Es ist paradox: Immer mehr junge Menschen machen sich Sorgen um ihre finanzielle Zukunft und fürchten sogar Altersarmut. Trotzdem sorgen nur die wenigsten tatsächlich vor. Woran liegt das? Und was müsste sich ändern, damit aus Sorge auch Vorsorge wird? Antworten von Jugendforscher Simon Schnetzer.
Junge Menschen fürchten sich heutzutage wieder häufiger vor Altersarmut. Erleben wir gerade einen Wendepunkt in der Geschichte der modernen Altersvorsorge?
Für junge Menschen in Europa galt Altersarmut lange Zeit als kaum vorstellbar. Frühere Generationen konnten auf das Sicherheitsversprechen ihrer Regierungen vertrauen – man denke nur an den berühmten Slogan der deutschen Bundesregierung von 1986: «Denn eins ist sicher: die Rente.» Heute jedoch schwindet dieses Vertrauen. Immer mehr Junge gehen davon aus, im Alter finanziell nicht ausreichend abgesichert zu sein und daher weitgehend selbst vorsorgen zu müssen. Das zeigt sich in unserer Trendstudie «Jugend in Deutschland 2025», aber auch in internationalen Umfragen.
Sie forschen seit über einem Jahrzehnt zu den jungen Generationen. Was hat sich verändert?
Der Zukunftsoptimismus und das Sicherheitsgefühl haben deutlich nachgelassen – und mit ihnen die finanzielle Zuversicht und das Vertrauen in die Systeme der Altersvorsorge. Verantwortlich dafür ist die Erfahrung verschiedener Krisen: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise. Den endgültigen Kipppunkt markierte die Covid-Pandemie.
Plötzlich waren Geldsorgen nicht mehr nur ein Thema einkommensschwacher Haushalte, sondern rückten bis in den Mittelstand vor. Kaum war diese Krise überwunden, folgten Preissteigerungen und Inflation infolge des Angriffskriegs in der Ukraine. Diese Reihe aufeinanderfolgender Krisen hat das Sicherheitsgefühl der Menschen, insbesondere auch junger, nachhaltig erschüttert.
Wie wirkt sich dieses Lebensgefühl der Jungen auf ihren Umgang mit Geld und auf ihr Vorsorgeverhalten aus?
Geld hat als Garant für Sicherheit und Zukunftsperspektiven massiv an Bedeutung gewonnen. Entsprechend steht bei der Jobwahl heute häufig das Einkommen stärker im Vordergrund als der Wunsch nach Selbstverwirklichung.
Paradoxerweise schlägt sich dieses Sicherheitsbedürfnis nicht in der Altersvorsorge nieder – im Gegenteil: Immer weniger junge Menschen sparen gezielt fürs Alter.
Warum sorgen junge Menschen wider besseren Wissens nicht konsequenter vor?
Die Gründe sind vielschichtig. Am häufigsten wird fehlender finanzieller Spielraum genannt – viele können sich Vorsorge schlicht nicht leisten. Gleichzeitig ist eine starke Fixierung auf die Gegenwart zu beobachten: Unmittelbare Bedürfnisse haben Vorrang, die Konsumneigung ist gestiegen, während die Bereitschaft zum Verzicht gesunken ist. Hinzu kommt ein Gefühl der Überforderung: Altersvorsorge wird als komplex, unübersichtlich und schwer zugänglich wahrgenommen.
Woran liegt diese Überforderung?
Es fehlt an Wissen. Das Thema wird häufig weder im Elternhaus noch in der Schule systematisch besprochen. Unsere Forschung zeigt: Die Motivation, Geld zurückzulegen, ist gering, wenn ein klarer Plan fehlt und unklar ist, welche Schritte sinnvoll und wirksam wären. Verstärkt wird diese Zurückhaltung durch das frustrierende Gefühl, dass selbst konsequentes Sparen möglicherweise nicht für ein finanziell sorgenfreies Leben im Alter ausreichen wird.
Mit dem Renteneintritt der Babyboomer spitzt sich die Krise der umlagefinanzierten Vorsorgesysteme weiter zu. Droht eine Revolte der Generation Z?
Vereinzelte Stimmen – etwa von Jungpolitikerinnen und -politikern – thematisieren diese Schieflage. Eine breite Protestbewegung ist jedoch nicht erkennbar. Im Gegenteil: Die Mehrheit der jungen Menschen lehnt Reformen ab, die ältere Generationen belasten würden, etwa eine Erhöhung des Rentenalters oder eine Senkung des Rentenniveaus.
Auffällig ist: Im politischen Verteilungskampf ist die junge Generation die einzige, die sich bisher kaum dagegen wehrte, dass ihr langfristig Nachteile entstehen.
Wie erklären Sie diese Solidarität?
Unsere Studie zeigt, dass die Familie für junge Menschen zentral ist, weshalb sie älteren Generationen allgemein mit Loyalität begegnen. Ich würde aber hier eher von einer naiven Form der Solidarität sprechen. Sie beruht auf fehlender Information und darauf, dass Umverteilungsmechanismen abstrakt sind und ihre Konsequenzen zeitlich weit entfernt liegen. Umso deutlicher wird: Finanz- und Vorsorgekompetenz sind heute wichtiger denn je.
Was würde konkret helfen?
Ein Schulfach «Finanzen» wäre ein wichtiger Schritt. Darüber hinaus braucht es mehr gesellschaftliche Sensibilisierung und eine höhere Wertschätzung der privaten Altersvorsorge, etwa durch gezielte steuerliche Anreize, wie man sie etwa in Frankreich kennt. Und schliesslich braucht es auch eine neue Sprache.
Wozu braucht es eine neue Sprache?
Kaum ein Begriff wirkt auf junge Menschen so unsexy wie «Altersvorsorge». Stattdessen sollten wir von Wohlstandsaufbau oder Zukunftsinvestitionen sprechen. Sprache prägt die Wahrnehmung und entscheidet massgeblich darüber, ob junge Menschen sich überhaupt mit einem Thema beschäftigen. Zudem würde es bei den digitalen Suchanfragen junger Menschen viel häufiger gefunden.
Wie beurteilen Sie das Modell einer Frühstart-Rente*?
Das derzeit auch in Deutschland diskutierte Konzept einer staatlichen «Frühstart-Rente» finde ich einen spannenden Ansatz. Die Idee, für jedes Kind frühzeitig ein kleines Aktiendepot mit Fonds oder ETFs einzurichten, nutzt den Zinseszinseffekt optimal. Gleichzeitig würde sie junge Menschen früh an kapitalgedeckte Vorsorge heranführen – insbesondere diejenigen, die aus dem Elternhaus keinen Zugang dazu haben. Der Einstieg in langfristige Vermögensbildung und Altersvorsorge würde deutlich erleichtert.
Klar ist: Ohne Reformen bleibt der Gen Z nichts anderes übrig, als die entstehenden Rentenlücken eigenverantwortlich durch private Vorsorgemassnahmen zu schliessen. Gibt es Anzeichen dafür, dass die Jungen bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen?
Tatsächlich investiert die Generation Z verstärkt in Aktien, ETFs und auch Kryptowährungen – häufig über Apps und Neobroker. Das ist mit Risiken verbunden, bietet aber auch Chancen, insbesondere bei breit diversifizierten, passiven Anlagestrategien. Realistisch betrachtet, wird es aber nicht gelingen, dass die breite Masse ihre Altersvorsorge allein durch kluge Investments sichert. Hier bleibt die Politik klar gefordert, sofern das generationenübergreifende Rentensystem weiterhin tragfähig sein soll.
Manche sagen, die Probleme würden sich von selbst lösen, sobald die Zahl der Rentner nach der Babyboomer-Generation wieder sinkt. Sind die Sorgen der Jugend unbegründet?
Eine wacklige These. Es gibt zu viele unbekannte Grössen – man denke etwa an die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf den Arbeitsmarkt oder an die volatilen Entwicklungen bei Auswanderung, EU-Binnenmobilität und Migration. Die Hände in den Schoss zu legen und auf eine automatische Entspannung zu hoffen, halte ich daher für riskant.
Ich bin überzeugt: Mit einem klaren Vorsorgeplan – oder nennen wir es besser einen Wohlstandsplan – können junge Menschen ihre finanzielle Zukunft aktiv gestalten und sicherer durch eine unsichere Welt navigieren.
*Die Frühstart-Rente ist ein staatlich gefördertes Modell der Altersvorsorge für Kinder und Jugendliche, das u. a. in Japan und Kanada existiert. In Deutschland ist sie Teil der geplanten Rentenreform. Demnach soll der Staat für jedes Kind ab 2026 monatlich 10 Euro in ein individuelles, kapitalgedecktes Depot einzahlen.
© Portrait-Foto: Marco Urban
Simon Schnetzer
Simon Schnetzer ist studierter Volkswirt und einer der renommiertesten Jugendforscher Deutschlands. Gemeinsam mit Klaus Hurrelmann und Kilian Hampel veröffentlicht er die jährliche Trendstudie «Jugend in Deutschland».