Sport und Finanzwelt haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denken würde. Sportpsychologe Alain Meyer zeigt im Interview auf, welche Muster und Denkweisen für Athletinnen und Athleten wichtig sind. Diese lassen sich auch gut beim Anlegen und Sparen anwenden.
Alain Meyer, wie bleibt man im Sport auch in stressigen Situationen ruhig, um die richtige Entscheidung fällen zu können?
Die Selbstführungskompetenz ist hier wichtig: In stressigen Situationen sollte man mental einen Schritt zurückmachen und beobachten, was gerade passiert. Man löst sich von seinen Gedanken und Emotionen und schafft Distanz und damit Ruhe, um sich bewusst vor Augen zu führen, was man in diesem Moment braucht und was wichtig ist. Stresssituationen merken wir oft im Körper: Wir haben Druck auf der Brust oder einen angespannten Bauch. Unserem Gehirn wird signalisiert, dass es handeln muss. In solchen Momenten ist es aber genau wichtig, den Körper zu beruhigen, um klare Gedanken fassen zu können.
Im Sport arbeiten wir dafür mit Atemtechniken, aber auch mit Methoden wie dem Führen von Selbstgesprächen, in denen man den inneren Dialog für sich statt gegen sich gestaltet. Auch eine verbesserte Körperhaltung kann Entspannung bringen. Kurz aufstehen, die Schultern hochziehen und ausatmen – das sind alles kleine Übungen, die oft unterschätzt werden. Sie tragen jedoch dazu bei, den Parasympathikus im Gehirn zu aktivieren, der dafür zuständig ist, dass wir ruhig werden und strategische Entscheidungen treffen können.
👉 Finanztipp: Dieses Verhaltensmuster kann auch beim Anlegen oder Sparen hilfreich sein. Dort sollte man nämlich auch in stressigen Situationen – wenn etwa die Märkte unruhig sind – einen kühlen Kopf bewahren, um diese zu analysieren und passende Entscheidungen fällen zu können.
Im Spitzensport ist das Kontrollieren der eigenen Emotionen in den entscheidenden Momenten eines Wettkampfes zentral. Wann sind Emotionen sinnvoll und wann hinderlich?
Das Zauberwort heisst Akzeptanz. Früher war man der Ansicht, dass alle negativen Emotionen sofort abgestellt werden müssen. Neue Studien zeigen aber, dass alle Emotionen verstärkt werden, gegen die man ankämpft. Emotionen wie Angst oder Unsicherheit sind nichts Schlechtes, sondern ein Hinweis darauf, dass der Körper etwas braucht, etwa Sicherheit oder Vertrauen. Indem man seine Emotionen bewusst annimmt, verschwendet man keine Energie damit, sie loszuwerden. So verlieren negative Emotionen ihre Kraft. Damit kann man aus einer gestärkten Position agieren, viel einfacher einen Handlungsplan abrufen und sich auf seine Kompetenzen fokussieren.
👉 Finanztipp: Auch im Umgang mit den eigenen Finanzen sollte man sich nicht von negativen Emotionen leiten lassen. Indem man ihnen bewusst Platz gibt, lernt man, seine Energie nicht auf sie, sondern auf die eigenen Kompetenzen oder die seiner Beraterinnen und Berater zu richten.
Rückschläge sind Teil des Sports. Was lässt sich von Athletinnen und Athleten über den Umgang mit Niederlagen lernen?
Viele der grössten Sportlerinnen und Sportler bezeichnen Niederlagen als Learnings. Auch ich bin der Meinung, dass man aus jedem Rückschlag etwas lernen kann. Sie zwingen einen zum Reflektieren und dazu, Lösungen zu finden. Bildlich gesprochen, kauft man sich bei einer Karriere mit Höhepunkten auch Niederlagen als Nebenprodukt ein. Anstatt sie um jeden Preis zu verhindern, sollte man sich darauf einstellen, dass Rückschläge dazu gehören, und einen konstruktiven Weg finden, mit ihnen umzugehen.
Wichtig ist aber auch: Negative Emotionen dürfen Platz haben. Wer eine Niederlage erlebt, darf traurig und enttäuscht sein. Der Mensch muss diese Emotionen bewusst zulassen können, natürlich in einem passenden Rahmen. Danach ist er dann, wenn es wieder um Leistung geht, viel handlungsfähiger.
👉 Finanztipp: Auch im Finanzbereich sind zeitweise Verluste unvermeidlich. Kursschwankungen, Fehleinschätzungen oder unerwartete Ereignisse können jederzeit eintreffen. Anstatt diese Momente zu fürchten, sollte man versuchen, etwas für spätere Finanzentscheidungen aus ihnen zu lernen.
Erfolge müssen im Sport oft bestätigt oder sogar übertroffen werden. Wie gehen Sportlerinnen und Sportler mit der mentalen Herausforderung der eigenen Erfolge um?
In einem Umfeld, in dem immer auf Topleistung hingearbeitet wird, ist es sehr wichtig, Dinge richtig einzuordnen – dazu gehören auch Erfolge. Nach einem grossen sportlichen Erfolg kann man auch einmal eine Pause oder einen Zwischenstopp einlegen und muss nicht immer mehr wollen. Im Profisport darf man sich nicht allein über die Zielerreichung definieren. Dafür rate ich Athletinnen und Athleten, sich bewusst zu sein, dass sie – nebst dem Sport – noch viele andere Rollen haben, die sie einnehmen. So sind sie auch Ehepartner, Freunde, Eltern oder Kinder. Damit schafft man bewusst Gegenwelten und Perspektiven.
👉 Finanztipp: Auch wenn bei den eigenen Finanzen alles optimal läuft, muss es nicht immer noch höher hinaus gehen. Stattdessen macht es Sinn, von Zeit zu Zeit innezuhalten und die eigene Finanzstrategie zu analysieren. Gewinnmaximierung muss dabei nicht zwingend im Zentrum stehen.
Was ist aus sportlicher Sicht wichtig, wenn es darum geht, sich Ziele zu setzen?
Ziele müssen auf der einen Seite realistisch und messbar sein. Im Alltag sollte man sich fragen, was aktuell erreichbar und sinnvoll ist. Auf der anderen Seite ist es wichtig, auch Träume zuzulassen. Denn von ihnen geht die grösste Motivation aus. Zwischen diesen beiden Polen muss man eine gute Balance finden.
👉 Finanztipp: Wie im Sportbereich ist es auch beim Sparen und Anlegen wichtig, sich realistische Ziele zu setzen, etwa im Rahmen eines überlegten Finanzplans. Aber auch langfristige, grössere Ziele können motivierend sein. Dabei ist es sinnvoll, in Etappen zu denken und sich einen Plan zurecht zu legen, wie diese schrittweise erreicht werden können.
Im Sport stehen immer wieder Grossanlässe oder bedeutende Wettkämpfe an. Wie bereitet man sich auf Momente vor, in denen es besonders zählt?
Menschen haben die Tendenz, in speziellen Situationen noch mehr machen zu wollen als üblich. Mit der Schweizer Nationalmannschaft hatten wir eine solche, als wir an der letzten Fussball-EM der Frauen in den Viertelfinal einzogen. Im Sport gibt es das Konzept des optimalen Leistungszustands. Demnach ist es am wahrscheinlichsten, die beste Leistung abzurufen, wenn man sich im mittleren Belastungszustand befindet. Steht eine wichtige Partie an, sind die Spielerinnen meist bereits nervöser als gewöhnlich. Da kann es kontraproduktiv sein, sie mit noch intensiverer Vorbereitung über das angestrebte Mittelmass zu reizen. Die beste Devise ist meistens, gar nichts zu verändern, aber: Eine gewisse Anspannung ist wichtig, um genügend fokussiert zu sein.
👉 Finanztipp: Wenn grosse Finanzentscheidungen anstehen, kann dies emotional belastend sein. Anstatt die Anspannung zu überreizen, sollte man Ruhe bewahren und sich auf seine Kompetenzen oder auf diejenigen von Fachleuten besinnen. So ist es wahrscheinlicher, die passenden Entscheidungen zu treffen.
Disziplin und Ausdauer sind relevante Faktoren, um sportliche Ziele zu erreichen. Wie wichtig ist Training aus sportpsychologischer Sicht?
Sehr wichtig. Wissenschaftlich ist es gut belegt, dass regelmässige Wiederholungen ein Erfolgsrezept sind. Wenn wir ein Muster genug oft repetieren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir es in den entscheidenden Momenten abrufen können. Letztlich trainieren wir in diesem Sinne fast alles: Auch wenn wir oft ängstlich sind, konditionieren wir uns unbewusst darauf, in gewissen Situationen Angst zu haben. Wenn wir uns umgekehrt immer wieder sagen, dass etwas machbar ist und wir eine Lösung finden, stellen wir uns automatisch positiver ein.
👉 Finanztipp: Auch im Finanzbereich ist Training – also Vorbereitung und Aneignen von Wissen – das A und O. Egal ob beim Sparen oder Anlegen: Sich die passende Expertise anzueignen oder sich beraten zu lassen, ist zentral für einen gelingenden Finanzplan.
Alain Meyer
Alain Meyer ist ein ehemaliger Profifussballer. Nach seiner Aktivkarriere schloss er ein Studium in Sportpsychologie ab und gründete sein eigenes Beratungsunternehmen. Neben zahlreichen Spitzensportlern betreut er das Schweizer Frauennationalteam und den FC St. Gallen. Darüber hinaus bietet er auch Coachings für Unternehmen und Privatpersonen an.