Aspekte wie Rendite, Risiko, Kosten, Laufzeit, Liquidität sowie mögliche Negativszenarien (Worst Case) sollten in Entscheidungen berücksichtigt werden. (vgl. ESMA)
- Mehrere Sichtweisen betrachten: Aussagen nicht isoliert beurteilen, sondern mit weiteren Quellen und Meinungen abgleichen. (vgl. FCA)
- Interessen und Anreize hinterfragen: Bestehen finanzielle Motive (personalisierte Empfehlungslinks, Sponsoring, Provisionen)? Werden diese transparent offengelegt? (vgl. ESMA)
- Bei grossen Versprechen skeptisch bleiben: Sehr hohe Gewinne bei geringem Risiko sind in der Regel unrealistisch. (vgl. FCA)
- Messenger-Wechsel kritisch beurteilen: Aufforderungen, Anlageempfehlungen in private Chats (z. B. WhatsApp/Telegram) zu verlagern, sollten mit besonderer Vorsicht beurteilt werden. (vgl. FCA)
- Über Betrugsmaschen informiert bleiben: Typische Muster kennen (z. B. Fake-Profile, gefälschte Nachweise, Druckaufbau, «exklusive» Gruppen). (vgl. FINMA)