Carsharing statt eigenes Auto, Streaming statt CD-Sammlung: Wer heute über Besitz spricht, denkt oft anders als noch vor 20 Jahren. Statt zu kaufen, wird genutzt – zeitlich begrenzt, flexibel und oft günstiger. Diese Entwicklung wird in der Forschung als Sharing Economy oder Collaborative Consumption bezeichnet.

Viele Güter werden nur selten verwendet. Ein Auto steht oft den Grossteil des Tages ungenutzt still, Werkzeuge kommen nur bei wenigen Gelegenheiten im Jahr zum Einsatz, technische Geräte sind schnell überholt und verlieren an Wert. Besitz bedeutet in diesen Fällen vor allem Kosten, Unterhalt und Kapitalbindung. Durch das Teilen erhöht sich die Nutzung von Gütern, gleichzeitig verteilen sich Anschaffungs- und Unterhaltskosten auf mehrere Nutzer. Vor allem für jüngere Generationen sind Flexibilität, Planbarkeit und geringere Fixkosten oft wichtiger als der Besitz an sich, wie Studien zeigen (vgl. beispielsweise den Schweizer Sharing Monitor).

Modelle der Sharing Economy

Sharing-Modelle haben sich mittlerweile in den verschiedensten Branchen etabliert. Je nach Eigentums- und Nutzungsstruktur lassen sie sich grob in drei Kategorien einteilen:

  • Business-to-Business (B2B): Unternehmen besitzen Güter und stellen sie anderen Unternehmen ohne langfristige Mietverträge zur Verfügung, etwa Büroflächen, Baumaschinen oder Lastfahrzeuge.
  • Business-to-Consumer (B2C): Unternehmen besitzen Güter und ermöglichen Privatpersonen die Nutzung, zum Beispiel bei Carsharing-Angeboten, Bikes und Scooters oder beim Sharing von Veranstaltungsräumen.
  • Peer-to-Peer (P2P): Privatpersonen teilen, verleihen oder vermieten ihr Eigentum an andere Privatpersonen; das Unternehmen stellt lediglich die (digitale) Plattform bereit, etwa bei Tauschbörsen, Secondhand-Plattformen oder Mitfahrgelegenheiten.

Abgrenzung zur Access Economy

Insbesondere bei B2B- und B2C-Modellen zeigt sich eine inhaltliche Nähe zwischen Sharing Economy und Access Economy, da beide auf Nutzung statt Besitz und digitale Plattformen setzen. Der zentrale Unterschied liegt in der Ressourcengrundlage: Sharing Economy beruht meist auf dem Teilen bereits vorhandener, dezentral gehaltener Ressourcen, während die Access Economy professionell bereitgestellten Zugang zu zentralen Gütern beschreibt. In der praktischen Umsetzung verschwimmen diese Grenzen zunehmend, was die begriffliche Abgrenzung erschwert. Ein klassisches Beispiel ist Carsharing: Nutzer erleben es als B2C-Sharing-Modell, während die Fahrzeuge in der Praxis häufig professionell als Flotte bereitgestellt werden, sodass es strukturell eher zur Access Economy gehört.

Technologie als Treiber

Aktuelle Marktanalysen zeigen, dass technologische Entwicklungen das Wachstum der Sharing Economy weiter beschleunigen. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz, Blockchain-Anwendungen und sichere digitale Zahlungssysteme senken Transaktionskosten, erhöhen das Vertrauen und verbessern die Nutzererfahrung. Funktionen wie Echtzeit-Tracking, Mikrotransaktionen oder Bewertungssysteme machen geteilte Nutzung planbar und skalierbar. Besonders deutlich wird der Technologieeffekt in Bereichen wie Mobilität (z.B. GPS-basierte Fahrzeuglokalisierung), Logistik (optimierte Routenplanung und Auslastung), Unterkünften (digitale Schlüssel und automatische Buchung) sowie bei Peer-to-Peer-Diensten (Vertrauens- und Identitätsmanagement über Bewertungen und verifizierte Profile).

Finanzierung und Risiko im Wandel

Mit der Verlagerung von Besitz zu Nutzung entstehen auch neue Risikoprofile. Verantwortlichkeiten sind nicht mehr dauerhaft an eine Person gebunden, sondern wechseln je nach Nutzung. Für Versicherungen und Finanzdienstleister bedeutet das: Klassische, langfristig angelegte Modelle stossen an Grenzen. Gefragt sind flexible Lösungen, die sich an tatsächlicher Nutzung, Dauer und Kontext orientieren.

Gleichzeitig verändert sich die Art der Finanzierung. Wenn weniger gekauft und mehr genutzt wird, verlieren hohe, einmalige Investitionen an Bedeutung. Stattdessen gewinnen Abonnements, nutzungsbasierte Zahlungen und flexible Finanzierungsmodelle an Relevanz. Ob Streaming, digitale Fitnessangebote oder cloudbasierte Software; regelmässige Zahlungen haben sich in vielen Bereichen etabliert.

Das Prinzip des Teilens betrifft dabei nicht nur Konsumgüter, sondern auch das Kapital. Bei Crowdfunding- und Peer-to-Peer-Modellen stellen viele Beteiligte gemeinsam finanzielle Mittel bereit, anstatt dass eine einzelne Institution die Finanzierung übernimmt. Auch hier steht der Zugang zu Ressourcen im Vordergrund, nicht deren Besitz.

Ein Trend mit ungenutztem Potenzial

Für die kommenden Jahre wird ein starkes Wachstum des globalen Sharing-Economy-Marktes prognostiziert, wobei rund ein Drittel dieses Wachstums auf Europa entfallen soll. In der Schweiz nutzen viele Menschen Sharing-Angebote trotz hoher Bekanntheit aktuell nur gelegentlich. So lag zwar die Bekanntheit der Sharing-Ansätze über alle Kategorien hinweg 2021 bei 75%, aktiv genutzt haben sie aber nur gerade 27% der Bevölkerung. Der Gap zwischen Bekanntheit und Nutzung von Sharing-Angeboten entsteht vor allem dort, wo der wahrgenommene Nutzen nicht überzeugt. Erst wenn Sharing-Angebote zu den eigenen Werten passen, Freude bereiten, finanziell attraktiv sind und einfach funktionieren, werden sie auch tatsächlich genutzt.
 

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