Auch wenn die Aktienmärkte boomen, ist die Weltlage aktuell volatil. Eine Schlagzeile jagt die andere. Wie kann man als Privatanleger oder Privatanlegerin damit umgehen? Verhaltensökonom Thorsten Hens erklärt, wie Angst und Euphorie Anlageentscheide beeinflussen. Er zeigt auf, was der grösste Anlagefehler ist – und warum auch künstliche Intelligenz blinde Flecken hat.
Herr Hens, die Weltlage ist von geopolitischen Spannungen und Unsicherheiten geprägt, gleichzeitig entwickeln sich die Aktienmärkte positiv. Wie passt das zusammen?
Die Medien berichten naturgemäss über aufsehenerregende Ereignisse: geopolitische Risiken, Kriege oder künstliche Intelligenz. Die Börse dagegen schaut stärker auf die wirtschaftliche Entwicklung. Und da sieht es weiterhin gut aus: Die Auftragslage ist erfreulich, die Gewinne steigen, die Zinsen sind vergleichsweise niedrig.
Überschätzen wir den Zusammenhang zwischen Weltlage und Börse?
Wir lassen uns stark davon beeinflussen, was unsere Aufmerksamkeit bekommt. Aussergewöhnliche Meldungen nehmen wir stärker wahr als alltägliche. Das kann unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Was ist für Anlegende gefährlicher: Angst oder Euphorie?
Beides ist schlecht. In der Euphorie geht man zu hohe Risiken ein. Angst kann besonders teuer werden: Brechen die Kurse ein, realisiert man hohe Verluste, wenn man zum falschen Zeitpunkt aussteigt.
Was passiert unter Angst mit uns?
Wir werden kurzsichtig. Statt fünf oder zehn Jahre vorauszuschauen, kontrollieren wir plötzlich täglich unsere Anlagen und reagieren auf jede Schwankung. Solche Stressreaktionen lassen sich sogar über Gehirnaktivität und Hormone messen. Evolutionsbiologisch ist Panik sinnvoll: Bei Gefahr müssen wir schnell reagieren. An der Börse ist dieser Reflex aber wenig hilfreich.
Wie kann man damit umgehen?
Erfahrung hilft. Wer schon mehrere Krisen erlebt hat, bleibt gelassener. Daneben funktionieren einfache Faustregeln. So kann man beispielsweise im Voraus eine Aktienquote festlegen. Steigen die Aktien stark, verkauft man einen Teil. Brechen sie ein, kauft man nach. So wird die Entscheidung nicht erst gefällt, wenn die Emotionen am stärksten sind.
Was ist der grösste Fehler, den Anlegende machen können?
Das ist aus meiner Sicht ganz klar: nicht anzulegen! Mit Aktien partizipiert man am wirtschaftlichen Fortschritt. Wichtig dabei ist, diversifiziert zu sein und einen Anlagehorizont von mindestens etwa zehn Jahren zu haben.
Welche Rolle spielt dabei das Alter? Muss ein 30-Jähriger anders investieren als ein 60-Jähriger?
Das Alter allein ist nicht entscheidend. Ich bin 64, habe aber trotzdem einen langen Anlagehorizont, weil ich Vermögen vererben möchte, das meine Kinder weiter anlegen können. Entscheidend ist, wann das Geld benötigt wird.
Aber gilt Ihre Empfehlung, anzulegen, auch heute? Angesichts der hohen Kurse fragen sich viele: Bin ich nicht zu spät dran?
Höchststände an der Börse sind normal. Wenn die Wirtschaft langfristig wächst, entstehen zwangsläufig immer wieder neue. Hohe Kurse allein sind deshalb kein Grund, nicht einzusteigen.
Und wenn demnächst die KI-Blase platzt, wovor manche warnen?
Vielleicht platzt sie. Vielleicht steigen die Kurse aber auch noch lange weiter. Das kann keiner vorhersagen. Wer auf den perfekten Moment wartet, riskiert, jahrelang nicht investiert zu sein.
Wer 100 000 Franken erbt, der sollte den Betrag also umgehend investieren?
Genau. Aber ich würde die Investitionen staffeln: zum Beispiel zehn Monate lang jeweils 10'000 Franken anlegen. So wird das Risiko minimiert, dass bei einem möglichen Crash der ganze Betrag betroffen ist. Viel länger würde ich aber nicht warten, sonst entgeht einem mögliche Rendite.
Angenommen, der Börsenkurs sinkt. Wann sollte man nachkaufen?
Bei einem Rückgang von 5 oder 10 Prozent ist die Wahrscheinlichkeit ungefähr 50:50, dass es danach wieder aufwärtsgeht. Sind die Kurse aber 20 Prozent gefallen, liegt die Wahrscheinlichkeit für eine anschliessende Aufwärtsbewegung laut unseren Berechnungen bei rund zwei Dritteln. Das kann ein guter Zeitpunkt für den Einstieg sein.
Aber woher weiss ich, dass es nicht nochmals 20 Prozent abwärtsgeht?
Das können Sie nicht wissen. Es geht nicht darum, den Tiefpunkt zu erwischen. Entscheidend ist, die eigene Aktienquote wiederherzustellen. Ist sie durch den Einbruch unter Ihre Zielquote gefallen, kaufen Sie nach. Nach starken Kursgewinnen machen Sie das Gegenteil und verkaufen einen Teil. So investieren Sie kontrazyklisch.
Braucht ein Aktienportfolio eine Sicherheitsreserve?
Ja, denn man sollte in der Krise handlungsfähig bleiben. Wenn das ganze Geld in Aktien investiert ist und die Börse einbricht, fehlt Kapital, um Aktien nachzukaufen. Wer zusätzlich in andere Anlagen investiert, kann Marktrückgänge möglicherweise sogar nutzen, um Aktien günstiger zu erwerben.
Was ist unser grösster Irrtum, wenn es um Geld geht?
Der Zinseszinseffekt wird von vielen falsch eingeschätzt. Menschen denken linear, der Zinseszins funktioniert exponentiell. Über Jahrzehnte entstehen dadurch Grössenordnungen, die wir intuitiv kaum erfassen. Deshalb unterschätzen wir, wie wichtig der Faktor Zeit beim Anlegen ist.
Und bei der Pensionierung: Rente oder Kapital?
Die Rente sollte den notwendigen Lebensunterhalt decken. Was darüber hinaus angespart wurde, kann man als Kapital beziehen und weiter anlegen. Mit dem Geld, das man für Wohnung und Essen braucht, sollte man nicht spekulieren.
Viele Anlegende investieren selbst. Braucht es überhaupt professionelle Beratung?
Wir sind in einer Studie zu einem paradoxen Ergebnis gekommen: Erfahrenere Anlegende sind eher bereit, Entscheidungen zu delegieren. Menschen mit geringer Investmentkompetenz verzichten dagegen häufiger auf Beratung und überschätzen ihre Fähigkeiten. Ein gutes Abschneiden an der Börse schreiben sie dem eigenen Können zu – obwohl vielleicht einfach der Markt gestiegen ist. Beratung könnte ihnen in schlechteren Zeiten dabei helfen, teure Fehler zu verhindern.
Kann uns nicht KI vor Anlagefehlern schützen?
Teilweise. Menschen verkaufen Gewinner gerne zu früh und halten Verlierer zu lange, weil sie sich sonst einen Fehler eingestehen müssten. KI hingegen kennt keine Angst oder Scham und macht solche psychologischen Fehler nicht. Dafür macht sie andere.
Zum Beispiel?
Wir liessen in einem Versuch acht KI-Modelle aus rund 2000 Aktien des MSCI World ein Portfolio auswählen. Sie wählten nur etwa zehn Titel – und weitgehend dieselben. Es waren besonders prominente Aktien, nach denen häufig bei Google gesucht wurde. Die KI verwendete also eine Art Prominenzheuristik. Unser Fazit: Sie macht andere Fehler als der Mensch, aber insgesamt nicht weniger.
Die Maschine hat also ihre blinden Flecken. Und Sie selbst – schützt Sie Ihr Wissen vor Anlagefehlern?
Nein. Ich bin auch ein Mensch und habe Emotionen. Ich weiss vielleicht häufiger, wann eine Reaktion irrational ist. Manchmal handle ich aber trotzdem so. Das ist wie beim Arzt, der raucht, oder beim Zahnarzt, der Schokolade isst.
Thorsten Hens
Thorsten Hens ist Professor für Finanzökonomie an der Universität Zürich und Professor für Finanzen an der Norwegischen Handelshochschule. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Behavioral Finance und damit die Frage, wie psychologische Faktoren Anlageentscheidungen beeinflussen. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: Behavioral Finance for Private Banking (mit Kremena Bachmann und Enrico De Giorgi), Financial Economics: A Concise Introduction to Classical and Behavioral Finance (mit Marc Oliver Rieger) sowie Cultural Finance: A World Map of Risk, Time and Money (mit Marc Oliver Rieger und Mei Wang).